Urkunden und Untersuchungen
zur Geistesent^A/^icklung des
heutigen Orients
Veröffentlichungen
der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde
Herausgegeben
von
Prof. Dr. G. Kampffmeyer
Heft 3
Berlin 1919
Verlag „Der Neue Orient" G. m. b. H.
Berlin W^ 50, Tauentzien Straße 19 a
>
Dichter der neuen Türkei
Von
Prof. Dr. Martin Hartmann
Mit emem Bildnis des verewigten Verfassers
und zehn Bildnissen türkischer Dichter
Berlin 1919
Verlag „Der Neue Orient" G. m. b. H.
Berlin W 50, Tauentzienstraße 19 a
/i
Hartmann, Dichter der neuen Türkei. 5
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Während des Druckes dieses Büchleins, am 5. Dezember
1918, ist Martin Hartmann verschieden. Während des
Druckes dieses Büchleins ist Deutschland, das dem Ansturm
fast der ganzen Welt Trotz geboten, überall weit in Feindes
Land stehend, in schwersten Schicksalsstunden feindlichen
Gewalten unterlegen. Nicht mehr auf den Wogen deutsch-
türkischer politischer Verbundenheit läuft dieses Werk nun
aus. Dennoch läuft es aus, indem es erwartet, daß es, un-
abhängig von der Zeiten und der besonderen Umstände Gunst
und Ungunst, nach seinem Ewigkeitsgehalt eingeschätzt werde.
Und so tritt auch der Verewigte in diesem Buch noch einmal
vor das türkische Volk, zu dem und über das er so viel geredet,
heischend auch er, daß es in dem, was er geredet, den Ewig-
keitsgehalt erkenne. Gewiß hat er, der rasch Zugreifende,
manchmal angestoßen und hat wohl auch einmal nicht da»
Richtige getroffen. Aber deswegen bleibt doch eine Haupt-
tatsache wahr: Aufstieg war es, zu dem er anfeuerte.
Wie ermunterte er, wie rühmte er, wo er Gesundes und
Kraftvolles antraf; und wenn er Ungesundes und Schwäch-
liches oft mit scharfem Wort rüg^e, so entsprang doch auch
seine Rüge nur dem lebhaften Anteil, den er an der Aufwärts-
entwicklung eines hochstrebenden Volke» nahm. Jetzt scheint
auch das türkische Volk niedergeworfen. Aber wahre Größe
eine» Volkes wird durch hartes Geschick nicht gebrochen,
sondern bewährt, geläutert, erhoben. Möge das türkische
Volk seinen Weg, auf dem ihm so edle Geister als Führer
vorangingen, dennoch durch alle Not hindurch nehmen zu
hohem und schönem Ziel. Deutschland aber wird die Kraft,
die es bewiesen, weiter bewahren und bewähren. Es bleibt,
was es war und ist. Seine Beziehungen zum Orient, in wissen-
schaftlicher Forschung und Anteilnahme am heutigen Leben
des Ostens, sind seinen politischen Beziehungen zu den orienta-
lischen Völkern weit vorangegangen. Sie sind unzerstörbar,
weil sie tiefe sittliche Wurzeln haben, und sie werden in dem
6 Hartinann,
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Maße sich befestigen und vertiefen, als sie weiter sittliche
Werte zum Ziele haben werden. Eine neue Zeit steiget herauf.
Möge sie auch für den Osten eine Ordnung bringen, die alle
tüchtigen Kräfte freimacht, daß jedes seiner Völker ungehindert
schaffen könne am Aufbau des eigenen Hauses, in Frieden mit
dem Nachbar, in Freundschaft und fruchtbarer Zusammenarbeit
mit den Völkern des Abendlandes.
Berlin-Lichterfelde-W., den 3. Januar 1919.
Prof. Dr. G. Kampffmeyer
Inhalt.
Seite
Vorwort 7
Quellen il
1. Abdulhakk Hamid 17
2. Dschenab Schehabeddin 26
3. Suleiman Nesib 33
4. Fa'ik Aali 36
5. Chalid Fachri 38
6. Fazyl Ahmed 41
7. Sulaiman Nazif 42
8. Abdullah Dschewdet 47
9. Schehabeddin Sulaiman 49
10. Nigar Hanum 51
11. Redscha'izade Ekrem 52
12. Hüsein Su'ad 54
Seite
13. Kazim Narai 55
14. Ja'kub Kadri 56
15. Uschakizade Chalid Zija 60
16. Izzet Melih 68
17. Selaheddin Enis 80
18. Jaschar Nezihe Hanum 81
19. Mehmed Re'uf 83
20. Ihsan RaMf Hanum 86
21. Dschelal Sahir '88
22. Köprülüzade Mehmed Fu'ad ... 91
23. Ali Dschanib 95
24. Ömer Seifüddin 11 1
25. Enis Awni [Aka Gündüz] . . . .112
Bildnisse sind gegeben von den Dichtern i, 3. 4. 8. 9. Ii. 13. 14. 18. 21.
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L
Martin Härtmann
f 5. Dezember 1918
Dichter der neuen Türkei. 7
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Vorwort.
' Die beiden ersten Stücke meines „Aus der neueren Osmanischen
Dichtung" (Mitteilungen d, Sem. für Orientalische Sprachen XIX
(1916), S. 124—180, hier MSOS I, und XX (1917), S. 86—149, hier
MSOS ü) fanden freundliche Aufnahme. Richard Hartmann
gab Bericht über sie in Orientalistische Literaturzeiiung 1918 Nr. 5/6
Sp. 148 f. und Nr. 7/8 Sp. 193 — 196. Otto Hachtmann berichtete
über das erste Stück in Neuer Orient 11 Nr. 3, S. 152. Carl Brockel-
mann beschäftigte sich mit dem zweiten Stück in Wtlt des Islams V,
S. 283 ff. Brockelmann und Hachtmann sprachen den Wunsch
aus, daß eine Buchausgabe hergestellt werde.
Über die Absicht der ersten Darbietung sagten die einführenden
Worte (MSOS I, S. 124): „Diese Blätter bieten Material für die
Geschichte der Neuosmanischen Literatur und damit der Neuzeit
der Türkei, die mit dem 10/23. Juli 1908 begann. Das was bereits
aus zahlreichen Mitteilungen bekannt ist, wird hier nicht wiederholt,
und so verzichte ich auf Aufnahme von Mehmed Emin. Auch
Riza Tewfik und Zija Gök Alp fehlen. Mir lag daran, in die
Kämpfe einzuführen, die die „Jungen" auszufechten hatten. Gerade
die Männer, die dabei eine führende Rolle spielten, sind bei uns
noch so gut wie unbekannt. Ich nenne hier nur Ali Dschanib
und ömer Seifuddin. Es sind nur Lebende aufgenommen, mit
Ausnahme von Ekrem (Nr. 11)."
Es hätte sich daran schließen können eine Reihe anderer Neueren
wie Mehmed Aakif, Jusuf Zija^, A. Seifi, Hüsein Rahmi.
Aus dem Gange meines Lebens mit der Neuen Türkei entwickelte
sich aber zunächst die Studie über Zija Gök Alp (MSOS 11),
und in dem dritten Stück „Zu 'Aus der neueren Osmanischen
Dichtung'" (XXI (1918), S. 1—82, hier MSOS EI) waren die mittler-
1 Manche Stücke von ihm haben den Zauber echter Poesie. Wundervoll vs^ied ergegeben
ist sein „Der Bastard" von Otto Hachtmann in Islamische Welt II, Nr. 6/7, S. 234.
Ich schrieb über dieses dunkle, nur erraten lassende, in schönen Harmonien sich wiegende
Gedicht im Referat über Türk Jurdu (N. O. II, S. 260) [zu Nr. 142]: „^Bastard' ist
eine Allegorie: dem Wortsinne nach geht aus der Vereinigung der Seenixe mit einem
Menschenkinde ,die Liebe' (Hschq) hervor, ein Bastard, dem alles gehört, neben dem
jStärke' nichts mehr ist; das ganze übt Wirkung durch den Versuch, das traumhaft
Unbestimmte in Worte zu fassen, die wie Musik rauschen."
8 Hartmann,
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weile erwachsenen zahlreichen Nachträge zu geben; zugleich ver-
suchte ich darin eine Synthese aus den etwas zusammenhanglosen
Einzelnachrichten von MSOS I.
Das erste, 25 Vitae enthaltende Stück (MSOS I) wird bald durch
reichere Darstellung verdrängt sein. Die Geschichte der Neu-,
osmanischen Literatur wird geschrieben werden, und die von mir
behandelten Personen werden dann schärfer hervortreten. Meine
Mitteilungen möchte ich darum nicht für ersetzbar halten. Denn
sie haben durch die Wiedergabe einer orientalischen Quelle mit
Beleuchtung durch zahlreiche Zusätze und Anmerkungen einen
selbständigen Wert: die Autoren erscheinen im Lichte der zeit-
genössischen Volksgenossen, und die Vitae sind nicht, wie mehr-
fach ausgegeben wurde, lediglich Räucherpfannen, dargebracht
von guten Freunden, sondern geben die Opinio der literarischen
Kreise wieder. So entschloß ich mich der Aufforderung zur Buch-
ausgabe Folge zu leisten und lege MSOS I hier vor mit Einarbeitung
der Nachträge in MSOS III und des mannigfachen anderen Materials,
das mittlerweile hinzugekommen ist, und aus dem ich hervorhebe
die Arbeiten Otto Hachtmanns und die schöne Kadri-Studie
Richard Hartmanns in Welt des Islams V S. 264.
Nicht verschweige ich, daß gegen die Auswahl der verzeichneten
Dichter Einwand erhoben wurde. Es wurde mir beanstandet, daß
ich Ali Dschanib [Nr. 23] aufgenommen, mit der Begründung,
daß er „keine Rolle spiele". Gerade ein solcher Einwand erscheint
mir am wenigsten beachtlich. Es ist in der türkischen Literaten-
welt, wie es in anderen gewesen ist und zum Teil noch ist: es
halten sich unbedeutende Geister auf einer hohen Stufe der An-
erkennung, weil sie und ihr Gefolge das Lärmmachen verstehen,
während der um die höchsten Werte Ringende ein unbeachtetes
Dasein führt. Ali Dschanib hat auch äußerlich einen gewissen
Erfolg errungen (er ist jetzt Professor an dem Höheren Lehrer-
seminar). Als Dichter ist er zurückgetreten. Die Welt erwartet von
einem Manne, der einmal in den ersten Reihen der Kämpfenden
gestanden, daß er in kürzeren Abständen mit neuen tönenden Er-
zeugnissen hervortrete. Nicht selten ist das Schweigen einzig die
Folge des höchsten Anspruchs an die eigene Leistung, der es
verschmäht mit Arbeiten hervorzutreten, die den Autor nicht be-
friedigen, in Wirklichkeit die der Tadler und Scheelseher weit über-
ragen. Wer aus meinen Mitteilungen über Ali Dschanib nicht
das Bild eines hochbedeutenden Dichters gewann, der lese die
Dichter der neuen Türkei. g
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Seiten, die Otto Hachtmann ihm im Zwanzigsten Jahrhundert
widmete [30 — 33] (ich bemerke ausdrücklich, daß Hachtmann zu
seiner tiefempfundenen Würdigung des Dichters unabhängig von
mir gelangte). Bleiben ihm Leben und Dichterkraft erhalten, so
wird sein Name einer der ersten der osmanischen Dichtung werden.
Ein anderes Beispiel, daß ich recht tat, einen jungen Autor (ge-
boren 1891) aus der Sammlung New Sali Milli aufzunehmen, ob-
wohl ich selbst gegenüber der das Lob etwas stark auftragenden
Vita des Schulmannes Schehabeddin Suleiman die Kritik an einer
mir banal erscheinenden Einzeläußerung nicht unterdrücken konnte,
ist Chalid Fachri [Nr. 5]. Sein Drama haiqus „die Eule", das
Anfang 1917 in Konstantinopel über die Bühne ging, ist von der
Kritik nicht günstig aufgenommen worden, und es dürfte kaum
sich auf der Bühne halten; es ist aber in seinen Fehlern typisch
und insofern lehrreich. Der Dichter ist noch jung, seine Ent-
wicklung nicht abgeschlossen ; läßt er sich durch die Zurecht-
weisungen belehren, so kann wohl etwas von ihm erwartet werden.
Bei ihm habe ich in besonderem Maße den Eindruck, daß es an
dem nötigen Ernst und Fleiß fehlt. Die meisten der jungen os-
manischen Talente müssen erst arbeiten lernen. Sie wissen noch
nicht, daß „Kunst" von „können" kommt, und daß das „Können"
auch vom Dichter nur in zähem Fleiße erworben wird. Eines der
Mittel, es zu erwerben, ist: übersetzen; jeder junge Autor sollte
neben unausgesetztem kritischem Studium der Weltliteratur diese
Anpassung fremder Meisterwerke an seine Sprache üben. Wird
davon auch nichts gedruckt oder aufgeführt, so wird solches Mühen
ihm sehr bald seinen Segen zeigen.
Nachdem eine Anzahl Neuosmanischer Dichter nach Leben und
Werken besprochen worden, galt es sie systematisch zu behandeln,
d. h. ihren Werdegang und ihr Wesen im Zusammenhang mit
anderen sozialen Erscheinungen darzustellen. Ist der Versuch
solcher Synthese in den Mitteilungen des Seminars für Orientalische
Sprachen XXI (1918) S. 1 — 82 weit nicht so eindringend geworden,
wie ich selbst es wünschte, so scheint mir doch auch hier der
Abdruck nicht unnütz, weil die Methode, die mir als die erfolg-
reichste erscheint, hier ohne Hemmungen angewandt werden
konnte. Dieser Syntheseversuch führt die soziographische
Gliederung durch, die ich meinen Arbeiten zugrunde zu legen
pflege, und gibt einige Neubeleuchtungen, die ich für fruchtbar
halte (ich weise hin auf die Konstruktion des Zusammenhanges der
8 Hartmann,
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weile erwachsenen zahlreichen Nachträge zu geben; zugleich ver-
suchte ich darin eine Synthese aus den etwas zusammenhanglosen
Einzelnachrichten von MSOS I.
Das erste, 25 Vitae enthaltende Stück (MSOS I) wird bald durch
reichere Darstellung verdrängt sein. Die Geschichte der Neu-
osmanischen Literatur wird geschrieben werden, und die von mir
behandelten Personen werden dann schärfer hervortreten. Meine
Mitteilungen möchte ich darum nicht für ersetzbar halten. Denn
sie haben durch die Wiedergabe einer orientalischen Quelle mit
Beleuchtung durch zahlreiche Zusätze und Anmerkungen einen
selbständigen Wert: die Autoren erscheinen im Lichte der zeit-
genössischen Volksgenossen, und die Vitae sind nicht, wie mehr-
fach ausgegeben wurde, lediglich Räucherpfannen, dargebracht
von guten Freunden, sondern geben die Opinio der literarischen
Kreise wieder. So entschloß ich mich der Aufforderung zur Buch-
ausgabe Folge zu leisten und lege MSOS I hier vor mit Einarbeitung
der Nachträge in MSOS III und des mannigfachen anderen Materials,
das mittlerweile hinzugekommen ist, und aus dem ich hervorhebe
die Arbeiten Otto Hachtmanns und die schöne Kadri-Studie
Richard Hartmanns in Welt des Islams V S. 264.
Nicht verschweige ich, daß gegen die Auswahl der verzeichneten
Dichter Einwand erhoben wurde. Es wurde mir beanstandet, daß
ich Ali Dschanib [Nr. 23] aufgenommen, mit der Begründung,
daß er „keine Rolle spiele". Gerade ein solcher Einwand erscheint
mir am wenigsten beachtlich. Es ist in der türkischen Literaten-
welt, wie es in anderen gewesen ist und zum Teil noch ist: es
halten sich unbedeutende Geister auf einer hohen Stufe der An-
erkennung, weil sie und ihr Gefolge das Lärmmachen verstehen,
während der um die höchsten Werte Ringende ein unbeachtetes
Dasein führt. Ali Dschanib hat auch äußerlich einen gewissen
Erfolg errungen (er ist jetzt Professor an dem Höheren Lehrer-
seminar). Als Dichter ist er zurückgetreten. Die Welt erwartet von
einem Manne, der einmal in den ersten Reihen der Kämpfenden
gestanden, daß er in kürzeren Abständen mit neuen tönenden Er-
zeugnissen hervortrete. Nicht selten ist das Schweigen einzig die
Folge des höchsten Anspruchs an die eigene Leistung, der es
verschmäht mit Arbeiten hervorzutreten, die den Autor nicht be-
friedigen, in Wirklichkeit die der Tadler und Scheelseher weit über-
ragen. Wer aus meinen Mitteilungen über Ali Dschanib nicht
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Seiten, die Otto Hachtmann ihm im Zwanzigsten Jahrhundert
widmete [30 — a] (ich bemerke ausdrücklich, daß Hachtmann zu
seiner tiefempfundenen Würdigung des Dichters unabhängig von
mir gelangte). Bleiben ihm Leben und Dichterkraft erhalten, so
wird sein Name einer der ersten der osmanischen Dichtung werden.
Ein anderes Beispiel, daß ich recht tat, einen jungen Autor (ge-
boren 1891) aus der Sammlung New Sali Milli aufzunehmen, ob-
wohl ich selbst gegenüber der das Lob etwas stark auftragenden
Vita des Schulmannes Schehabeddin Suleiman die Kritik an einer
mir banal erscheinenden Einzeläußerung nicht unterdrücken konnte,
ist Chalid Fachri [Nr. 5]. Sein Drama haiqus „die Eule", das
Anfang 1917 in Konstantinopel über die Bühne ging, ist von der
Kritik nicht günstig aufgenommen worden, und es dürfte kaum
sich auf der Bühne halten; es ist aber in seinen Fehlern typisch
und insofern lehrreich. Der Dichter ist noch jung, seine Ent-
wicklung nicht abgeschlossen ; läßt er sich durch die Zurecht-
weisungen belehren, so kann wohl etwas von ihm erwartet werden.
Bei ihm habe ich in besonderem Maße den Eindruck, daß es an
dem nötigen Ernst und Fleiß fehlt. Die meisten der jungen os-
manischen Talente müssen erst arbeiten lernen. Sie wissen noch
nicht, daß „Kunst" von „können" kommt, und daß das „Können"
auch vom Dichter nur in zähem Fleiße erworben wird. Eines der
Mittel, es zu erwerben, ist: übersetzen; jeder junge Autor sollte
neben unausgesetztem kritischem Studium der Weltliteratur diese
Anpassung fremder Meisterwerke an seine Sprache üben. Wird
davon auch nichts gedruckt oder aufgeführt, so wird solches Mühen
ihm sehr bald seinen Segen zeigen.
Nachdem eine Anzahl Neuosmanischer Dichter nach Leben und
Werken besprochen worden, galt es sie systematisch zu behandeln,
d. h, ihren Werdegang und ihr Wesen im Zusammenhang mit
anderen sozialen Erscheinungen darzustellen. Ist der Versuch
solcher Synthese in den Mitteilungen des Seminars für Orientalische
Sprachen XXI (1918) S. 1 — 82 weit nicht so eindringend geworden,
wie ich selbst es wünschte, so scheint mir doch auch hier der
Abdruck nicht unnütz, weil die Methode, die mir als die erfolg-
reichste erscheint, hier ohne Hemmungen angewandt werden
konnte. Dieser Syntheseversuch führt die soziographische
Gliederung durch, die ich meinen Arbeiten zugrunde zu legen
pflege, und gibt einige Neubeleuchtungen, die ich für fruchtbar
halte (ich weise hin auf die Konstruktion des Zusammenhanges der
1 o Hartmann,
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literarischen Entwicklung mit dem Krimkriege als Nahebringer
französischen Denkens). Der Stoff brachte es mit sich, daß die
soziographische Behandlung hier nicht so weitführend ist wie da,
wo Familisches (Sippisches) und Wirtschaftliches in einer relativ
vorurteilslosen Umwelt offen besprochen werden können. Aber
der Weg ist gezeigt, und es ist hier ein Beispiel der Ausfüllung
des soziographischen Rahmens gegeben. Die Kreuzungen der
Gesellungmomente sind in diesem Versuche noch nicht in der Fülle
nachgewiesen, wie die Wirklichkeit sie bietet: namentlich das
Geistesleben und das Staatsleben in ihrem wichtigen Aufeinander-
wirken sind noch zu vertiefen und es ist solchen Assoziationen wie
der oben erwähnten (Literatur und Krimkrieg) noch energischer
nachzugehen. In die Synthese ist auch die kurze Skizze „Die
Literatur der neuen Türkei" eingearbeitet, die dem Katalog
Harrassowitz Nr. 377 (1917) vorgesetzt ist. Die Ausgabe der
Synthese soll diesem Hefte alsbald folgen.
Der Nachrichtenstelle der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel
wird die Beschaffung der Photographien verdankt, nach denen die
beigefügten Porträte hergestellt wurden.
Charlottenburg, den 1. Dezember 1918.
Martin Hartmann
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Dichter der neuen Türkei. 1 1
<X)00©0CeKXXX)OOO0000000000CKD0000000<XXXXXXDCXD000O<X)<XX>XXDOCXXXXXXXXXXXXXXXXX)00000<^^
Quellen.
I. geng qalenüer „die jungen Federn", Über diese Zeitschrift berichtet mir Mustafa
Nermi [S. 12] folgendes: ^,geng qalemler erschien zuerst in Monastir unter dem Namen
liüsün weSiHr; in Nr. i war auf der ersten Seite ein Gedicht von mir: Louis Buchner
[gemeint ist Ludwig Büchner, der einen großen Erfolg im Orient hatte]; es erschienen
aber nur zwei oder drei Nummern in Monastir, dann übersiedelte die Zeitschrift nach
Salonik, zunächst unter dem alten Namen; nach fünf oder sechs Nummern wurde der
Name geändert in geng qalemler; als Redakteur zeichnete H. [Husain] Husni. Mit An-
nahme des neuen Namens trat eine Reform ein, indem das Programm fester formuliert
wurde; als wichtige Mitarbeiter kamen hinzu Zija Gök Alp, der unter dem Namen
Tewfik Sedad [teivfiq sedäd] schrieb, und Ali Dschanib ['^ali gänib], jetzt Professor
der Literatur am Gelenbewi-Gymnasium in Stambul; nach weiteren fünf Nummern wurde
auf Veranlassung Zijas, der ein vorzüglicher Organisator ist, das Programm weiter aus-
gestaltet, d. h. es wurden die Beiträge nach bestimmten Gruppen geordnet, schärfer als
es bei den meisten modernen türkischen Zeitschriften der Fall ist. In dieser neuen Gestalt
übernahm Ali Dschanib die Redaktion: die erste Nummer nach der zweiten Reform
enthielt den großen epochemachenden Artikel Ömer Seifüddins über die Schaffung einer
neuen Sprache, der einen wahren Sturm hervorrief. Ich lieferte der Zeitschrift regel-
mäßig Besprechungen von den neuesten französischen Werken über Philosophie und
Soziologie; zur Sprachfrage nahm ich das Wort in einem großen, eine ganze Nummer
füllenden Artikel, den ich 1912 aus Paris einsandte, und in dem ich mich besonders
gegen Köprülüzade Mehmed Fuad und Jakub Kadri [ja^qüb qadri] wandte;
Kadri hatte sich in der Zeitschrift rebäb in scharfer Weise gegen Ömer Seifüddin
geäußert; ich erkenne übrigens die ausgezeichneten literarischen Qualitäten Kadris voll
an". Soweit Nermi. Einem Buchhändler in Stambul gelang es, von geng qalemler
den größten Teil für mich zu finden. Ich besitze: hüsün iveSiHr Nr. 5 vom i. 8.
1326/14. 8. 1910. — geng qalemler Nr. i ohne Datum. Nr. 2 vom 25. 12. [1326]/
7. I. 1911. Nr. 4 vom 14. i. 1326/27. I. 1911. Nr. 5 vom 31. i. 1326/13. 2. 1911.
Nr. 6 vom 29. 6 1327/12. 7. 191 1. Nr. 7 vom 27. 7. 1327/9. 8. 191 1. Nr. 8 vom
10. 8. 1327/23. 8. 191 1. Nr. 9 vom 4. 9. 1327/17. 9. 1911. Nr. 10 vom i. 10.
1327/14. 10. 1911. Nr. II vom 23. 10. 1327/5. 11. 1911. Nr. 12 vom 18. II.
1327/1. 12. 1911. Nr. 14 vom 13. i. 1327/26. I. 1912. Nr. 15 vom i. 2. 1327/
14. 2. 1912. Nr. 16 vom 16. 2. 1327/1. 3. 1912. Nr. 20 vom 27. 4. 1328/10. 5.
1912. Nr. 21 vom 16. 5. 1328/29. 5. 1912. Nr. 22 vom 6. 6. 1328/19. 6. 1912.
Nr. 23 vom 19. 6. 1328/2. 7. 1912. Nr. 24/25 vom 10. 7. 1328/23. 7. 1912, Extra-
nummer zur Erinnerung an den 10. Juli 1324. Nr. 26 vom 24. 8. 1328/6. 9. 1912.
Nr. 27 vom 2. 10. 1328/15. 10. 1912. Diese ganz unregelmäßig hingeworfenen
Äußerungen der jeni lisängtler „Neusprachler" sind kennzeichnend für die Gärungszeit.
Freilich haben die Gegner recht, daß diese Reformer sich allzusehr an das Äußere hielten
und daß die mit so viel Lärm empfohlene Neuerung an ihnen selbst nicht scharf genug
in Erscheinung trat. Es sind in der Tat auch Sprachphilister vom alten Schlage, die da
zu Worte kommen. Unerfreulich ist, daß persönliche Polemik, die nicht gerade durch
Witz ausgezeichnet ist, einen breiten Raum einnimmt. Nicht wenige der Stücke, die in
der Literatur Bedeutung gewannen (und mit Recht, weil in ihnen ein neuer Geist weht),
erschienen hier zuerst, wie „Die Straßenlaterne" Ali Dschanibs (Nr. 23). Die jungen
Kämpfer erscheinen meist auch im Bilde.
2. new sali milll 1330 ,, Neues Nationales Jahrbuch auf 1330" [beg. 14. 3. 1914],
gesammelt und zusammengestellt von T. Z., herausgegeben von der Buchhandlung für
1 2 Hartmann,
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Lektüre und nützliche Werke. Konstantinopel, Druckerei Artin Asadurian und Söhne,
586 S. Ein sehr verdienstliches Unternehmen. Dem Armenier, der das Buch herausgab, gelang
es, von einer großen Anzahl hervorragender Männer und Frauen Beiträge zu erhalten. Die
ersten 331 Seiten gehören der schönen Literatur. Dann folgen Männer des tätigen Lebens,
Künstler, Spezialisten für Gymnastik und Körperpflege, Pädagogen, Männer von Heer und
Flotte, hier auch im Bilde die energische und sympathische Fliegerin Bilkis Schewket
Hanum (S. 436 ff.), zum Schluß einige literarische Nachzügler (S. 456 — 480), endlich eine
Anzahl Mitglieder des Parlaments (S. 481 — 502), verschiedene Abhandlungen und Anzeigen,
Karikaturen, die Redaktionen verschiedener Zeitschriften mit Porträten, Kalender. Von
jedem Autor ist das Bild gegeben mit einer Unterschrift von seiner Hand, die zuweilen
einen Teil der „Probe" bildet, dann eine Vita, anonym oder von hervorragendem Autor,
dann eine oder mehrere Proben. Die Sammlung ist nicht vollständig; sie gibt immerhin
ein Bild von den Hauptströmungen. Die von Ömer Seifüddin verfaßte Vita des Dichters
AliDschanib ist eine Darstellung der jüngsten Entwicklung, die zwar nicht systematisch
ist, aber doch die großen Züge erkennen läßt. — Siglum: NSM.
3. hüjük di(jghu „Großes Empfinden", Halbmonatsschrift (nicht mehr erscheinend), brachte
in einem, die Nummern 10 — 13 (S. 145 — 224, Nr. 10 vom 10. 7. 1329 [23. 7. 1913]) ent-
haltenden Sonderhefte Bild und Probe von 29 osmanischen Modernen. — Siglum: Büj'ük.
4. Zeitungen und Zeitschriften; sie wurden von den „Dichtern" berannt, die ihre
Geisteskinder möglichst schnell herausbringen wollten, und wandten sich an Berühmtere,
um interessant zu sein. Die Tradition der unzweifelhaft Regsten und Rührigsten, wie sie
sich im Türk Derneji, dem Organ der gleichnamigen Gesellschaft, äußerte, übernahm
der besser geleitete und auf festerer Basis stehende Türk Jurdu (man sagt, daß die be-
deutenden Mittel, die sein Betrieb erfordert, aus dem Geschenke einer patriotischen Dame
stammen): keine Nummer ohne eine poetische Äußerung. Selbst der die ganz strenge
islamische Richtung vertretende Sebil ürresäd opfert der Muse, freilich ausschließlich durch
den Mund seines Hausdichters und Chefredakteurs Mehmed Akif [^äkif]. Auch die der
gemäßigten Theologenschule angehörige Zeitschrift Islam Medschmu'asy bringt Gedichte,
von ihrem Spiritus rector Zija Gök Alp wie von anderen (vgl. unter Aka Gündüz
[Nr. 26]). An literarischem Interesse überragte die Tagesblätter weit Turan, das Organ
der extremnationalen Partei, das Zija Gök Alp, Ömer Seifüddin, Jusuf Zija zu seinen
Mitarbeitern zählte. Es hörte mit Nr. 1460 vom 19. November 1915 plötzlich zu er-
scheinen auf, angeblich aus Papiermangel, vermutlich aus Mangel an Nachfrage: das
Stambuler Publikum regt sich gern einmal an Extravagantem auf, ist aber für die Durch-
führung einer neuen Idee nicht zu haben. Auch kam der von dem Blatte vertretene
extreme Turanismus außer Mode.
5. Von türkischen Literaturgeschichten ist nur zu nennen Schehabeddin Sulaimans
tärichi edebijäti '■otmänije (Stambul 1328 [19 12]), auf 378 Seiten die ganze Literatur-
geschichte bis hinunter zu Dschelal Sahir behandelnd. Es war ein großer Wurf, und er
ist im ganzen gelungen. Die Neueren sind mit Liebe und mit Verständnis behandelt. Es
ist hier gelegentlich auf Schehabeddin Sulaimans Ausführungen Bezug genommen.
Über ihn selbst siehe hier Nr. 9. — ■ Für die ältere Literatur (bis etwa 1130/1718) liegt
vor Köprülü und Schehabeddin Sulaiman, jeni osmanly tärichi edebijäty Bd I,
Stambul 1332/1916.
6. Besondere Belehrung und Anregung verdanke ich türkischen Männern von geistiger
Bedeutung, die die Güte hatten, Probleme der modernen Entwicklung mit mir durch-
zusprechen. An erster Stelle nenne ich den Juli 1918 verstorbenen Ibrahim Hakki Pascha,
der mit einer tiefen und ausgedehnten, aus einer kongenialen Veranlagung entspringenden
Kenntnis der osmanischen Poesie ein entschiedenes Urteil über die Werte verbindet, die in
ihr miteinander ringen, an zweiter Mustafa Nermi, aus dessen Leben ich hier die Haupt-
daten nach eigener Darstellung mitteile:
,,Ich bin am 8. Oktober 1890 in Köprülü- Welesch (Mazedonien) geboren. Mein Vater
und meine Mutter sind Türken. Ich besuchte die Mittelschule in meiner Vaterstadt; schon
Dichter der neuen Türkei. 13
damals schrieb ich für die Zeitschrift „Bagtsche" in Salonik Übersetzungen aus dem
Französischen. Nach Absolvierung der Mittelschule ging ich nach Üsküb und trat in das
Gymnasium ein. Ich war arm, man nahm mich kostenlos auf. Am meisten beschäftigte
ich mich mit Französisch, Literatur und Naturwissenschaften. Das Französische öffnete
mir einen weiten und leuchtenden Horizftnt. Bei Lesung von Lamartines und Mussets
Dichtungen ergriff mich immer leidenschaftlichste Bewegung. Zugleich zeigte mir das
Leben die herzlichsten Empfindungen ; nur konnte ich diese ganz und gar nicht finden in
dem mühseligen Stil der damaligen türkischen Dichter. Dieser konnte die Weite des
Schauplatzes, der von Frühling, Schmetterlingen und darüber wehenden duftigen Winden an-
gefüllt war, nicht fassen, sondern lebte in einem dürftigen, kranken Rahmen. Lamartine
war nicht so: der sprach so, daß ich verstand, empfand. War das nicht auch bei uns
möglich? Einige seiner Dichtungen übersetzte ich ins Türkische nach einer mir eigen-
tümlichen Art; ich übersetzte sie in unser Türkisch, mit unseren rhythmischen Worten.
Ich zeigte die Stücke meinem Literaturlehrer und sie gefielen ihm. „Nur", sagte er, „mit
dieser deiner Art wirst du die Kritik herausfordern." So war es auch tatsächlich. Von
den führenden Dichtern erhielt ich briefliche Kritiken; einige machten mir persönlich Ein-
wände. Aber mein Mut wurde nicht gebrochen. Ich konnte meine Gedichte nicht publi-
zieren. Durch einen Erlaß Abdulhamids war die Literatur unterbunden; nur einfache
Übersetzungen, gewöhnliche Artikel ohne Wert, fachliche Erörterungen konnten gedruckt
werden. Poesie war ganz und gar verboten, nur Kassiden zum Thronbesteigungsfest und
zum Geburtstag durften geschrieben werden; so eng war das Feld der Literatur. In dem
Gymnasium blieb ich drei Jahre. In dieser Zeit schrieb ich Gedichte für das in Üsküb
erscheinende Wochenblatt ,,Kossowa". Einen Teil meiner Gedichte ließen die Lehrer von
den Kindern der Unterklassen auswendig lernen. Damals las ich Voltaire, Rousseau
und französische Klassiker. Dieses Studium weckte in meinem Geistesleben eine neue
Eigenheit. Die sich mit Literatur Beschäftigenden begannen mich zu beachten. Darunter
waren hohe Beamte und Paschas. Ich hoffte, daß ich durch deren Hilfe zu dem hohen
Studium vrärde gelangen können. Der Vermögensstand meines Vaters ließ das nicht zu.
Die Ferien befand ich mich in Köprülü; eines Tages erhielt ich einen Brief von dem
Direktor der Schflle: ,,es wird eine Preisverteilung stattfinden, mach' ein Gedicht darauf,
aber mit viel Sorgfalt; du sollst es selbst während der Feierlichkeit vorlesen". Ich be-
reitete das gewünschte Gedicht vor. Nach meiner Rückkehr zum Gymnasium fand die
Feier statt. Der Wali von Mazedonien Husein Hilmi Pascha, der Wali von Kossowa
Mahmud Schewket Pascha, sämtliche Konsuln, die großen Professoren waren dort an-
wesend. Ich verlas mein Gedicht. Mahmud Schewket Pascha ließ mich zu sich rufen
und feuerte mich sehr an. Beide Paschas ließen sich ein Exemplar meines Gedichtes
geben und versprachen, mein Studium mit ganzer Kraft fördern zu wollen. Nach Beendigung
des Gymnasiums kehrte ich nach Köprülü zurück. Damals wurde in der Stadt ganz im
geheimen eine Propaganda gegen Abdulhamid getrieben. Es war wenige Tage vor der
Revolution. Was ich gegen den Sultan geschrieben hatte, las man mit großer Erregung
in den Kaffeehäusern. Der damalige Kaimmakam Münif Bej ließ mich rufen. Er verlangte
von mir die Gedichte, die ich gemacht hatte; ich gab sie ihm. „Aber", sagte er, ,,dai
ist ja gegen den Sultan, das ist für dich sehr gefährlich." „Mag sein," sagte ich, „ich
denke so." Er schätzte mich, und er empfahl meine Aufnahme in die Gesellschaft für
Einheit und Fortschritt. Einige Tage darauf fand die Revolution statt (10./23. Juli 1908),
Sehr viele neue Zeitungen wurden gegründet. Nun konnte ich mir mit der Feder mein
Brot verdienen. Ich ging nach Salonik und ließ mich in die juristische Fakultät einschreiben.
Meine Absicht war, den Mechanismus, der die türkische Gesellschaft leitet, in der Nähe
zu sehen. Das Rechtsstudium betrachtete ich als eine Einführung in das Studium der
Soziologie. Ich wurde Schriftleiter der Zeitung „Kadyn". Nachdem ich dort eine Weile
gearbeitet hatte, kehrte ich nach Köprülü zurück. Es trat die ^Notwendigkeit hervor, die
Schulen zu reformieren. Der Zweig des Komitees in Köprülü legte diese Aufgabe in
meine Hand und machte mich zum Inspektor für sämtliche Schulen. Drei Monate arbeitete
14 Hartmann,
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ich dort. In meiner Aufgabe war ich erfolgreich. Die Zentrale des Komitees berief mich
nach Salonik und ernannte mich zum Lehrer für Französisch und Stil an dem dortigen
Gymnasium des Komitees. Nun wurde ich bekannt mit den Gelehrten und den großen
Redakteuren, und ich begann, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Einen Monat lang
schrieb ich die Leitartikel für die Zeitung „Wazife". Auch die anderen Zeitungen, „Jeni
Asyr", ,,Zeman", ,,Rumeli", die Arbeiterzeitung, „Bagtsche", ,,Muhiti Mesa'i", „Felsefe
Medschmu'asy", „Kadyn", „Teswiri Eikiar", „Hüsün weschi'ir", ,,Gendsch Kalemler" u. a.
brachten viele Gedichte und Artikel von mir. Ich war zugleich der Korrespondent der
Stambuler Zeitung „Sa'ika'i Hurrijet" in Salonik. Während dieser Zeit war ich auch
Lehrer für den Stil an der von Midhat Pascha in Salonik gegründeten Gewerbeschule."
7. Eine Mischarbeit ist Edmond Fazy et Abdul-Halim Memdouh, Anthologie
de Vamour turc. Paris, Soc. du Mercure de France, 1905, 284 S. ; unerfreulich; so
dringt man nicht in das Wesen der Dinge und führt nicht ein. Es sind eine Anzahl
amüsanter Einzelheiten darin, aber gerade das fehlt, worauf in dieser Sammlung von
Material Wert gelegt ist: die Feststellung von entwicklungsgeschichtlich bedeutsamen Tat-
sachen. Fazy, den ich 1899 in Paris sah, und der um 1910 starb, rang in der auf-
reibenden Tagesarbeit an der ,,Republique Frangaise" um höhere Werte: er las in den
knappen Mußestunden Apulejus und Tertullian; sein Herz gehörte dem Orient, den er
als Lehrer im Hause eines ägyptischen Prinzen einigermaßen kennen gelernt hatte. Er
besaß eine scharfe Beobachtung, und sein „Les Turcs d'aujourd'liui" (2. Aufl., Paris,
Ollendorf 1898) machte Aufsehen durch die ungeschminkte Darstellung der großen Leute
von damals. Der Verkehr mit ihm war Gift für den strebsamen, lernbegierigen jungen
Abdulhalim Memduh, der in eine harte Schule hätte gehen müssen. So verzettelte sich
sein schönes Talent. Die „Anthologie" war ein verfehltes Unternehmen: mit den Bruch-
stücken, die da geboten wurden, ist eine Einsicht in die Entwicklung nicht zu gewinnen.
Der Franzose, der seinen Namen darauf setzte, hat sie sicher nicht besessen; er und seine
Leser kamen kaum darüber hinaus, all das „tres curieux" zu finden. Ob wirklich
Abdulhalim Memduh die Entwicklung übersah? Ich bezweifle es. Schon deshalb, weil
er zu sehr französiert war.
8. Von Europäern bin ich verbunden, aui3er Gibb, dessen Urteil über die Neueren
mir nicht immer begründet scheint, Paul Hörn, der sich mit Selbstverleugnung in ein
Gebiet stürzte, das seinen Studien ferner lag. Seine Geschichte der türkischeii Moderne
(Leipzig, Amelang, 1902, 74 S.) ist eine wackere Arbeit, das Ergebnis eines unermüdlichen
Sammelfleißes und des ernsten Ringens um Zusammenhang und Entwicklung. Es ist er-
staunlich, wieviel Material in diesem Buche verwertet ist. Schiefurteile sind freilich nicht
selten: der ,, Feuergeist" Nadschi (S. 41 ff.) ist verkannt: die Kenner der Literatur und
der Strömungen unter den heutigen Türken haben sicher recht, ihn als den Vater einer
gefährlichen literarischen Reaktion zu geißeln; er arbeitete den schönen Anfängen zu einer
Neubildung auf völlig neuer Grundlage entgegen durch die Propaganda, die er in theo-
retischen Ausführungen und durch seine Arbeiten für das Verharren bei der alten Schule
mit ihrer Ziersprache und ihren komplizierten Gedichtformen übte. Hörn weiß auch
nichts von der Bedeutung, die die „Schulen" hatten: Gewiß, entscheidend für die Ent-
wicklung waren immer die einzelnen Großen, die neue Gedanken und neue Formen in
ihren Werken brachten; aber als Schrittmacher, als Nachahmer und damit Vulgarisierer
sind die Kleineren, die in den literarischen Gesellschaften wirkten, nicht unwichtig. Diese
Gesellschaften sind die Exponenten von Strömungen, die sie meist selbst schaffen. Das
Biographische tritt völlig zurück: es fehlen Hörn dafür wohl die Unterlagen; zwar ist die
Zahl der S. 5 aufgezählten Arbeiten zur neueren Literatur nicht gering (d'Agostino, Thalasso,
Künos, Hörn [über die Moderne in Münch. Allg. Zeitung], Oestrup, Gibb [i, 132 — 136],
Schrader, Foy; Arakels Katalog, Bbüzzija Tewfiks Anthologie), aber das unentbehrliche
Material über den Lebensgang ist nicht darin zu finden. Der Rahmen des New Sali
Milli tritt in seiner Bedeutung als Grundlage dabei glänzend hervor. Es fehlt Hörn auch
die persönliche Vertrautheit mit dieser Welt, die übrigens nicht in einigen gelegentlichen
Dichter ihr neuen Türkei. 15
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Sprechübungen mit Türken erworben wird, sondern das Ergebnis jahrelangen liebevollen
Einlebens ist. Wie konnte Hörn die ragende Gestalt Dschenab Schehabeddins unbekannt
bleiben, dessen Name in dem Munde aller ist, die an dem geistigen Leben der Nation
teilnehmen !
9. Besonders reiche Anregungen und Belehrungen Terdanke ich Otto Hachtmann
(Dessau), der seine knappen Mußestunden als Gymnasiallehrer ganz dem Einarbeiten in
das moderne Osmanisch und seine Literaturblüten gewidmet hat. In kurzer Zeit orientierte
er sich. Sein feines Gefühl für die psychologischen Vorgänge, die gewisse Übergänge in
den Denk-Sprach-Formen bedingen, ließ ihn schnell die Menge der sprachlichen Er-
scheinungen sichtend ordnen und die wesentlichen Gruppen scheiden. Für die Bewertung
der literarischen Erzeugnisse kommt ihm eine gediegene Kenntnis der in ihrer Wirkung
auf die Türkische Moderne bedeutenden französischen Literatur zu statten. Das Problem
dieser Abhängigkeit und der Reaktion dagegen wird zu lösen versucht in der Einleitung
zum Zwanzigsten Jahrhundert und in Europäische Kultureinf,üsse (siehe unten). Mit
diesem Pfunde wucherte er, und unermüdlich las er Türkische Texte, bildete sich ein
Urteil über die Persönlichkeiten, übersetzte kennzeichnende Stücke von ihnen und entwarf
ihr Lebendsbild (so das sehr gelungene von Mehmed Emin in Lit. Zbl., Beil. „Die schöne
Lit." Jg. 16 Nr. 22). Ein besonderes Verdienst erwarb sich Hachtmann durch die beiden
Arbeiten, die sich eng berühren mit diesen Mitteilungen aus der Neuosmanischen Literatur:
„Die Türkische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts" (Leipzig, Amelang, 191 6;
64 S.) und „Die neuere und neueste Türkische Literatur. Eine Einleitung zu ihrem
Studium" in „Die Welt des Islams" V (191 7), S. 57 — 77. Die letzte Arbeit ist eine
systematische Bibliographie, die von einer bibliographischen Übersicht (III und IV wären
besser vereinigt; zu I ist nachzutragen: Köprülüzade Mehmed Fu'ad und Schehab-
eddin Süleiman, jeni osmanly tärichi edebljäty. Bd. I. Stambul 1332 [1916]) be-
gleitet ist. In dem „Zwanzigsten Jahrhundert" sind behandelt: Dschenab Schehabeddin,
Mehmed Re'uf, Hüsein Dschahid, Fa'ik Aali, Ja'kub Kadri, Mehmed Aakif, Dschelal Sahir,
Ali Dschanib, Ahmed Hikmet, Halide Edib Hanum, Aka Gündüz, Mehmed Emin, Zija
Gök Alp. Hachtmann teilt mit mir nicht weniger als sechs von meinen fünfundzwanzig
Dichtern. Wir arbeiteten völlig unabhängig voneinander. Es ist mir eine besondere
Freude, festzustellen, daß wir dabei, rein aus eigenem Urteil heraus, zu sich deckenden
Ergebnissen gekommen sind, wie das besonders scharf hervortritt bei unserer Würdigung
des in seiner Heimat verkannten, absichtlich totgeschwiegenen Ali Dschanib. Hacht-
mann war bei Auswahl und Zusammenstellung geleitet von der Stellung der Neueren
zum ,,Turanismus", und eine Reihe ist in dieser Hinsicht gleichsam gestaffelt bis zum
Gipfel der Turanbewegung, Zija Gök Alp — ein interessanter Versuch, wenn auch Nähe
und Ferne gegenüber diesem Ziel sich hier schwer abschätzen lassen. Kühne Konstruktionen
enthält Hachtmanns Europäische Kultureinflüsse in der Türkei — Ein literär-
geschichtlicher Versuch — mit einem Vorwort von Prof. Dr. H. Grimme, Berlin
191 8, 30 S. [auch u. d. T. Urkunden und Untersuchungen zur Geistesentwicklung des
heutigen Orients Heft 2]: die Absicht bei dem französischen Import richtete sich auf die
politischen Ideen, weil sich „der Parlamentarismus nicht auf orientalischer Grundlage
herstellen ließ . . . Gewiß hat dann die nähere Bekanntschaft mit französischer Literatur
auch weitere Kreise gezogen und zu zahlreichen Übersetzungen auch nichtpolitischer Werke
geführt". Die Hervorhebung des politischen Interesses ist sicherlich berechtigt, aber
das Hauptmotiv der ersten Vermittler war sicherlich das Bestaunen der formvollendeten
und zugleich gedankenreichen großen Franzosen, mit denen näher sich bekannt zu machen
die durch den Krimkriegbund geschaffene Lage Anlaß und Gelegenheit bot. Schinasi,
der doch wohl mit Recht als der Beginner der Vermittlung angesehen wird, dachte bei
•einen Übersetzungen kaum an Import des Parlamentarismus.
10. Nicht ohne Widerstreben nenne ich meine „Unpolitischen Briefe aus der Türkei"
[Der Islamische Orient, Band III, Leipzig, Rud. Haupt 19 10, 262 S.; Siglum: Briefe).
Mir sind die Mängel des Buches wohlbekannt. Es ist mir selbst für diese Arbeit nützlich
i6 Hartmann,
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gewesen, und ich bitte darauf hinweisen zu dürfen, daß das Buch eine große Menge
Einzelnotizen zur neueren Geschichte der Türkei enthält. Diese Arbeit ist vielfach ver-
kannt worden: sie ist als eine dem Türkenvolke feindliche angesehen worden. Von einer
Feindschaft gegen die Türken habe ich nie etwas empfunden. Die letzten Worte der
Vorrede zeigen meine tiefe Sympathie. Über die zwei Aufsätze zur neueren Osmanischen
Dichtung in den Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen XIX (1916) und
XXI (19 18) siehe das Vorwort.
Die zahlreichen und intensiven Beziehungen zu den Osmanen während der Kriegsjahre
ließen die Literatur über das türkische Leben, auch das Geistesleben, bei uns gewaltig an-
schwellen. Das ist erfreulich. Es ist aber Vorsicht geboten mit allen Arbeiten, die nicht
auf einer gründlichen Kenntnis der Sprache dieser Literatur beruhen. Die Freude an dem
arabisch-persischen Klingklang wird nicht sobald aussterben, und es ist verkehrt zu glauben,
daß alles, was heute noch in der Ziersprache geschrieben wird, literarisch wertlos und
gedanklich unbedeutend sei. Es ist eine uns unsympathische, lächerlich erscheinende
Form, aber auch bessere Geister leben heute noch in diesen Formen. Mit der Be-
deutung dieser Formen bitte ich es zu entschuldigen, wenn z. B. den Versen regelmäßig
das Versmaß beigesetzt ist, auch sonst sich manches findet, was pedantisch scheinen könnte.
In der Umschrift der Namen schloß ich mich, soweit mir Feststellung möglich war,
an das ,,Stambul-Türkisch" an. Das gilt heute den Türken als ein fester Begriff mit
normierten phonetischen, grammatischen und sprachschatzigen Werten. Die Fanatiker des
„Stambul-Türkisch" wissen nicht, daß es eine Sprechsprache „festen" Charakters noch viel
weniger gibt als eine solche Schriftsprache: hier frißt die Mode, das Örf, jeden Tag an
dem Bestehenden und leise, kaum merklich, wandelt sich alles. Doch sei zugegeben, daß
von der Mittelklasse, die korrekt zu sprechen sich müht, eine Sprache als das Ideal be-
trachtet wird, die man als „Stambul-Türkisch" deshalb bezeichnen darf, weil sie nur bei
den Leuten Stambuls als von Kind an geübt, ohne Zwang gesprochen zu finden ist.
Zur Sicherung des Schriftbestandes habe ich meist die Umschrift der Namen in leicht
erkennbarer Weise hinzugefügt. In diesen Dingen ist dem Verhalten ein weiter Spielraum
zu lassen : das Vorhalten von „Ungenauigkeitcn", die nicht selten beabsichtigte Inkonsequenzen
sind, zeigt einen kleinlichen Geist.
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Abdulhakk Hamid
Dichter der neuen Türkei. 17
1. Abdulhakk Hamid ['abdulhaqq hämid],
„geboren 24. Januar 1267 [6. Februar 1852] in Bebek im Hause
seines Großvaters Abdulhakk Molla; sein Vater Chairullah, Präsident
des Endschumeni Danisch und Inspektor der Arzteschule, Verfasser
historischer Werke, war vielfach in wichtigen Staatsstellungen
(Gesandter in Teheran). Hamid erhielt den ersten Unterricht in
der einheimischen und in der französischen Schule von Bebek;
mit 10 Jahren kam er nach Paris, wo er das Hortus-College zwei
Jahre besuchte und bei dem späteren Präsidenten des Unterrichts-
rates Selim Sabit [täbit] und bei Beha'uddin Arabisch und Persisch
lernte; 13 Jahre alt kam er mit seinem Vater, dem Gesandten,
nach Teheran; als Gesandtschaftssekretär, Konsul, Botschaftsrat,
Geschäftsträger und schließlich Gesandter war er in Paris, Poti,
Volo, Bombay, London, Haag, Brüssel tätig; des Französischen
und Englischen vollkommen mächtig, studierte er die Meisterwerke
dieser Literaturen; am liebsten lebte er in London, wo er auch
einige seiner besten Sachen schrieb (Finton, Ilchan). In den letzten
Jahren kehrte er nach Stambul zurück und wurde zum Senator
ernannt. 1288 [1873] heiratete er Fatma aus der Familie Pirizade
[pirtzäde]'^ in Adrianopel; von ihr hatte er Husain Hamid und
Hamide Nasib [hämide naslb]. Die Gattin starb auf der Rückkehr
aus Indien und ist in Beirut begraben; ihr ist das Gedicht maqber
„Das Grab" gewidmet. Bis auf Hamid bewegte sich die türkische
Dichtung in den engen Grenzen von Kaside und Ghazel; er führte
die neuesten Dichtformen des Westens ein; in den Metren brachte
er ganz neue Muster auf; zugleich belebte er die alte, vergessene
Silbenzählung 2, wenn auch mit einigen kleinen Mängeln, und schuf
1 Familie Pirizade: der von mir am 6. Oktober 1909 besuchte Scheichülislam Sahib
Molla gehört dieser Familie an {Briefe S. 166). Sein berühmter Vorfahr, der die in
Stambul gedruckte türkische Überietzung der Muqaddima des Ibn Chaldun anfertigte,
ist der Scheichülislam Mohammed Sahib Effendi [Sahib ist alio der Zweigfamilienname],
. geb. in Stambul 1085 [beg. 7. 4. 1674], gest. I162 [beg. 22. 12. 1748] (ausführliche
Vita Sami S. 1586 f.).
* Es ist ein Verdienst Dschelal Sahirs, der hier spricht, daß er der Wahrheit die Ehre
gegeben und Abdulhakk Hamid den Ruhm der Wiederbelebung der Silbenzählung
gesichert hat. Man hat das zu trüben gesucht und Mehmed Emin als den Neuerer
hingestellt (vgl. S. 104 Anm. l). Mehmed Emins Verdienst ist weit größer: er hat den
Bann der Ziersprache gebrochen in der Poesie; auch das darf wohl gesagt werden, daß
seine Gedichte durch ihre ungeheure Verbreitung das Silbenversmaß auch den Starren
als höchst wirksam erwiesen.
Ui künden und tjnler«uchuiigea. J. 2
l8 Hartmann,
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darin zwei große Werke i. Diese von ihm hinsichtlich der Form
herbeigeführte Umwälzung kann man aus den Proben in seinen
eigenen verschiedenen Gedichtsammlungen ersehen. Wie dlwänelik-
lerim „Meine Tollheiten" und salirä „Das Land" von solchen neuen
Momenten voll sind, so haben seine andern Gedichte und Dramen
in Versen nur im Schatten der in der Kunstpoesie von ihm herbei-
geführten Neuerung Leben gewonnen. Sein erstes Werk war
mägeräji ^asq, ein Drama, geschrieben im Alter von 20 Jahren; dann
folgten die Dramen in Prosa sabr wttehät „Geduld und Festigkeit",
iclt qyz „Die Innerliche", duchteri hindü „Das Indermädchen", täiiq
„Tariq" [der Eroberer]; ferner Finton, halb Prosa halb Verse; mä-
geräji ^asq und sabr wetebät enthalten soziale Lehren [Hörn S. 34,
findet mägeräji ^asq dürftig: „der Doktrinarismus, daß jedes literarische
Werk auch erzieherisch wirken müsse, wird so weit getrieben, daß
am Schlüsse die einzelnen Personen von dem Vornehmsten im
Stücke, dem Fürsten, je nach ihrem Verhalten ihre Zensur erhalten
und selbst ihre Empfindungen über den Verlauf der Ereignisse
analysieren"; sabr wetebät zeigt nach Hörn „einen bedeutenden Fort-
schritt"]; iclz qyz ist eine Komödie, die eine lokale Färbung hat
und die Sitten kritisieren will; duchteri hindü wiU die Scheußhchkeiten
der Briten darstellen; täriq gibt die Gedanken des Dichters getreuer
wieder und ist hinsichtlich der Anordnung das gelungenste Werk;
es ist das wichtigste seiner Prosastücke. „Finton" ist eine gewaltige
Tragödie im Stile Shakespeares; aus den Worten aller Personen
strömt ein nervöser Hauch, der den Menschen mit seltsamer Er-
regung schüttelt. Zu den Dramen in Versen gehört esber „Eschber",
das Beziehungen Alexanders zu einem Könige von Indien be-
handelt; hier wendet sich Hamid von Shakespeare ab und Corneille
zu; ebenso bedeutend ist tezer, aus der Zeit Abdurrahmans III. in
Spanien, nesteren „Nesteren" ist in Silbenzählung geschrieben; es
übertrifft die anderen Dramen an Wert. Die Sachen sind sämtlich
in Teilen oder vollständig auf türkischen Bühnen aufgeführt worden,
wenn auch nicht mit großem Erfolge. Ein glänzend geschriebenes
und durch Wechsel der Versmaße und Reime ausgezeichnetes
Drama ist die Tragödie ilchän „Ilchan"; sie ist noch nicht aufgeführt,
ebenso wie das schon früher verfaßte, aber wegen der Zensur nicht
herausgegebene Drama „Liberte" in Silbenzählung. Von anderen
Werken Hamids seien genannt die Gedichte nazzfe „Nazife", ölü
1 Gemeint sind Netteren und Liberti, siehe unten.
Dichter der neuen Türkei. ig
e)0OOOCXXXXXX)OO<X)OOOOO00OOO0OOOO0OOO0OOOO0O0OO00O00CXXXX5O0O0OOOO0OO0OOO0OO00C)00OOO0<XXXXXOOOOO^^
„Der Tote", hagle „Das Brautgemach"; ferner bir sefileniii hathihäly „Der
Herzenserguß einer Unglücklichen", eine analysierende Erzählung,
die die innersten Winkel eines kranken Geistes untersucht; maqber
„Das Grab" ist, in seiner Vertiefung durch die Totenklage des
Dichters, so einfach im Gedanken geworden, daß es nicht mehr
zu verstehen ist." Soweit der Auszug aus der Vita von Dschelal
Sahir [siehe Nr. 21] NSM S. 80 — 82. Weit eingehender ist die
Charakteristik des Dichters bei Hörn S. 34 — z'j (Auszug): „Hamid
begann mit Theaterstücken, wichtiger ist aber seine Lyrik; sein
erstes Drama in Prosa mageräji 'asq (1873) tritt gegen Kemals
frühestes Stück aus dem gleichen Jahre („Ein unglückliches Kind")
in den Hintergrund; [über den doktrinären Charakter siehe schon
oben, auch über den Fortschritt in §abr wetebät (1874); es werden
besprochen idlt qyz, duchteri hindü, täriq, esber, tezer'], esber und tezer
sind eine ganz neue Gattung, nämlich gereimte Trauerspiele nach
dem Vorbilde der französischen Tragödie, in Versmaßen; weitere
gleichartige Dramen sind „Sardanapal", „Liberte", „Die Courtisane"
(qahbe), „Leidenschaft" (garäni); Hamid hüllte die neue Weise Schinasis
auch in ein neues, europäisches Gewand; schon in „Das Indermädchen"
(1875) hat er solche fremdartige Form; das wurde aber nicht ver-
standen und nicht beachtet; in „Das Land" {sahrä, 1879) kehren
die neuen Formen wieder, wenn auch nur in einer geringen Anzahl
von Gedichten unter vielen anderen, und jetzt drang er durch.
[Das ist viel zu unbestimmt; es kann nur gemeint sein, daß er hier
die Silbenzählung anwandte; das ist aber durchaus nicht „ein neues
europäisches Gewand", sondern, wie Dschelal Sahir in der Biographie
ganz richtig sagt, eine Wiederbelebung]; außerdem Elegien auf
die Gattin (1885) und lyrische Gedichte und Gedichtsammlungen:
„Die Narzisse 1, „Diese sind es" (1885), „Meine Torheiten oder die Stadt"
(1886); aus Prosa und Versen gemischt ist „Die Geschichte einer
Unglücklichen" (1886). — Im März 1917 übernahm Abdulhakk
Hamid eine Aufgabe, an der er scheiterte und scheitern mußte.
Die Partei, die heute in der Opposition gegen die Regierung ist,
weil sie mit deren Reformen nicht einverstanden ist, entbehrte
einer Zeitschrift zur Vertretung ihrer Interessen, wie sie in Teswiri
Efkar eine Tageszeitung zu ihrer Verfügung hat. Bis zu seiner
Schließung durch die Regierung konnte allenfalls das Organ der
orthodoxkirchlichen Partei, Sebil ürreschad, als die Zeitschrift
1 Hier zeigt sich, in welchem Maße Hörn zweithändig arbeitete: das unter den lyrischen
Werken genannte nesteren ist ein Drama, dessen Heldin den Namen Nesteren führt.
2*
20 Hartmann,
OO0000C00G0O00G0000000000000000<X»00O00CXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)O0O0C>C>OO0O00OCKX)O(XXXXXX><^^
der „alttürkischen Partei" [der Name ist heute in Stambul verpönt;
er ist hier nur Siglum] gelten, wenn auch sicherlich der größere
Teü der Stambullfeute dieser Partei an dem scholastischen Treiben,
an dem die Leute der Sebil ürreschad festhielten, keinen Gefallen
findet und in ihm kein Heil für das Reich sieht. Es mischen sich
ja in dieser der Regierung feindlichen Gruppe Elemente verschiedener
Art: dasjenige, das am stärksten ist, ist nicht das kirchlich intran-
sigente, denn dieses besteht wohl nur aus der unteren islamischen
Geistlichkeit (die höhere, zum Teil gut unterrichtete und denkende
Männer, steht fast ganz zur Regierung), es sind vielmehr die alten
und wohlhabenden Sippen, die sich gekränkt fühlen, daß die
Regierung sie nicht in genügender Weise bei der Verteilung der
Ämter berücksichtige (ein vollkommen unbegründeter Vorwurf, da
für die Fähigen unter ihnen, soweit es irg'end möglich ist, Ein-
künfte aus Staatsmitteln gefunden werden); eine ausgezeichnete
Darstellung dieser Strebungen mit dem Versuche, deutsche maß-
gebende Kreise für ihre Sache zu interessieren, findet sich in einem
Aufsatz von Gustav Herlt im „Hamburgischen Korrespondenten"
vom 22. September (abgedruckt in „Die Neue Türkei" vom 9, Oktober
1917 'unter „Verbreiterung der deutsch-türkischen Beziehungen").
Fassen wir die verschiedenartigen Kreise, die ihrer Meinung nach
nicht den verdienten Anteil an der Staatskasse haben, unter dem
Namen „Alttürkentum" zusammen, so werden wir die im März des
Jahres gegründete Wochenschrift edebtjäti ''umürtnje megmu'asy „Zeit-
schrift für Allgemeine Literatur" als das Organ des Alttürkentums
bezeichnen dürfen. Es ist weniger ein Positives, das diese Gesellschaft
zusammenhält, als ein Negatives; die Abweisung des national-
türkischen Gedankens, durch dessen Pflege die Männer der Re-
gierung und alle, die eine Einsicht in die Bedürfnisse und Ent-
wicklungsbedingungen des Landes besitzen, zur Hebung des staat-
lichen und wirtschaftlichen Lebens der Türkei zu gelangen hoffen.
Selbstverständlich wird die Gesinnung, aus der heraus die Gründung
der neuen Zeitschrift erfolgte, in dem Eröffnungsprogramm nicht
klar ausgesprochen; sie geht aber deutlich hervor aus den Ein-
schränkungen, die für den Fortschritt aufgestellt werden, wie „im
Rahmen unsrer erhabenen Traditionen", „mit großem Vertrauen
an der islamischen Basis, an den Vorzügen der Rasse und an den
türkischen Sitten festzuhalten" fvgl. die Übersetzung des Programms
' in der Anzeige der beiden ersten Nummern durch Willy Hef f ening
in Welt des Islams V S. 80 f.). Als Schriftleiter zeichnete Mehmed
dichter der neufn Türkei. 2 1
Dschelaluddin; es war aber offenes Geheimnis, daß Abdulhakk
Hamid mit der Leitung betraut war. Der greise Dichter hat große
Verdienste, aber Redaktionsarbeit zu leisten mit ihren Ansprüchen
an technische Fertigkeiten und organisatorische Begabung ist nicht
seine Sache. Es mußten die Stürmer, die hier ihre Parteisuppe
kochen wollten, scharf überwacht werden. Das geschah nicht.
Die Zeitschrift brachte zwei Aufsätze gegen den Turanismus: i. von
Enwer Pascha (nicht der Kriegsminister!), 2. von Dschelal Nuri;
jener sachlich-wissenschaftlich, dieser weniger gründlich und an
Heftigkeit alles Maß überschreitend. Das gab nun gewaltigen
Skandal: die Zeitungen traten den Gegenstand breit (es handelte sich
hauptsächlich um die Einbeziehung Dschengis Chans und seiner
Mongolen in die Turangruppe) ; Aga Oglu Ahmed (Agajeff) und
Hamdullah Subhi sprachen öffentlich. Die Regierung schritt ein
und suspendierte das Blatt; seit Anfang Oktober erscheint es wieder,
aber Abdulhakk Hamid ist aus der Leitung ausgeschaltet.
— In d.et . Enzyklo-pädie des Islam ist Hamid behandelt von Giese I
S. 41; daraus ist nachzutragen, daß Hamid 1885 bis 1908 in London
lebte und daß er nach der Revolution den Gesandtenposten in
Brüssel erhielt. — Gibb, der mit Hamid freundschaftliche Beziehungen
hatte, stellt ihn an die Spitze einer neuen Periode der „Modernen
Schule"; mit seiner §ahrä 1879 beginne eine neue Welt (S7 5, 1);
vgl. S. 5, 7 7 f.: „vor dem Genie Hamids fiel die letzte Schranke der
neuen Zeit". Man versteht solche Darstellungen nicht recht, wenn
man liest, was Gibb selbst über die Entwicklung sagt: Zija und
Kemal hatten ihre Anregungen in Europa geschöpft (S. 5, lof.),
und schon zwei Jahre nach dem Erscheinen von Ahmed Wefiks
Moliere-Übersetzungen 1288 (1^871/72) brachte Kemal in Gemeinschaft
mit Ebüzzija Tewfik 1 das erste 2 türkische Originaldrama egeli qazä
„Der tödliche Unfall" heraus; das beweist doch deutlich, daß Hamid
damit, daß er Dramen schrieb, nicht etwas völlig Neues tat; daß
er sich in seinen Dramen an Corneille und Shakespeare anschloß,
läuft ganz in der Linie, die von Schinasi vorgezeichnet war; in
seinen Dramen orientalischen Charakters aber hatte er ja, wie so-
eben gezeigt wurde, Vorgänger. Die Charakterisierung Hamids als
1 Die erste Ausgabe des egeli qazä (Stambul 1288) nennt auf dem Titel nur Tewfik
als Verfasser; in meinem Besitz (vgl. Harr. 377 Nr. 821).
2 Älter wird sein Schinasis SäHr etcUnmesi „Des Dichters Heirat" (Hörn 10 ohne
Angabe des Druckjahres), mitgeteilt von Vambery in „Sittenbilder aus dem Morgen-
lande" S. 37 — 46.
2 2 Hartmann,
OO0O©OOOC)OOOO<3OOO<»OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO<X)O<XXXXXXXX)OO<X)OOOOOCOOO<XXX)OOO^
Begründer einer besonderen Periode der Modernen Schule kann
also nicht gebilligt werden; höchstens könnte man darin ein Neues
finden, daß er die Silbenzählung, sie wiederbelebend i, neben den
quantitierenden Versmaßen anwandte; aber das ging nicht zusammen
mit dem andern wichtigen Momente, das das wesentliche Merkmal
ist für die neue, durch den Namen MehmidEmin gekennzeichnete
Richtung: die rein türkische Sprache. Daß Hamid in dieser
Beziehung dem Alten treu blieb, geht daraus hervor, daß er schon
heute als veraltet gilt, eben wegen seines Festhaltens an der alten
Mischung mit fremden Elementen. Eine andere Frage ist, ob es
in der Tat zulässig ist, ihn als „veraltet" zu bezeichnen; man sollte
doch mit solchen Anschuldigungen recht vorsichtig sein; unter den
jungen Herren, die mit solchen Abfertigungen geschwind bei der
Hand sind, ist manch einer, der neben dem 1852 Geborenen greisen-
haft erscheint. Hamid hat auch heute noch eine Fülle von Ge-
danken; sein Verständnis für Neues, Junges hat er in der Stellung-
nahme zu Mehmed Emin 1900 glänzend erwiesen. — Ich stellte
fest {Briefe S. 108), daß man in der jüngeren Generation „ersichtlich
mit einer aufrichtigen Begeisterung festhält an Abdulhaqq Hamid,
dessen Drama, ,Tariq ben Zijäd* sich einer außerordentlichen Be-
liebtheit erfreut"; die Aufführung des Tarik, der ich am 23. September
1909 im Peratheater beiwohnte, beschrieb ich ausführlich {Briefe
S. 117 — 122) [vgl. ebenda S, io8. 112. 225]; über Erweiterung
seines Tariq-Stückes durch Ustad Ekrem siehe Briefe S. 112 2;
über die Ausgaben [die in meinem Besitz ist von 1326/1908] und
die angeblichen Lieder des Stückes, auch seine Friedhof szene siehe
Briefe S. 225 Anm. 104. — Bei dem Aufenthalte Hamids in Berlin
Ende Juli 1916 nahm ich Gelegenheit, mich mit dem Dichter be-
kannt zu machen. Er war so freundlich, mir in einer längeren
1 Zum ersten Male wandte Hamid die Silbenzählung an in ncsteren, das zwischen duchtari
hindü 1875 und färiq 1879 liegt (auf der letzten Seite von nesteren finden sich an-
gekündigt als gedruckt mägeräß ^a$q, sabr tvetebät, icli qyz, duchtari hindü, nazife
und nesteren (dabei ist nazife als manzüm, nesteren als muqaffä bezeichnet); als
nicht gedruckt: täriq, ihn almüsä [so!], tezer, sardanapal, eSber, sahrä (manzüm),
qahbe, gharäm, llberte, zeneb jächod tegribeH qader (muqaffä).
* Abdulhakk Hamid war erstaunt, durch mich von dem Vortrage eines Stückes seines
„Tarik" in erweiterter Form zu hören; ich bin sicher, er hätte bei Kenntnis der näheren
Umstände seine volle Zustimmung erteilt; denn er ist ein großer und freier Geist, fremd
jedem Kleinen und Kleinlichen. An der Sache ist für mich nicht der geringste Zweifel;
es ist mir noch deutlich in Erinnerung, daß von jener Erweiterung des großen Monologs
Tariks durch Ekrem als von einer allgemein bekannten Tatsache gesprochen wurde.
Dichte)- der neiien Türkei. 23
OOO0OC>O0O00OOOCXXXX>O0CXXXXXXX>00000O0O0OO0OOO00O00O00000O00000000OOCXXX>00O000CXX30000(^^
Unterhaltung Aufklärungen über sein Werk zu geben. Bei ge-
meinschaftlicher Lesung seiner Vita in New Sali Milli fand er
nichts zu bemerken; nur ergänzte er sie so: „Elf Tage vor der
Revolution [10./23. Juü 1908] wurde ich aus London als Gesandter
nach Brüssel versetzt; im Dezember 1912 wurde ich abberufen
und zum Senator ernannt. Ich bin Anhänger des alten Metrums
und habe nur in Nesteren und Libert6 silbenzählende Versform
angewandt; diese ist übrigens allein für die Bühne geeignet; wir,
die wir grundsätzlich an dem Alten festhalten (wie ich denkt auch
Dschenab Schehabeddin), verlangen, daß die Jungen, die anders
denken, nicht so unsinnige Angriffe auf uns machen; Tatsache ist,
daß alle, die Verse in ^arüz machen können, auch das nationale
Versmaß üben können, aber nicht umgekehrt. Wir haben jetzt
nur vier große Dichter: Dschenab Schehabeddin, Sulaiman Nazif,
Riza Tewfik, Fa'ik Aali; von ihnen haben sich zum nationalen
Versmaß nur bekehrt Dschenab Schehabeddin und Riza Tewfik.
Bis zu meinem ,Tarik* arbeitete ich nur aus mir selbst heraus,
hatte keine Vorbilder; dann studierte ich in Paris Corneille und
bildete mich nach ihm: dann lernte ich in London Shakespeare
kennen und folgte ihm. Corneille ahmte ich nach in Nesteren,
das eine freie Nachbildung seines ,Cid* ist, ausgenommen den
Schluß, den ich verändert habe. [Diese Äußerungen sind kenn-
zeichnend für Hamid. Von dem Falschurteil über Sul. Nazif und
F. Aali will ich nicht sprechen; es wirken da Tradition und persön-
liche Beziehung den Blick trübend. Hamid ist überzeugt, daß er
unter dem Eindruck von Corneille und Shakespeare eine Wandlung
durchgemacht habe. Ich glaube nicht, daß man das zugeben kann :
die Gedanken und ihre sprac'hliche Fassung sind durchweg im
Stile der alten Poesie, am meisten sich nähernd dem der persischen
Romanze; man glaubt zuweilen Dschami zu lesen.] In der Art
von Corneille ist auch mein Eschber; mit diesem Stück, das in
der Form sich beliebten Mustern anschließt [durchgehend Kurz-
ruba'i], hatte ich am meisten Erfolg: es gibt viele Leute in Stambul,
die es auswendig wissen. Mein ,Liberte' ist nichts als die Geschichte
Midhats; die allegorischen Figuren, die auftreten, sind leicht kennt-
lich: das Mädchen Libert6 ist Midhat selbst; das Stück ist bisher
nicht als Buch gedruckt; es wurde von Mehmed Emin in der Zeit-
schrift ,Türk Jurdu' gebracht. Liberte und Nesteren sind meine
einzigen Dramen in nationalem Versmaß. Ein ton, das vor dem
letzten gedruckten Drama Turchan liegt, ist in Prosa unter Bei-
24 Ilartmann,
mischung von wenig Poesie [also wie Duchtari Hindu]; Fijiton
nimmt zu den sozialen Fragen nicht Stellung: ich habe die Zu-
stände und Personen durch sich wirken lassen woUen. Nach
Turchan habe ich noch zwei Dramen gedichtet, die ich aber
noch nicht herausgebracht habe. Die scharfen Bemerkungen in
dem Schlußwort zu Duchtari Hindu gegen die nationale Poesie
stammen aus meiner früheren Zeit; ich würde mich heute nicht
mehr so gegen das Nationale wenden." — Auf meine Frage über
seine Stellung zum Turanismus {tvrangylyq) erwiderte Hamid aus-
weichend; es ließ sich aber heraushören, daß er mit dem extremen
Vorgehen gegen nichttürkische Muslime nicht einverstanden sei.
Milde ist überhaupt der Grundzug seines Charakters, und das hat
ihn bisher mit allen Parteien gut auskommen lassen: er wird von
allen geschätzt. Damit hängt Zusammen das Lyrische in seinem
Wesen, das durchaus vorherrscht, und zwar das weinerlich Lyrische.
Jemand, der ihn genau kennt, äußerte über ihn und seine Art:
„Hamid Bej liebt das Tragische, das Sentimentale, wohl bemerkt
nicht im Leben, sondern in der Poesie." Dieser Charakterzug
erklärt den seltsamen Einfall, den der Dichter hatte, Nesteren und
Chosrew, die Ximena und Rodrigo-Cid entsprechen, den ganzen
letzten Akt sich anjammern und dabei elend zugrunde gehen zu
lassen, während bei Corneille die Liebenden vereint werden. Bei
Hamid ein wahres Schwelgen in peinlichen Szenen und selbst-
quälerischen Stimmungen. — Mit Liebe sprach Hamid von seinem
Turchan (als Drama schwach — in ganz unnatürlicher Weise
werden Personen und Vorgänge Persiens mit der Schlacht von
Kossowo verknüpft — , ist die Sprache in den Banden der alten
Unnatur). Mit Dank erinnerte er sich Namyk Kemals: „Ich
habe ihn nicht persönlich gekannt, aber viel mit ihm korrespondiert;
seine etwa 500 Briefe an mich gab ich seinem Sohne Ali Ekrem,
mit Ausnahme von zwei oder drei ganz intimen; diese Briefe
sollen in der Gesamtausgabe meiner Werke, die die Regierung
veranstaltet, zum Abdruck kommen [von den Briefen ist bis jetzt
ein Band erschienen; ausführliches Referat von mir über diese
Sammlung der kunstreichen und kulturhistorisch wertvollen Briefe
des Dichters (Stambul 1334, 2)i^ S.) im Neuen Orient HE Nr. 6
und 7; Bd. 2 erschien Stambul 1335 (ausgegeben November 1917),
338 S.]; von der Gesamtausgabe ist bis jetzt ein Band erschienen;,
illiämi watan (,patrioti9che Begeisterung'), eine Zusammenstellung von
Gedichten; als Band 2 kommt mein Drama Finton, von dem der
Dichter der netien Türkei. 25
<x)o<x«oooc<xxxxDcxxxxxxxxxxx30ocxxxDcxx)(xxxxxxxxxxxx)OOOOOoo(X50000oooooooooooo^
achte Bogen gedruckt wird." Finton liegt nun vor in den küllijäti
ätär „Gesammelten Werke" Hamids (Ausgabe der ätäri müflde kütüb-
ehänesi, Stambul 1334, 500 S.). Das Drama Finton hat weder auf
der Bühne (trotz der als gelungen bezeichneten, recht schwierigen
Inszenierung) noch als Lesedrama Erfolg gehabt; schon 1909 schrieb
ich: „heute glaubt man schon weit über Abdulhakk Hamid hinaus
zu sein: er ist den Neuesten noch zu klassizistisch" (Brief* S. 331);
1916 schreibt Hachtmann [Zwanz. Jahrhundert 43): „in den Dramen
von Namyq Kemal oder Abdulhaqq Hamid eine zwar geist-
reiche, aber naturwidrige Rhetorik"; das türkische PubHkum von
heute hat diese Rhetorik mit ihren Scheinwerten gründUch satt;
außerdem ist ihm gerade bei Finton der Stoff (das teils leiden-
schaftliche, teils senile Treiben des korrumpierten englischen High-
Hfe) fremd und, soweit er verstanden wird, unsympathisch; und
so empfindet man nicht die poetischen Werte, die es bei allen
Mängeln besitzt. Hachtmanns Übersetzung des ganzen Dramas
ist vollendet; der Druck ist wünschenswert. — Die Charakte-
ristik Hamids bei Schehabeddin Sulaiman S. 331 — 341 ist nicht
ohne Reiz: ich erwähne daraus nur die Bemerkung: „Manches bei
Hamid in Form und Stil erinnert an die belgischen Dichter
[S. 339; man wird kaum an Verhaeren denken dürfen]; seltsam
berührt ein Gedicht [chaflf], das das Treiben der Gentleman-
Gesellschaft mit dem Ball als Gipfel des Vergnügens schildert: der
Ball ist der ,Ort der Verderbnis' (S. 340, 1); der Dichter hat er-
sichtlich nur an die öffentlichen Bälle der Großstädte gedacht." —
Endlich sei ein Wort erwähnt, das ich von einem der feinsten
Kenner der türkischen Literatur hörte: „Hamid ist der moderne
Schaich Ghahb."
Proben: ßüjäk S. 146: 1. kurze Äußerung in Prosa, die mit
einem Verse des bekannten Nadschi spielt, betreffend eine
Sammlung zum Besten von islamischen Ausgewanderten; 2. ein
„ungedrucktes Stück" aus dem Drama „Turchan", das oben ge-
nannt wurde; die Verse, Ansprache der Dame Dilschad Chatun
an eine Volksmasse (ramal), finden sich im Druck von 1332
S. 11, 9 — 12, 10. — NSM S. 83 drei einzelne Strophen:
1. 4 Verse in müzäri\ 2. 4 Verse in kurzem rubä% 3. 6 Verse
in rid)äH; Hamid sagte von diesen Versen, sie seien sonst nicht
gedruckt; er habe sie angefertigt, als man von ihm einen Beitrag
erbat. — Bild: 1. Büjük S. 146; 2. (ein anderes) NSM S. 79 mit
Versen (miizäri^).
2 6 llartmann,
e»(XX)O0OC<XXX)OOO0<X)O0OO0<X)OCXXXXX)OO0OO0OOCXXXX>0C)OC<XXXX»OCXXXXX)C^^
2. Dschenab Schehabeddin [gmah. sehabeddin],
„geboren 1276 [beg. 14. März 1860] in Monastir, Sohn des bei
Plewna gefallenen Majors Osman Schehabeddin; 1293 [1877] kam
er nach Stambul und trat in die durch ihren sorgfältigen Sprach-
unterricht bekannte Faizije-Schule ein; dann kam er auf das Gym-
nasium; mit großem Eifer studierte er Hamid und Ekrem, bald
auch Fuzuli, Nedim und Baki; 14 jährig, verfertigte er Gazele
{se^ädet, safaq, gelis, tebät; bei der frühreifen Entwicklung spielte
V^ererbung mit: sein Großvater Mustafa war dtwän effendisi des
Großwezirs Chosrew Pascha; im Nachlaß seines Vaters fanden sich
Entwürfe zu einem Stilbuch; zwei jüngere Brüder von ihm begannen
auch bereits Werke zu veröffentlichen. Als er noch in der Ärzte-
schule war, veröffentlichte er eine Gedichtsammlung unter dem
Titel tämmät „Unheil" i; 1305 [1889] reiste er nach Beendigung des
Studiums nach Paris [gleichzeitig mit seinem Schulgenossen Hüsein
Su'ad], blieb dort vier Jahre und wurde nach der Rückkehr am
Krankenhause von Haidar Pascha angestellt; nun beginnt seine
eigentliche literarische Tätigkeit; da er in Paris gründliche litera-
rische Studien getrieben hatte, empfand er, daß unsere Literatur
sich noch in einem engen, geistig beschränkten Kreise bewege,
und daß die neuen Theorien und die westlichen Kunstmethoden
in unserm Lande noch nicht gehörig begriffen werden könnten;
die in der gebundenen Rede von Abdulhakk Hamid und Ustad
Ekrem herbeigeführte Neuerung hatte durch Nadschi 2 und seine
Nachahmer eine üble Reaktionsperiode durchgemacht; es war noch
eine neue und entscheidende Reform nötig; nun fing man an zu
begreifen, daß die Reform sich nicht etwa nur auf Prosa und
Poesie, sondern auf das ganze Gebiet der Gedankenwelt erstrecken
müsse. Dschenab hatte eine Zeitlang seine von einem künstlerischen
Hauche beseelten Gedichte in Zeitschriften publiziert; schließlich
übernahm er, um der Bewegung größere Kraft zu geben, die
Schriftleitung der Zeitschrift mekteb; in ihr erschienen die Namen
der hervorragenden Männer jener Zeit wie Husain Dschahid,
1 tämmät wird von den Wörterbüchern (Zenker, Sami) nur als „Geschwätz" erklärt
(Sami: sacma sapan sözler); im Arabischen ist tämma „Unheil" [dahija); möglich,
daß der Dichter diesen Sinn hineinlegte ; ein gut geschulter Türke, dem ich es vorlegte,
wußte nichts damit anzufangen und bemerkte witzig: elma'^nä fi bafn eHäHr ,,der
Sinn ist das Geheimnis des Dichters".
Über den ,, Professor Nadschi" und seine verhängnisvolle Tätigkeit siehe die Anmerkung
zu S. 33.
n
Dichter der iteiien Türkei. 27
ooooeoooocxxxxxxxxxxxxxx)CxxKX)oocxxxxxxxxxxxx)oo(X)00oooooooooooooooooooooc^^
Mehmed Re'uf, Sulaiman Nazif, Isma'il Safa, Tewfik Fikret; der
Inhalt des Blattes glich in keiner Weise dem bis dahin in Zeit-
schriften Erschienenen; in dieser kleinen Wochenschrift, die eine
Anzahl Übersetzungen aus der französischen Literatur über Philo-
sophie, Ästhetik und Kritik enthielt, war das, was eigentlich die
Aufmerksamkeit erregte, die feinen und zugleich lehrreichen Worte,
mit denen Dschenab Gegenstände schilderte, die bis dahin nicht
gehört worden waren; trotz des Gespöttes der Außenstehenden
war Dschenab ein wirklicher Reformer; die ein wenig später
unter dem allgemeinen Namen „Neuliteraten" {üdebäji gedide) in
serweti funün sich sammelnden Jungen, unter ihnen sogar Fikret,
konnten sich dieses reformatorischen Einflusses Dschenabs nicht
erwehren. Ein wenig, nachdem Dschenab unter der Ägide von
Tewfik Fikret und Ustad Ekrem die literarische Leitung von serweti
funün übernommen hatte, schloß er sich mit seinen sämtlichen Ge-
hilfen vom mekteh dem senoeLi funün an; bis zur Unterdrückung des
Uterarischen Teiles der Zeitschrift durch Abdul Hamid (vgl. S. 84)
brachte er fortlaufend kostbare literarische Beiträge; sein „Auf der
Pilgerfahrt", das bei seinem Besuche des Hidschaz als Hygiene-
arzt zustande kam, seine Artikel über westliche und östliche
Literaturen, seine flüssigen und ansprechenden Verse, sicherten
ihm eine hohe Stellung zwischen Tewfik Fikret und Chalid Zija;
besonders die nach der Revolution von ihm verfaßten Prosa-
stücke büden die schönsten Blätter unserer Literatur; trotz seiner
25jährigen Tätigkeit bringt er immer noch kecke, lebensvolle,
frische Werke hervor; während bei zahlreichen Werken seiner
Kollegen sich die zerstörenden Spuren der Zeit zeigen, beweist
die Begeisterung, die jung und alt für die Geisteskinder Dschenabs
allzeit hegten, ein wie glückliches und langes Leben sie besitzen.
Dschenab wird zu den vier, fünf großen Meistern unserer modernen
Literatur gezählt 1. Außerdem daß er Mitglied des großen Hygiene-
rats ist, hat er den Posten des Generalinspektors der Abteilung
für Hygiene inne" (soweit nach dem Anonymus NSM S. 84 f.). —
Die entwicklungsgeschichtliche Stellung Dschenabs liegt nun
völlig klar durch seinen eigenen Bericht in nesri harh (siehe unten);
gerade das bescheidene Zurücktretenlassen seiner Person macht
diesen Bericht glaubwürdig. „Vor etwa 20 Jahren", erzählt er
1 Das ist eine feststehende Formel; auch Abdulhakk Hamid zählte mir die „vier großen
Dichter der Zeit" auf: Dschenab Schehabeddin, Sulaiman Nazif, Riza Tewfik, Fa'ik
Aali (vgl, S. 23).
2 8 Hartmanriy
OO©0OO0OOOOO0Oe00000<X)0O0OO0O0OOO0OO0OCI0OOO0OO0OOO0OOOOOOO0OOO(XXXXX>X)00OOO(XXXXXXXXXXXXiO^
S. 13, „legte eines Tages Fikret in der Druckerei von Serweti
Fünun seine schöne Künstlerhand, auf meine Schulter mit den
Worten: ,Dschenab, ich fühl's: eine neue Literatur ist im Werden;
versprichst du mir, mit mir zusammenzuarbeiten, um ihr zum
Leben zu verhelfen?' An jenem Tage wurde der Vertrag ge-
schlossen." Das bedeutet, daß die Initiative zu dem Hervortreten
mit einem neuen Programm von Fikret ausging; dabei bleibt
bestehen, was Dschenab selbst, in vollkommener Pietät gegen den
Meister, nicht einmal andeutet, daß er ein Neues in diesen Kreis
hineintrug, ohne freilich bei den Alteren, Fikret und Chalid Zija,
eine vollkommene innere Wandlung herbeiführen zu können (vgl.
die Ausführungen in „Synthese", hier S. 32). Das, was Dschenab
so anmutig und so beliebt macht (meine Notiz über sein Zurück-
treten hinter Mehmed Emin Brief e S. 157 [danach I, 14] darf nicht
verallgemeinert werden: Mehmed Emin stand eben auf der Höhe
seines Modetriumphes), ist sein goldener Humor, der ihm schon aus den
Augen schaut (sein vergnügtes Gesicht in New Sali MUH S. 82 und
ßüjük S. 159 ist die beste Kennzeichnung des Mannes), damit zu-
sammenhängend die Freiheit von Sentimentalität und Weltschmerz (in
diesem Sinne ist seine Benennung als türkischer Alfred de Musset,
Briefes. 107 f. und danach Hacht mann S. 1 1 f . zu verstehen). Gut
verzeichnet Hachtmann (S. 1 1 f.) die Spuren der „Schwindsuchtsmanie",
die sich in dem sonst kerngesunden hagg jolunda finden. Dagegen
entging Hachtmann das für den Menschen und Dichter Dschenab
wichtige hi/äli girjän (in Donanma, siehe IS. 13, 40 ff.) mit der tief-
empfundenen Klage um das Vaterland. — ewräqi aijäm „Blätter
der Tage" ^Stambul S. 133 [1915]): das ist so recht der Ausdruck
des Sinnes (ich denke, unser gutes, kurzes „Sinn" sagt in den
meisten Fällen mehr als „Mentalität", das viele nicht entbehren zu
können glauben) Dschenabs; frei von der Leber weg redet er
über die großen Fragen, die für die moderne Türkei von Lebens-
bedeutung sind: Frauenfrage, Literatur, Politik, Presse und anderes.
Ich gebe hier nur einige Titel: Presse (S. 4 — 3s)y Die Philosophie
des Witzes (S. 37 — 44), Spaziergang in Stambul (S. 61 — 85), Zur
Frauenfrage (S. 100 — 118, S. 129—163, S. 196 — 199, S. 232—247),
Zur Politik (S. 200 — 205), ZiviHsation und Kultur (S. 172 ff., S. 215
bis 218), Literatur (S. 248 — 257), Polemik gegen Ali Dschanib (S.
164 — 171), Lehrhaftes (Briefe an seinen Sohn, S. 258 — 302, S. 309
bis 316). Auf allen Gebieten sucht Dschenab das Abgestorbene
zu retten; sein Trick ist, das, was an seine Stelle treten soll, schlecht
I
Dichter der neuen Türkei. 29
OCK>»O0OOOO<XXXXXXXXX5OaXXXXXXXXX)0O00OO00000000<XX5000OO000O00O00<»00^^
zu machen, seine schwachen Seiten ins Lächerliche zu ziehen; das
fällt ihm nicht schwer, da auch im Orient von den Neuerern mit
der Phrase gesündigt wird und dadurch die Wesenheiten verschoben
werden. Dabei ist er aber nicht blind gegen die Mängel des
Systems, das sich gegen jede Neuerung sträubt. Das geht so
weit, daß er die starken Geißelungen des osmanischen Lebens,
die Dschelal Nuri in seinem „Osmanischer Niedergang und
Historische Vorherbestimmungen" vornahm, mit Dank als eine
bittere Medizin begrüßte, die jeder genießen müsse (S. 181); die
„Offenen Briefe" an Dschelal Nuri sind voll von vortrefflichen
Bemerkungen, angeregt durch die Erzeugnisse dieses etwas zu
hastigen und undisziplinierten Geistes, bei dem in der Tat der
Mangel an Selbstzucht ein schönes Talent zu einem Werkzeuge
von nur mäßig'em Nutzen herabgedrückt hat. — Was Dschenab
zur Frauenfrage schreibt, erhebt sich weit über das gewöhnliche
Gerede der türkischen Zeitungsschreiber und zeigt Vertrautheit
mit der europäischen Literatur, wenigstens der französischen (siehe
besonders die Auseinandersetzung mit Salah eddin Aasym Bej
in „Eine Lebensfrage", S. 114 — 132). Dschenab dürfte der unter
den modernen Türken sein, der am meisten Mannigfaltiges gelesen
hat. So hat er auch einen Blick für literarische Werte, der freilich
getrübt wird durch persönliche Sympathie und Antipathie. Wertvoll
ist das Stück der Serie „Die Philosophenecke" (S. 2 25 ff.), das sich
mit der „Literatur" beschäftigt (S. 248 — 257), und in dem berühmte
Leute .unter fingiertem Namen ihre Ansicht vertreten. In den
Worten des Ali Raschid am Schlüsse dürfen wir wohl die.Meinung
Dschenabs finden: daß er dabei Fikret als den hinstellt, der in
der „Zerbrochenen Leier" der verzweifelten Empörung der Nation
einen Ausdruck gefunden, ist wohl verständlich, weicht übrigens
nicht unerheblich von denen ab, die Fikret einen faden Kos-
mopolitismus andichten; eine Überraschung aber ist es, daß er für
das sogenannte Dekadententum eintritt. Anders können wir es
wohl nicht auffassen, wenn er schließt (S. 257): Wir suchten nach
einem herben Stil, der der Bastardphilosophie unserer Zeit ange-
messen wäre; was wir fanden, nannte man „Dekadententum" [de-
qadanlr/qY. Daß dieser unzweifelhaft urteüsfähige Mann seiner
Skizzensammlung einen heftigen Angriff auf Ali Dschanib ein-
gefügt hat (S. 164 — 171), hat mich schmerzlich berührt. Unter
„Antwort" richtet er an Ali Dschanib einen offenen Brief, in
dem er den etwa 30 Jahre jüngeren Dichter wie einen Schulknaben
30 Hartmann,
CC)OO0OGOOOO(XXXXXXXXXXXX>3OOOOCXX)OOC)OOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXOCXD<XXX^^
abkanzelt, doch ohne sich an dessen literarischem Ruhm zu ver-
greifen. Davor bewahrte ihn sein guter Geschmack. Er antwortet
nur mit Witz auf Ali Dschanibs Angriffe und erwidert mit Ver-
spottung des „Villenargot", das die Leute von Salonik an die Stelle
des Hofargots setzen wollten; er bleibt übrigens bei dieser Gegen-
offensive völlig vornehm und zeigt eine Toleranz, die sich die
Feuerköpfe und Umstürzler zum Muster nehmen müßten deswegen,
weil sie kein klares, großes Ziel haben und in Verfolgung ihres
kleinen sich klein gezeigt haben. Köstlich sind die Sätze, .in denen
Dschenab seine Eigenart schildert (S. 165 f.), immer die Gegen-
sätze zu suchen und sie mit heiterem Lachen zu überwinden, und
zum Schluß seinen Glauben: „Es gibt keine Theorie, die vollkommen
unfruchtbar wäre.** Auf seinem eigensten Gebiete treffen wir
Dschenab an in „Die Philosophie des Witzes" (S. 37 — 44); er
bereitet uns insofern eine Enttäuschung, als er das ganze Stück
hindurch nur von Witzschreibern, im besondern Witzblättern spricht
und die Gegenstände und Methoden satirischer Behandlung er-
örtert; von der feinen Äußerung eines witzigen Geistes, die sich als
„romantische Ironie" darstellt und die gewöhnlich mit dem Humor
gepaart ist, kein Wort. Eine zweite Auseinandersetzung mit Ali
Dschanib findet sich in der jüngsten Publikation Dschenabs:
nesri liarh, nesri siilh weterjaki sözleri (Konstantinopel, Eljas [Buch-
handlung Kinaat], S. 1334h [1916], 192 S. kl.-80) [Mein Referat
darüber in „Neuer Orient" Bd. I, S. 349 f., hier „Ref."]: auch hier
kämpft Dschenab unbegreiflicherweise und ersichtlich unter dem
Einflüsse einer Gesamtanschauung, die mit diesem Punkte nur in
entferntem Zusammenhange steht, gegen das volkstümHche Türkisch,
das ihm eine „SprachverhäßHchung" darstellt. In dem Banne eines
in Stambul sehr verbreiteten Irrtums behauptet Dschenab hier,
ein Brief in dem „klassischen" Türkisch würde in Kaschgar leichter
verstanden werden als in Volksosmanisch; aber in Kaschgar ist
die Kenntnis des „Tschagatai", d. h. der unnatürhchen Ziersprache
im Gegensatz zum „Turki" nur wenig verbreitet. Im übrigen
enthält nesri harh zahlreiche bedeutende und anregende Äußerungen
(die über Fikret sind oben erwähnt). Im Juni 1917 erschien von
ihm das dramatische Werk (Komische Szenen) „Kör Ebe" (Blinde-
kuh), deutsch wiedergegeben in ,yDi@ Neue Türkei" (Juli — September
1917). Die Urteile, die Halide Hanum und Fazyl Ahmed über
ihn bei dem Interview durch Ruschen Eschref fällten, sind nicht
allzuweittragend. Halide läßt sich so vernehmen: „Dschenab
Dichter der nexien Türkei. 31
000000000<XXX)OeOOOOOO(X)OOOOOOCKDCOCIOOOOCXDOC)C)OOOCKX10C^^
ist ein Prosaist, der neben ein, zwei Liebesgedichten, korrekt
schreibt, ein gut stilisierender Plauderer, ein Mann mit Esprit" {Türk
Jurdu ^r. 144 S. 3591). Fazyl Ahmed sagt {Tärk Jurdu Nr. 146
S. 3620): „Ich habe Dschenab zuerst bewundert; seine Hauptkraft
hat aber erst nach der „Neuen Literatur" angefangen; seine
wichtigsten Werke hat er nach der Revolution geschrieben; er
hat aber seine neuen Gedanken in altem Stil vorgebracht, und
deshalb hat die junge Welt dem Meister Nasenstüber gegeben;
er ist ein großer Bildhauer, er verdirbt aber seine Werke, indem
er ihnen Schminke aufträgt." Das ist eine vortreffliche Charakte-
ristik, wie auch sonst Fazyl Ahmed in der knappen Schilderung
der Persönlichkeiten Meister ist. Sie besagt nicht mehr und nicht
weniger, als daß Dschenab abgedankt hat. Der Nachwuchs hat
freihch keinen Anlaß, mit Geringschätzung auf ihn zu blicken: die
meisten reichen bei weitem nicht an ihn heran: Dschenab kennt
vor allem den Wert und die Bedeutung der ernsten Arbeit, und
an der lassen es die jungen „Dichter" meist fehlen; sie glauben, mit
ein paar hingehauenen Strichen das erwerben zu können, was
Dschenab witzig nennt: suhreti sahile „leichter Ruhm". Wenn
Dschenabs Name in der Entwicklungsgeschichte der Osmanischen
Literatur einen festen Platz hat, so verdankt er das dem Ernst, mit
welchem er an die literarische Arbeit herantrat. — Da Hörn den
durchaus in sein Gebiet gehörenden Dschenab nicht erwähnt, hat
Hachtmann ihn in sein „Zwanzigstes Jahrhundert" aufgenommen.
Richtig hebt er an Dschenab den Humor hervor und sieht in
hagg jolunda ein echt türkisches Erzeugnis. — Übersetzt ist von ihm:
„Den Waisen der Gefallenen" in: „Die Islamische Welt", Januar 1917
(nach H2 S. 76); außerdem Stücke aus hagg jolunda. Weiteres zu
seiner Charakteristik siehe S. 54. — Bild NSM S. 82 mit Versen
[chaßf]. — Proben: 1. „Aus den rebtljät, Frühlingsgedichten" [freie
Verse]; 2. „Über unsere Frauen — An Dschelal Nuri Bej Effendi"
(Prosa). — Büjük: Bild S. 159. — Probe S. 159 f.: derwts [chaßf],
gewidmet Fa'ik Aali. — Donamna Nr. 56 S. 123 hiläli gvjän „Der
weinende Halbmond", nach der Anmerkung „gedichtet in den
dunkelsten Tagen des Balkankrieges" [Kurz-ru6ä'^]; trotz der Zier-
sprache verleugnet sich in diesen Versen nicht das über den nahen
Untergang des Vaterlandes und der Nation blutende Herz. Bei
Hörn fehlt dieser bedeutende Dichter, der nur acht Jahre jünger
ist als Abdulhakk Hamid. Ich höre, daß Dschenab wegen seiner
satirischen Ader gefürchtet ist; er gilt als der eifrigste Vertreter
32 Hartmnnn,
O000CXXX)000000G00CO00(XXX)00000000000O00CKXXXXXX)CXXO(XXX)00000OOOOC)<>D^^
der metrischen Poesie. 1915 reiste er in Deutschland und sandte
dem „teswlri efkär" eine Anzahl flüssig geschriebener Korre-
spondenzen. — 1909 besaß Dschenab Schehabeddin das Herz der
jüngeren Generation; man nannte ihn den türkischen Alfred
de Musset (Briefe S. 107 f.); das wül nicht viel sagen (vgl. Hacht-
mann S. 1 1 f.). Bezeichnend ist die Ablehnung von Fikret und
Dschenab an einem Vortragabend, wo sie hinter den volkstüm-
lichen Modernen Mehmed Emin und Riza Tewfik zurücktraten
(Briefe S. 157). Wenn ein Mann wie der eigensinnige Altsprachler
Nizami Schehabeddin auf das Piedestal stellt, so ist das ein Miß-
verständnis: Schehabeddin hat seine Intelligenz bewiesen, indem
er die Anregung der neuen Zeit wiUig aufnahm, wenigstens hin-
sichtlich der metrischen Form: seine freien Verse in New Sali
MiUi sind Beweis; in der Sprache freilich herrscht noch die alte
Ziersucht: gesti guUstän etmek, harlsi sme, husni mch u. dgl. m.; ge-
danklich steht das metrische „derwts^' (in Büjük) höher; das „Früh-
hngsgedicht" ist ein frostiger Witz: „wir wollen an deinen seidenen
Busen legen eine im Rhythmus schwingende Rose, eine im Reim
schwingende Empfindung". Das von Weltverachtung, Bummellust
und Genußfreudigkeit strotzende Lied des Derwisches bewegt
sich in bekannten Geleisen. Gelegentlich hört man: „Dschenab
Schehabeddin hat sich völlig bekehrt, er dichtet nicht mehr nach
dem alten Metrum"; das ist irrig; für Leute wie er wird das alte
Metrum immer das feierliche sein, und sie werden gern eine
Fertigkeit zeigen, über die die Jungen häufig nur spotten, weil sie
sie nicht besitzen. Von den metrisch Geschulten, deren es auch
unter den Jungen gibt, wird ihm vorgeworfen, daß seine Verse
technisch nicht einwandfrei sind; so finde sich di als tun in
fa^ilätun, während es kurz ist. Der Meister der technischen Korrekt-
heit ist Fikret: streng logisch im Gedanken, hat er nie einen
Fehler in der Form; so schuf er eine Schule. Dschenab Schehabeddin
ist Fikret überlegen an Phantasie und kühnen Gedanken, unter-
geordnet in literarischer Schulung (einen kleinen Angriff auf die
technische Untadeligkeit Fikrets kann sich ömer Seifuddin
nicht versagen, siehe S. 38, 7 ff.; es ist in der Tat seltsam, daß
Fikret durch das Schriftbild geleitet, die Ungeheuerlichkeit be-
geht, ja von jara „Wunde" als Länge zu brauchen). — Als Dschenab
Schehabeddins beste Stücke gelten eUmni hitä „Winterlieder" und
pijänö „Piano".
.'T
fcj
Sulaiman Nesib
(Sulairaanpaschazade Sarai)
Dichter der neuen Türkei. 33
D00OO00O00O00000<XXXXXX)000000000O(XXXXXXXXX)000<XXXX)000000C»00000000C^^
3. Sulaiman Nesib [sulaimän neslb],
„geboren 1283 [1867], hieß eigentlich Sami, Sohn des verstorbenen
Sulaiman Pascha, des Siegers von Schipka, der mit Midhat zu-
sammen für die Konstitution wirkte und die Revolution von 1292
[1876] ins Werk setzte; als sein Vater im Beginn der Regierung
Abdulhamids als Belohnung für seinen patriotischen Eifer verbannt
in Bagdad leben mußte, studierte Sami in der Milkije; das war ein
bitteres Los, denn er hing mit starker Liebe an seiner Familie; er
strömte seinen Schmerz in Gedichten aus; schon damals warf er
sich mit aller Kraft auf die französische Literatur; sein starker
junger Geist neigte dem Neuen zu; es war damals die von Nadschi
herbeigeführte literarische Stagnation; wie unerträglich war für
diesen Geist, der mit dem Genie Abdulhakk Hamids in Berührung
gekommen war, der bei Ustad Ekrem in die Schule gegangen war
und mit dem literarischen Hochstand Europas gründlich vertraut
war, die von Nadschi und seinen Parteigenossen herbeigeführte
literarische Reaktion ^l Damals pflegte er in dem alten „Caf6 der
Abgesetzten" {nia'zülln qahwechäyiesi) gegenüber der Hohen Pforte
mit seinen Kameraden zusammenzutreffen, mit den Nadschi-Leuten
im Dichterwettstreit sich zu messen und ihnen zu beweisen, daß
auch die Jungen imstande seien, Verse nach der alten quantitieren-
den Art zu machen; die Ghazele, die dabei herauskamen, schickten
sie, indem jeder seiner Unterschrift das Wort Mu'allim „Professor"
hinzusetzte, an die Zeitungen. Nachdem Sami die Schule verlassen,
ergriff er den Lehrerberuf; er wurde Direktor der Gymnasien in
1 Die Entrüstung der heutigen Generation über „Mu'allim Nadschi" ist allgemein; dieser
„Professor Nadschi" ist der Typus des armseligen, kleinlichen Schulmeisters, der sich
jedem Neuen, Großen entgegenstemmt. Die Leute, die seine ,, berühmte" sünbüle ins
Deutsche übersetzten und für die dieses, auf der Stufe einer Erzählung für die weibliche
Jugend stehende Opusculum ein Beispiel der modernen osmanischen Literatur ist, ahnen
nichts von dem Geiste, der in den Besten schon zur Zeit Nadschis lebte und der sich
gegen die Tendenz, das Volk mit nichtssagenden Kindlichkeiten zu füttern, durchgesetzt
hat. Als Kinderbuch mag sünbüle seinen Platz behalten. Natürlich hat auch dieser
Mann seinen Lobredner gefunden: ein IsmaMl Hakki, Oberschreiber in der Kanzlei
für Konsularsachen, hat ihm in der Sammlung osmanly meSäMr üdebäsy das Heft
Nr. I gewidmet, Stambul, 131 1 [1895], 120 S., 12° (derselbe Hakki gab dort auch
die Vitae von Dschewdet Pascha, Schemsuddin Sami und Ekrem heraus). Das Ding
ist nicht ganz ohne Interesse. Einer der letzten Bekämpfer der Neuen ist Mehmed
Nizami (er starb März 191 6, war Schwiegersohn Ahmed Rasims): über seinen wütenden
Angriff auf den Türk Derneji in ittihäd vom 27. August 1325 (9. 9. 1909) siehe
Briefe S. 48 ff.
Urkunden und Untersuchungen. 3. 3
34 Hartinann,
ßrussa und Bagdad, dann des Unterrichtswesens in Brussa, dann
des Elementarschulwesens im Unterrichtsministerium, dann des
Unterrichtswesens in Stambul und schließlich Mitglied des Großen
Unterrichtsrates; eine Zeitlang war er Direktor des Hochschul-
wesens; auch bekleidete er das Rektorat an der Universität.
Sulaiman Nesib stand zwischen der literarischen Epoche, die durch
die Namen Chalid Zija und Fikret gekennzeichnet ist^, und der
Jugend, die entschlossen war, der literarischen Reaktion den töd-
lichen Streich zu versetzen; damals war es unmöglich, unter eigenem
Namen zu schreiben; so nahm auch Sami einen falschen Namen an
in Anlehnung an den seines Vaters, «in, scheint mir, höchst feiner
Spott für den Tyrannen [er nahm offen an der jeni /isän-Bewegung
teil; wenigstens erscliienen von ihm Gedichte in geng qalemler:
in Nr. 3 S. 121 und in Nr. 8 S. 137]. In Sulaiman Nesibs Werken
findet sich ein feines Empfinden, ein feiner Schmerz, ein feines
Denken; es liegt in ihm gleichsam eine heimliche Trauer, und doch
reden sie und wecken Empfindung; besonders hervorstechend ist
die moraHsche Reinheit bei ihm; in seinen glühendsten Minuten
bleibt er immer gütig, es lebt in ihm ein geistiger Warner [rubäH']:
'Komm endlich herbei, gütige Hand, wegzeigende Hand,
Laß uns erkennen, Licht der Wahrheit, überzeuge uns,
Laß erkennen, daß es Lüge, alles Lüge, alles Lüge ist,
Laß erkennen, daß Worte wie „Gerechtigkeit", „Zivilisation"
Doch wieder Blut und Blut, doch wieder Gewalttat im Namen
des Rechts bedeuten.
Es ist nun endlich genug; lehre die Menschen Menschlichkeit!'
Die Biographie NSM S. 283 f. ist von Schehabeddin Sulaiman.
Sein Bild S. 282. — Probe S. 285 f. hant/ „wo?" [chaflf mit ver-
schlungenen Reimen], ein gewöhnliches Liebesgedicht. — Büjük
S. 165 Bild und Probe inilti „Seufzer" (silbenzählend) vom 21. 6. 1329
1 Man begegnet in türkischen Arbeiten über die moderne Literatur häufig dieser Zu-
sammenstellung: „Periode Fikret-Chalid Zija"; es ist bemerkenswert, daß hierbei
der erste Dichter fast immer in der kürzeren Namensform erscheint, während Chalid
Zija hier, wie auch sonst stets, mit seinem vollen Namen genannt wird. Daneben ist ,
beliebt die Zusammenstellung Fikrets mit Dschenab Schehabeddin, z. B. Briefe S. 50, 157;
beachte, wie Dschenab Schehabeddin durch seinen Übergang in das feindliche Lager
in eine bessere Stellung gegenüber Fikret gerückt ist: Briefe S. 107 f. Die Stellung,
die hier Sulaiman Nesib zwischen den Zahmen und den Stürmern angewiesen ist,
spricht sich auch darin aus, daß er sich herbeiließ, in dem silbenzählendcn Versmaß
zu dichten (Probe in Büjük).
Dithter der neuen lurkei. 35
[4. 7. 1913]; der Dichter schildert, wie von Berg- und Tal des
Vaterlandes Seufzer aufsteigen; sie klingen auch dem Söhnchen
des Dichters, das er anredet, schön; dieses soll aber das Seufzen
lassen; es sei eine Schande; die Mütter sollen lachen, die Feinde
sollen seufzen.
Sulaiman Nesib starb am" 28. September 1917 in Konstantinopel.
2\'irk Jurdn (Nr. 145 vom 11. 10. 17 S. 3611) widmete ihm einen Nach-
ruf, der, ein schönes Zeichen der Unparteilichkeit der Nationalisten,
seine Verdienste, vor allem seinen aufrichtigen Charakter rühmend
hervorhebt; dabei wird wahrheitsgemäß festgestellt: „obwohl Sami
nicht alt geworden ist, gehört er zu unsern Literaten, die ijire
Schule, ihr Programm historisch geworden sehen". Dem Nachruf
folgten, aus Sabah, Teswiri Efkar und Ikdam abgedruckt,
Lebensabrisse und Würdigungen. Teswir ist überschwänglich im
wStile des Verstorbenen: unter nichtssagenden Phrasen werden
Stücke aus den Proben in New Sali Milli (S. 284 ff., vgl. I S. 16)
abgedruckt: es wird nicht einmal empfunden, wie kompromittierend
für den Verstorbenen diese Klagerei, diese Abgewandtheit vom
Leben ist; in Wirklichkeit hat Sulaiman Nesib dem großen Werk
der nationalen Hebung sein Interesse geschenkt und war Vor-
sitzender der „Gesellschaft für nationalen Unterricht und Erziehung",
auch Mitglied der „Kommission für Originalarbeiten und Über-
setzungen" am Unterrichtsministerium. Etwas rauh, aber wahr
sind die Worte Ahmed Emins (aus Sabah): Sami Bey war mit
48 Jahren gebrochen . . . , wie es sehr viele gibt, die, wie er, früh
• dem Leben Valet sagen, so gibt es auch viele seinesgleichen, die
krank an Körper und Geist leben". Es ist nicht recht verständlich,
wie die Begründer der edebijati 'umümije megmü'asy „Zeitschrift
für Allgemeine Literatur", des im Oktober 1916 geschaffenen Organs
der Gruppe, die, an dem Alten festhaltend, der jungen starken
Bewegung im politischen und kulturellen Leben des Landes sich
entgegenstemmt, Sami als einen der Förderer und Mitarbeiter in
die Redaktionsgruppe aufnehmen und Gedichte von ihm abdrucken
konnten. Sein letztes Gedicht erschien in Nr. 24 vom 14. April
1916, S. 407 (datiert vom 28. September 1916): „Ruhebedürfnis",
es heißt darin: „Mein Denken schaut mit phantasielosen Blicken".
Das bedeutet, daß das Wenige von kräftiger Lebensbejahung, das
seine Aufnahme in meine Reihe mir gerechtfertigt erscheinen ließ,
sofern es in der Jugend nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung
geblieben war, erloschen war. Anzuerkennen ist, daß er an dem
3*
3 6 . Hartmann,
Kampfe gegen die Pedanterie und das oberflächliche Traditions-
treiben des Mu'allim Nadschi teilnahm und sich nicht eigen-
sinnig der Zählvers-(Ai^e tr«2ui)-Strömung entgegenstemmte. So
nahm er eine Mittelstellung ein, und Fa'ik Aali (Nr. 4) widmete
ihm den ersten Teil seines temätll. — Im einzelnen bemerke ich
noch: Etwas gar zu häufig wendet Sulaiman Nesib die Wieder-
holung an: jalan hepsi jalan hepsi jalan NSM S. 284, 12 {Über-
setzung hier oben); ebenda S. 286, 5 hepsi hepsi chajäl; S. 286, lo
titresem titresem. Das Motiv: „es ist alles Lüge", „es ist alles
Schein" kehrt oft bei den Dichtern vor 1914 wieder. Sami ist
ein getreuer Interpret der verzweifelten Stimmung, in der sich
alle Strebenden unter der Verfolgung durch Abdulhamid und
seine Werkzeuge befanden. Nach persönlichen Nachrichten
wurde Sulaiman Nesib besonders geschätzt wegen seines Geistes
der Unabhängigkeit.
4. Fa'ik Aali [fä'iq 'älf\,
j.geboren 1292 [1876] in Dijarbekir, Sohn des Dijarbekirli Sa'id
Pascha, des Verfassers von mlzän eVedeh; absolvierte die Mükije in
Stambul; aus seiner Familie sind eine ganze Anzahl hervorragender
Persönlichkeiten in Dichtung und Kunst hervorgegangen; hoch-
begabt schrieb Fa'ik Aali schon früh Gedichte, in denen sich seine
spätere Richtung zeigt; er war der eifrigste Verehrer des großen
Hamid, andererseits wandte sich der junge Dichter dem Westen,
und zwar besonders Victor Hugo zu; sobald Fikret und Chalid Zija
die neue literarische Bewegung ins Leben gerufen hatten, schloß
sich der junge Dichter ihnen an: unermüdlich übte er in Serweti
funun seine Tätigkeit, bis er von Abdul Hamid kaltgestellt wurde;
auch er litt unter den geheimen Verfolgungen, bis er durch den
Einfluß hoher Freunde frei kam; die in Serweti funun publizierten
Arbeiten stellte er nach der Revolution in dem Bändchen fänl
teselliler „Vergängliche Tröstungen" zusammen; in Stil und Gedanken
unterscheidet er sich von den Genossen vollkommen; das Fikret
und Dschenab und ihren Genossen Gemeinsame findet sich bei
Fa'ik Aali nicht, man kann ihn vielmehr als direkten Nachfolger
Hamids bezeichnen, an dem er seit der frühesten Jugend mit der
größten persönlichen Verehrung hing; andererseits scheidet er sich
von Hamid durch die Mannigfaltigkeit seiner Gegenstände und die
besondere Sorgfalt seiner Sprache; nach der Revolution trat er in
Fa'ik Aali
Dichter der neuen Türkei. i']
0CX»000CXX»0000<X)00C)000C>DCXXXXXXX)(XXXX)00000CO000000000^^
eine neue noch reichere Periode ein; in allen Zeitschriften, die seit
fünf Jahren erscheinen, stößt man auf den Namen Fa'ik Aali, und
seine Beiträge würden drei, vier Bände büden; außerdem brachte
er zwei Gedichtsammlungen: „Midhat Pascha" und „Vaterländische
Melodien" [elhäni watan] heraus; nach Absolvierung der Mükije
hatte er mehrfach Landratsposten inne, nach der Revolution einige
Mutesarrif-Posten ; heute ist er Mutesarrif des Liwa Skutari" (nach
der Biographie des Anonymus NSM S. 17 f.). In dieser Vita ist
ebensowenig ' wie in anderen Äußerungen über Fa'ik Aali er-
kannt, daß das zähe Festhalten an dem Persizismus in der Poesie
sich bei ihm wie bei seinem Bruder Sulaiman Nazif [Nr. 7] aus
ihrer Herkunft erklärt: sie sind in Sulaimanije geboren, der be-
kannten Kurdenstadt (über die Verhältnisse dort um 1830 berichtete
lehrreich der britische Generalkonsul Rieh in seinem Reisewerke
über Kurdistan), und sie erhielten jedenfalls eine Erziehung vor-
wiegend persischen Charakters; so stehen sie ganz unter dem
Banne der Zierdichtung. Die Bewertung des Momentes der Blut-
gesellung in diesem Falle ist mir nur bei einem allerdings sehr
hellsichtigen Türken entgegengetreten (siehe jedoch meine Be-
merkung über die Wirkung des Geburtsorts als fremder Einschlag
Synthese S. 2). — Büd S. 16 mit Versen in rubä%; Probe S. 19
tulü' „Sonnenaufgang" {mügtett, Sonett) von November 1329 [1913]:
arme Gedanken in gekünstelter, unverständlicher Sprache; ver-
gleiche hiermit den Sonnenaufgang in Ali Dschanibs „Weg nach
Turan" S. 53, mit der packenden Schilderung in einfachster Sprache;
Fa'ik Aali bleibt bei der Naturerscheinung der Rechner: „wie
stelle ich das schön dar": Ali Dschanib ist überwältigt: ohne Re-
flexion ringt das Erlebnis nach Ausdruck im Ringen mit der
Sprache, in der nach Klingklang zu suchen neben dem Gewaltigen
als Gipfel der Banalität erscheint. — Büjük: Büd und Probe S. 172:
jene hep sen „Immer wieder alles du!" (ritbäH): ein liebenswürdiges
Wortgeklingel, ganz im Rahmen der klassizistischen Technik und
Gedankenreihen.
Hachtmann behandelt Fa'ik Aali, er schreibt Ali (es empfiehlt
sich Aali, denn der Name *ä/? ist von ^all scharf zu trennen; auch
der bekannte türkische Staatsmann hieß Aali und schrieb sich so
[siehe Pariser Kongreßakten von 1856], nicht „Ali^'.) S. 2 1 f . mit
gleichem Gesamturteil wie bei mir. Das von Hachtmann er-
wähnte temätU „Gestalten" ist eine Sammlung von Gedichten (über-
wiegend in Sonettform), deren erste Abteilung mehäsin „Schön-
2 8 Hartmann,
tXXDOOC<XXXX)0O0000G00O(XXXX)00000O0O000OO(XXX)OC»0OCKX<XXXXXXXXXXyXXX)OO0O00O0C^^
heiten"! Sulaimanpaschazade Sami (Suleiman Nesib I Nr. 3),
deren zweite Abteilung '^asq wetabtat „Liebe und Natur" dem Bruder,
Sulaiman Nazif, gewidmet ist. Die „Schönheiten", inbegriffen
die moralischen und ästhetischen, sind meist an Frauen gerichtet;
sympathisch sind die Verse „Meine geschätzte Gefährtin. — Jenem
entfliehenden Phantom'* (S. 17 bis 20); gefeiert wird Abdulhakk
Mihr ünnisa, Schwester Abdulhakk Hamids (S. 21 — 26, mit Zitat
aus ihren Gedichten S. 22 N. 1), auch Frauen mit fremdländischen
Namen; eine Reihe von Gedichten ist den verschiedenen „Schön-
heiten" gewidmet (die unschuldige, die flüchtige, die abwesende,
die neu verschleierte Schönheit). In dem zweiten Teile ein Gedicht
an Dschenab Schehabeddin (S. 168 — 176): „In den Wüsten —
Erinnerung an gemeinsamen Ritt"; auch das unglückliche „Sa'dabad"
mit seinen Nichtigkeiten wird herbeigerufen, S. 136 — 138. — In
dem „Bekenntnis" {hasbihäl) vor den fäni tesellller versucht Fa'ik
Aali seine Leitgedanken niederzulegen; es ist in einer unglaublich
schwülstigen Sprache geschrieben und läßt die Absichten nicht
scharf hervortreten; der S. 8 f. proklamierte Grundsatz: „die Poesie
muß sich an die ganze Menschheit wenden" wird von dem Dichter
selbst nicht befolgt: er wird nicht einmal von den eigenen Volks-
genossen verstanden; kennzeichnend ist auch das Eintreten für
Vart pour Vart S. 15. Hätte er in Stil und Sprache den von ihm
gefeierten Abdulhakk Hamid (S. 14) sich mehr zum Vorbild
genommeft, so wären seine Verse nicht eine solche Häufung von
arabisch-persisch-türkischer Schönrednerei geworden, wie sie sind.
Hachtmann geht (Vita im „Zwanzigsten Jahrhundert" S. 21 f.) in
Fa'ik Aalis Gedichten den , Berührungen mit den Franzosen im
einzelnen nach (nicht ganz verständlich: er „erinnert ... an die
französischen Parnassiens und Symbolistes") und erwähnt das harte
Urteil Ahmed Hikmets, dieses feinen Kenners, über den „Phraseur"
(S. 22).
5. Chalid Fachri [chälid fachri]
„ist einer der geschätztesten Dichter der letzten Generation; die
osmanische Jugend muß stolz sein, eine große moralische und
dichterische Persönlichkeit wie Fachri zu besitzen; seine Sprache
1 Auch in den älteren fänl teseUller wird mehäsin zum Überdruß wiederholt; das immer-
währende Operieren mit dem verschwommenen Begriff ist kennzeichnend für dieses
kraftlose Ästhetentum. Fa'ik Aali gab wohl die Anregung zu der illustrierten Zeitschrifl
mehäsin, über welche siehe Briefe S. 221.
I
Dichter der neuen Ttirkei. 39
hat Vollklang, seine Gedanken sind originell; an Weite und Feinheit
der Empfindungen überragt er die Dichter der letzten Zeiten.
Chalid hat uns nicht den Westen, sondern den Osten, den alten
Osten gesungen, hat uns die alten, längst gestorbenen Märchen
mit einer frischen Sprache in metrischen Versen und rhythmisch
erzählt. Er ist der Sohn des Oberst Dr. Fachri, geboren 1307
[beg. 14. 3. 1891] in Stambul; er hörte in der Kindheit die von
seinem Vater in der Sprache Nadschis 1 geschriebenen Gedichte
mit tiefer Aufmerksamkeit und erhielt von ihm die Dichtkunst;
die Mutter verlor er in zartem Alter; das Studium im Galata Serai-
Gymnasium mußte er, weil mit der Krankheit der Dichterei behaftet,
aufgeben; aber was kann die Schule geben neben der Gabe der
Natur? Chalid ist als Dichter und als Großer geboren, und so
wird er sterben" (nach der Vita von Schehabeddin Sulaiman [siehe
Nr. 9] NSM S. 154). — Die Stilprobe NSM (S. 155— i 5 7) ist ein
Gedicht „Kabul" in Rubä'i- Versen: Beschreibung einer Szene in
Kabul (Hochzeit der Tochter des Emirs). — Das Bild NSM S. 153 ist
verschieden von dem Büjük S. 161; über die Unterschrift siehe unten.
— Büjük S. i6i das Büd mit einer Probe „der Springbrunnen"
[müzäri'], gewidmet Hakki Tahsin; harmlos; ob „ein Hodscha ver-
richtet die Waschung unter dem Brunnen" (Str. 3, 4) der poetischen
Schilderung angehört oder ein Scherz sein soll, wage ich nicht zu
entscheiden. — Die Überschwängüchkeiten in der Vita Schehabeddin
Suleimans berührten alle, denen ich sie zeigte, seltsam ; man erklärte
sie aus der Anlage des New Sali Milli, bei welcher das Haupt-
ziel gewesen sei, recht viele und in gutes Licht gestellte Namen
zusammenzubringen. Man hat nichts gegen den noch jugendlichen
Dichter, aber man stellt allgemein fest, daß zurzeit eine allgemeine
Anerkennung seiner poetischen Bemühungen nicht vorliegt. —
Neuestens trat Ghalid Fachri mit dem Drama haiqus „Die Eule"
hervor, aufgeführt am 2. März 1917 im Tepe-Baschy-Theater (Pera);
Musik zum 2. Akt von Hegei; Darsteller aus der Truppe des
Konser\ itoriums. Über die Generalprobe dieser Aufführung am
27. Februar berichtete ausführlich Schrader im Osmanischen
Lloyd, Nr. 58 vom 28. Februar: diese im klassischen Versmaß ge-
schriebenen dramatisierten Märchen machen der modernen Form
1 Das ist nach dem S. 33 Anm. I Ausgeführten keine Empfehlung; die Bemerkung zeigt
aber, dafl der „Stil Nadschi" einen festen Wert darstellt, zeigt auch, daß der Verfasser
der Vita, Schehabeddin Sulaiman, »ich nicht des verderblichen Einflusses Nadschis be-
wußt ist.
40 Hartmann,
OOOOeGOOOOOOOOOOO<X50000000000CXXXXDOOOOOOOOOC)OOC<XXXXXXXX)OC>(XXXXO(X)OOC)OOCOOOOOO<^^
der volksmäßigen Silbenzählung, wie sie heute von dem türkischen
Dichter allgemein angewandt werde, keine Zugeständnisse; wolle
man es klassifizieren, so müsse man es der Form nach der Schule
Abdulhakk Hamids zuteilen; dem Inhalt nach widerspricht es
unserer Vorstellung eines Märchenspiels: es sei vielmehr von
Anfang bis zu Ende eine düstere Tragödie, in der der Uhu, der
unheilverkündende Vogel des Volksaberglaubens, die RoUe des
über den Häuptern der Menschen schwebenden dumpfen Schicksals
spielt. Der Inhalt ist recht dürftig: das Leiden eines Schwind-
süchtigen in einer Dorfhütte; die Stimmung wird verdüstert durch
den Schrei eines Uhus; ein Gast erscheint und der Vater des
Kranken hält mit diesem Zwiesprach, immer unterbrochen von
dem Rufe des Unheilvogels; ein Bruder des Kranken wird zurück-
erwartet; statt seiner erscheint Aischa, seine Verlobte; sie erzählt
dem Röchelnden ein Märchen; der Alte und der Gast machen
sich auf, nach dem Ausbleibenden zu sehen. Der zweite Akt zeigt
die beiden auf dem Friedhof, wo zunächst düsterer Gesang von
Peris aus einer Grabkammer ertönt; auch hier der Ruf des Uhus;
die Gebeine des zweiten Sohnes, Nail, den die Wölfe zerrissen
haben, werden gefunden; der Alte ist verzweifelt. Im dritten Akt
stirbt der Schwindsüchtige, der Vater wird wahnsinnig: er hält
sich selbst für den Uhu. Schrader findet Maeterlincksche Kunst
in diesem Werke, nur sei alles viel zu breit; bei der Aufführung
mache das Erscheinen der Peris im zweiten Akt einen etwas zu
opernhaften Eindruck. Einen Bericht ganz anderer Art über das
Stück haben wir in Tanin, Nr. 2950 (vom 27. Februar 1917), von
Sulaiman Nazif, der der Lesung des Dramas durch den Dichter
in der Kunstakademie vor der Kommission beiwohnte, an deren
Spitze der geschmackvolle, kunsthistorisch und äthetisch geschulte
Kammerherr des Sultans Isma'il Dschenani Bej steht' Der Be-
richterstatter nennt Fachri Chalid den „Tewfik Fikret der
kommenden Generation", „einen Dichter, der imstande sein wird,
das dichterische Erbe, das Tewfik von Hamid erhalten habe, zu
verwalten und zu mehren". Nach einer mit zahlreichen Proben
durchsetzten Inhaltsangabe geht er näher auf die Sprache ein, die
er sehr lobt: kein Wunder, denn Chalid Fachri geht in ihr
dieselben Wege wie Sulaiman Nazif, wenn er auch nach dessen
Meinung nicht korrekt genug ist. Eigene Wege geht „J. Z. (c?)",
der sich im Türk Jurdu, Nr. 131, S. 3379 — 3383, mit baiqus be-
schäftigt (das strenge Gericht hat Fachri nicht abgehalten, sich
Dichter der neuen Türkei. 41
0CXXXX300O000000CX}OC)0OO(X)O00000CXXX>00000000O0000OC)O00000000000O0O000000O0000000O0OO0000OOCXXXXXX}eoCX>eO
weiter in Türk Jurdu vernehmen zu lassen; siehe Nr. 138 ein Gedicht
vpn ihm, Nr. 13g sein Bericht über Mughla, der nicht ohne Ver-
dienst ist [siehe Neuer Onent Jahrg. I Nr. 3 S. 122]). Wir erhalten
hier eine Schilderung der Umwelt, aus der Chalid Fachri hervor-
gegangen ist; das lärmende Treiben einer effekthascherischen
Schar, die in dem von einem Dilettanten gegründeten „Rebab"
ihr Wesen trieben und gegen den fedschri ätl loszogen; es geht
dabei nicht ohne einen Seitenhieb auf Jahja Kemal ab (S. 3380).
Das neue Drama Fachris müsse jedenfalls die piece ä these, ein
Tendenzstück, sein: „glaubt nicht an Aberglauben!" freilich, hier
kommt es gerade aufs Gegenteil heraus: „glaubt an das Märlein,
daß der Schrei des Uhus Unheil bringe"! Die Sprache findet der
Rezensent abscheulich: sie ist ein Mischmasch aus dem dröhnenden
Wust Abdulhakk Hamids und Nazifs und dem lebendigen Stambul-
türkisch. Dabei baut Chalid Fachri Verse, bei denen man ver-
geblich nach einem Sinn sucht — leerer Klingklang. Das Haupt-
ergebnis für den Rezensenten ist, daß Fachri durch sein Drama
in Aruz (es ist durchgehend in Chafif) unwiderleglich nachgewiesen
habe, daß „die, die ihre Gefühle und Phantasien mit dem Rhythmus
{äheng) des Aruz komponieren, dem Bankrott verfallen sind". Chalid
Fachri ist noch nicht entmutigt: er dichtet weiter und betätigt
sich namentlich in Jeni Medschmu'a: diese Zeitschrift hat ein
weites Herz, und sie nimmt mit gleicher Liebe Zija Gök Alp wie
A. Seifi, N. Dschanib wie Jusuf Zija auf, und auch Chalid
Fachri.
6. Fazyl Ahmed [fadü akmed].
„Verfasser des diwCm^eH fäzyl „Kleine Gedichtsammlung P"azyls"; ist
Stambuler, oder, wie man in der Sprache der Viertelswächter
sagt: seJiir idaghy, geboren 1302 [beg. 14. 3. 1886]; sein Vater,
Dschemal Bey, starb als Mutesarrif von Diwanije; Fazyl lebte
immer in der Fremde und zog mit seinem Vater zwölf Jahre lang
in Anatolien, Kurdistan und Arabien herum und erhielt dabei von
diesem eine vortreffliche Erziehung; mit zwölf Jahren nach Stambul
gekommen, warf er sich eifrigst- auf das Studium auch der west-
lichen Philosophie; zugleich findet er in den ältesten osmanischen
Diwanen allerlei Schätze; die Revolution brachte auch ihm ein
neues Leben: für seine Dichtungen war Freiheit nötig; in den
Zeitschriften schrieb er zahlreiche Artikel über die verschiedensten
Sachen; im ganzen schloß er sich an die Alten an, hat es aber
42 Hartmann,
eoeoeooooooooooooooo(xxxxxxx)00(xxxx)ooooooooc>oooo(xxxxxxx>poooooooooocx3ooooooooooooooooooooooooooe>^^
besser gemacht als die alten Meister" (nach der von Riza Tewfik
verfaßten Vita NSM S. 26—28). — Sein Bild NSM S. 25, Probe
ebenda S. 29 — 31 „an Muhafiz Dschemal Bej Effendi" (Mesnewi
von 23 Doppelzeilen, silbenzählend): ist wegen der zahlreichen
Anspielungen ohne Kommentar nicht verständlich. — Büjük S. 176
Büd (dasselbe wie in NSM) und Probe „Aus einem Briefe" Mesnewi
von 12 Doppelversen, remeJ): unverständlich, weil fast nur An-
spielungen enthaltend, auch in einer seltsamen Sprache.
7. Sulaiman Nazif [mlaimän nazif].
Die Worte über ihn von Doktor Abdullah Dschewdet NSM
S. 278 enthalten nichts über seine Lebensumstände, nur folgende
Charakteristik [Auszug]: „Er war sein eigener Lehrer und Schüler;
ging in keine Schule, hatte aber die Kraft, eine Schule zu gründen;
unter seinen Gedichten ist keines, in dem nicht das Wort „Jugend"
vorkäme; Verse wie er können viele machen, Prosa schreiben wie
er können nicht viele; seine Prosa ist wie ein Wasserfall, der ohr-
betäubenden Lärm macht und eine hohe Schaumsäule aufspritzen
läßt; es liegt darin eine gewisse Gefahr: unter dem musikalischen
Zauber der tönenden Worte kann man dem kritisch abwägenden
Urteil seinen Platz nicht wahren; der Leser wird in einen Strudel
von Worten hineingerissen, wird dahin geschleudert, wohin der
Autor ihn haben will; schließlich, nachdem die Musik geschwiegen
hat, begreift man: „das hat Sulaiman Nazif sagen woUen"; wie ein
Artist, der mit Löwen spielt und sie beherrscht, so spielt mein
Freund mit den wildesten Worten; nach meiner Ansicht ist aber
die Löwenart der Worte noch schrecklicher und gefährlicher als
die Löwenart der Löwen, und was das schlimmste ist, sie ist
dauernd". — Diese etwas scharfe Kritik wird vollkommen bestätigt
durch die Probe „Brief an Abdulhakk Hamid" [S. 279 — 281]; das
ist das ganze alte Wortgesimpel, man möchte sagen: es ist der
Gipfel der Geschmacklosigkeit; man hat, wenn man das liest, nur
den einen Trost, daß solche Briefe heute wohl nur noch selten
geschrieben werden; ich möchte vermuten, daß der gescheite Welt-
mann, der Abdulhakk Hamid ist, etwas verlegen gelächelt hat bei
Empfang dieser Epistel, die ein Leckerbissen für politisch-ästhetische
Sensationslüstlinge, aber an die Geduld jedes ernsten und denkenden
Menschen eine starke Zumutung ist. Der Brief ist datiert: Mosul,
16. Februar 1914; zwischen den Zeüen der geschwollenen Sprache
Dichter der neuen Türkei, 43
0C<XXXX)OC)O0<X)0O0OO0CXXXXX)0CXXXXXXXXX)00CXXX>C»0000OCXXXXXXXO00O00O0000000OOC)00C^^
liest man mancherlei: von Bairut wird gesagt, es sei trotz seines
Meeres, seiner Berge, seiner Promenaden nichts anderes als die
enge HüUe eines Friedhofes [maqher, vielleicht mit Anspielung auf
des Adressaten berühmtes Gedicht tnaqber], doch habe er dort
einen Blick in das innerste Wesen der Dinge g'etan; im folgenden
werden philosophische Allgemeinheiten und Schmeicheleien für
den Adressaten vorgebracht; gelegentlich wird Dschelal Nuri mit
Auszeichnung erwähnt, ferner das Ableben Ekrem Bejs \ geheim-
nisvolle Punkte deuten Personen an, die nur von Vertrauten er-
kannt werden. — In einfacherem StU gehalten ist die Probe von
ihm Büjük S. 185 „Um zu leben!"; es ist eine Pariser Straßenszene
mit oft behandeltem Motiv: eine besser gekleidete weibliche Person
bietet dem Erzähler ihre Gesellschaft an; er gibt ihr sein Erstaunen
über diese Erniedrigung zu erkennen; sie antwortet ihm nur: „um
zu leben!" und dieses Wort hört er stets, wo er Elend und hündisches
Gebaren sieht. — Sulaiman Nazif gut auch heute noch als der
schärfste Gegner der neuen Sprachschule. In meinen „Unpolitischen
Briefen" konnte ich von dem im September 1909 wütenden Zeitungs-
krieg zwischen der alten und neuen Schule berichten, an welchem
sich Sulaiman Nazif mit Artikeln in der Zeitung des Ebüzzija
Tewfik taswlri efkär beteiligte; von kundiger Seite wird mir die
Feindschaft, 'die zwischen Sulaiman Nazif und dem jüngeren
Literaten herrscht, bestätigt. — Persönliches: S. N. ist Bruder des
Fa'ik Aali (siehe Nr. 4) und Sohn des Dijarbekirli Sa'id Pascha;
er wurde 1909 zum Wali von Basra ernannt, später erhielt er das
Wilajet Bairut, und die türkischen Zeitungen waren seines Lobes
voU wegen der Energie, mit der er dort das Ansehen des Reiches
und des Türkentums wahrte und gegen gefährliche Intriganten
vorging. — Bild von ihm NSM S. 277, ein anderes Büjük S. 185.
Über Fa'ik Aali steht sein älterer und bedeutenderer Bruder
Sulaiman Nazif. Sie leben in treuem Bunde. Den zweiten
Teil seines temätU widmete Fa'ik Aali jenem. Hachtmann er-
wähnt Nazif nur als Hauptstütze der Zeitung Teswiri Efkar [bei
den Umbildungen des Titels nach jedesmahger Suspension wurde
von taswlr über tasflr zu teswir gelangt] in ihrem leidenschaftlichen
Kampfe gegen jede Sprachneuerung. Erbitterter Feind der neuen
Türkei in ihren Bestrebungen nach einer gründlichen Reform der
Verwaltung und der Neuorientierung der türkischen Gesellschaft
^ Gemeint i«t Ustad Ekrem [Nr. 11], gest. 16./29. Januar 1914.
44 Hartmann,
OO©0eOOCXXXXXX»OCXX)0OOOO0OOCXXXXXXXX)0OOO0O<XX>0OO0OO0OOOO0O0OC>OO0OOO0<X)OO<XXX3O0OO0O0
durch Aufnahme der zu ihrer Weiterbildung nötigen Fremdelemete,
nimmt er lebhaft an allem teil, was in seinen Augen einer wirk-
samen Führung dieses Kampfes dient. So ist er auch eine der
Hauptstützen der dem alten Geiste dienenden „Zeitschrift für die
Allgemeine Literatur". Als Mitglied des Fünfmännerausschusses
für die „Bibliothek nützlicher Werke" {äsäri mufide kütübchänesi) war
er hauptsächlich bestimmend für die Auswahl (es ist nicht ver-
ständlich, wie dem Diwan des Scheichülislam Jahja die Ehre des
Abdrucks dort zuteil wurde, während die wichtigsten Werke dieser
„klassischen" Periode nicht zu haben sind, von den älteren Werken
nicht zu sprechen). Nazifs letztes Werkchen, hatarja ile ätes „Ganze
Batterie Feuer!" (Stambul, Reichsdruckerei, 1334 [1916]; auch u. d. T.
„Bibliothek von Originalwerken und Übersetzungen des Ministeriums
für Öffentlichen Unterricht" Nr. 40), gewidmet Dschenab Sche-
hab eddin mit schwungvollen Worten „des sehr kleinen Schülers
an den sehr großen Lehrer" vom 12. 10. 1331 [23. 11. 15], ist eine
Sammlung von Skizzen, die von dem zweiten Stücke den Namen
hat: Geschichte von dem Oberst Junus Bej, der in den Kämpfen
um Plewna (in ihnen fiel auch Dschenabs Vater, der Major
Schehabeddin) eine Schanze kommandiert und, als das Pulver-
magazin in dieser explodiert, mit Kaltblütigkeit den Befehl gibt
„Ganze Batterie Feuer!", erzählt nach Talaat Bejs „Krfegsgeschichte
von Plewna". Von den anderen Stücken nenne ich Nr. 18, zwei
Gedichte von SuUy-Prudhomme (S. 123 — 137), die dessen Be-
kehrung von einem farblosen Internationalismus zum flammenden
Patriotismus schildern, hervorgerufen durch die Ereignisse von
1870 1; der Dichter, dessen Stücke französisch mit gegenüber-
stehender Übersetzung (in Prosa) geg^eben werden, wird hingestellt
als ein Vorbild für die Volksgenossen, die durch die Schläge des
Balkankrieges sich aufrütteln lassen sollen zum Handeln für das
Vaterland. AhnHchen Inhalts ist Nr. 17, ein Brief aus den Ruinen
von Ninive vom 25. Februar 1914, der unter dem Titel „Feind-
schaft? Freundschaft?" mit einer kurzen Einleitung abgedruckt ist
(S. 113 — 121). Es ist ein Denkmal der Wut und des Hasses, wie
man es bei einem Manne von Einsicht nicht für möglich halten
sollte, eines beschränkten religiösen und nationalen Fanatismus.
„Die türkischen Mütter sollen jeder Lebensfrucht, die sie auf den
. 1 Auch durch seine klassiziitische Tendenz mußte Sully-Prudhomme, der Dichter der
vollendeten Form, Nazif sympathisch sein. Nur besaß S. P. daneben eine tiefe Innig-
keit des Gemüti, von der bei den modernen Klassizisten der Türkei nichts zu finden i«t.
I
Dichter der neuen Türkei. 45
weinenden Boden des Osmanenlandes legen werden, die Geschichten
des nationalen Unglücks erzählen, sollen, die Wiege ihrer Kleinen
schaukelnd, ihre Kinderlieder mit den letzten Atemzügen unserer
auf den Bergen des Kaukasus, in den Tälern der Donau, in den
Wüsten von Tripolis und Benghasi, an den Küsten des Adriatischen
Meeres gebliebenen Toten komponieren" (eine Probe des auf die
Dauer unerträglichen Stils). Es läuft also hinaus auf systematische
Pflege des Haßgesanges. Das ist gegen den osmanischen Geist,
der, soweit er nicht durch kirchliche, völkische und wirtschaftliche
Hetzereien in eine fremde Richtung gebracht ist, nichts von
hysterischer Direktionslosigkeit an sich hat. Sulaiman Nazif
hat das offenbar empfunden: in den einleitenden Worten schwächt
er den üblen Eindruck ab, indem er das von ihm geprägte Wort
„Meine Religion ist mein Haß" erklärt als eine „unpersönliche
Äußerung", da der Haß nur gerichtet sei gegen die Feinde der
Nation. Nehmen wir die Entgleisung als Äußerung eines allzu
feurigen Temperaments und als ein Stück der Mentalität der
gewesenen Türkei. Mitten in die schlimmste Zeit des Balkankrieges
führt der nicht datierte Brief an Abdulhakk Hamid S. 89 — 93
(verschieden von dem in New Sali Milli abgedruckten, siehe I
S. 142): für ihn haben wir volles Verständnis, obwohl er die
Erinnerung an die die Franzosen bei der Belagerung und Eroberung
von Paris erschütternden Verse Victor Hugos (S. 91) wachruft; die
Literaten Stambuls hatten sich gegenüber der Bedrohung der
Hauptstadt schweigend verhalten, und Nazif ruft nun den gefeierten
Dichter, Meister Hamid auf, noch einmal die Stimme zu erheben:
„Sagen Sie jedem Irrenden," ruft er aus, „daß die Gefahr, die die
gegenwärtigen nationalen Unruhen mit sich bringen, sehr groß ist";
nach S. 89, Anm. erwiderte der angerufene Dichter in einem
Anhang zu seinem „wälidem". Versöhnend wirkt „Stambul amüsiert
sich!", datiert 2. August 1913 (S. 95 — 99). Hier weist der Dichter
auf schwere innere Schäden hin und zugleich auf den Punkt, von
dem aus diese Schäden geheilt werden können. Der Ausgangs-
punkt ist eine Entrüstung, die auf einem Mißverständnis beruht:
der Verfasser erregt sich nämlich darüber, daß in dem bekannten
Garten Peras, Tepebaschy (Petits Champs), „eine italienische Musik-
bande von etwa fünfzig Personen" (in Wirklichkeit waren es Le-
vantiner und osmanische Staatsangehörige, die dabei ein kärgliches
Brot fanden) allabendlich auftrete, und er findet darin die Anzeichen
einer Verdorbenheit, die ihm die Worte Jaur^s' ins Gedächtnis
46 Harimann,
f)OOOOOOOOCXXXXX)GC)OOOOOOOOOOOCXX)OOOOOOOOOOOOCIOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXX)OOOOOCOOCXXXX3^^
rufen, als die Dreifuß-Affäre Frankreichs sozialen Schmutz offen-
gelegt hatte: ,,Si cette societS est ä ce point co7Tompue, aes cUbris im-
mondes ne pourront meine pas servir de fondement ä une sodkS 7wuvdU^\
Er fleht: „Lieber Gott! schenk uns vor dem Untergang doch ein
wenig Gefühl, ein wenig Scham!" Er schließt die Augen und
sieht im Geiste den Zustand Anatoliens mit all seinem Elend, ent-
blößt von Männern, das Land bald verdurstend, bald von Wasser-
fluten überschwemmt, ohne Wege — und der Musikgarten da
zieht aus diesem elenden Lande den letzten Groschen! Aber die
Stunde kommt: „Das auch in seinen fruchtbaren Gebieten Hunger,
Elend, Verzweiflung weinende Anatolien wird nicht länger schwei-
gen; Gottvertrauen und Geduld haben eine Grenze; Anatolien
erwacht: wenn es lernen wird, daß es noch etwas anderes ist als
ein Mittel, die Lüste Stambuls zu bezahlen, dann wird ihm eine
neue und widerstandsfähige Kraft kommen ... es wird sich mit
der heiligen Waffe des' Rechtes rüsten, wird sich vor der über-
mütigen und verdorbenen Hauptstadt aufrichten und Abrechnung
von ihr verlangen und erhalten," Aber nicht Anatolien, sondern
der Übermut und die Verblendung der Feinde, die sich zerfleischten,
retteten Stambul. Der gesunkene Mut belebte sich durch die
Wiedereinnahme Adrianopels. Der Weltkrieg brachte der Türkei
eine moralische Stärkung von unermeßlicher Bedeutung". Es fanden
sich eine Anzahl ungewöhnlich fähiger und energischer Männer
für die Einzelzweige der Verwaltung, und, nicht zuletzt, Anatolien
zeigte sich als ein erwachendes Land, das mit klarem Bewußtsein
die Hand ergriff, die ihm von der Zentralregierung entgegen-
gestreckt wurde, und mit Begeisterung den Winken folgte, die
ihm gegeben wurden zur Ertüchtigung der heranwachsenden
Bevölkerung, zur Neuorientierung des Wirtschaftslebens und zur
Hebung des kulturellen Standes, Mag Nazif und die Gruppe, der
er angehört, das zugeben oder nicht, Tatsache ist, daß eine
Wandlung auf allen Gebieten stattfindet. Auf dem der Literatur,
von dem hier ausgegangen^ wurde, ist die Tradition von den vier
großen Meistern im Erlöschen: diese Tradition hat der anonyme
Biograph Dschenabs festgelegt: „D sehen ab wird zu den vier,
fünf großen Meistern unserer modernen Literatur gezählt" (S. 136),
und Abdulhakk Hamid bestätigte mir das persönlich und zählte
sie so auf: Dschenab Schehabeddin, Sulaiman Nazif, Riza
Tewfik, Fa'ik Aali (oben S. 23), nur hätte er an Stelle des
unbedeutenden Fa'ik Aali „Abdulhakk Hamid" sagen sollen:
Abdullah Dschewdet
Dichter der neuen Türkei. 47
OO<>»0OCiC<XXXXX3OO0OCXXXXXXXXXX)CXXXXXXXXXXX>CXXXXXXXXX)0O0OOCXXX5000OO0O0OO0O0OOOO<X0OC^^
denn gilt die Formel auch heute nicht mehr, so war doch zur
Zeit ihrer Gemeingültigkeit (vor etwa 20 Jahren) Hamid unzweifel-_
haft allen überlegen durch freien Geist und Beherrschung der
Form, während Riza Tewfik alle überragt durch ein ausgebreitetes
Wissen und ein tiefes Verständnis für geistige und seelische Vor-
gänge. Innerhalb des engen Kreises, auf den Nazif nach seinem Ver-
stehen und Können beschränkt ist, hat er eine Meisterschaft erworben,
und auch die Gegner erkennen ihm eine gründliche Kenntnis der
„Klassiker" zu. Nur bedarf die „Neue Türkei" anderer Tätigkeiten
als des Wühlens in den Nichtigkeiten der „klassischen" Diwane.
8. Abdullah Dschewdet ['abdulläh 'gewdet],
„geboren g. September 1869I; erhielt den ersten Unterricht in der
Militärmittelschule von Ma'müret ül'aziz; nach deren Absolvierung
kam er nach Stambul und trat in das Kuleli-Gymnasium ein; später
wurde er in die Militärmedizinschule aufgenommen, die er mit dem
Diplom als Arzt-Hauptmann verließ. Der Doktor erglühte für eine
revolutionäre Literatur. Damals strengten sich Leute wie Ali Farah
und Abdulhalim Memduh heftig an, im Stile Kemals zu schreiben.
Abdullah Dschewdet kannte Abdulhalim aus der Nähe und hat
anerkannt, daß er ihm reichlich Dank schulde. In den Versen
Abdullah Dschewdets lebt das Feuer jener Zeit, zumal in den
qahrijät „Gewaltliedern", die er in Europa drucken ließ, und in
denen er die Tyrannei in kühner Sprache geißelte. Die literarische
Betätigung auf solchem Gebiete führte ihn zu politischen, sozio-
logischen und philosophischen Studien; er las Büchner, Karl Vogt,
Häckel und auch ein wenig Spencer und machte sich mit ihren
Gedanken vertraut. Die glühende Liebe zur Wahrheit brachte
ihn in Konflikt mit den Herrschenden, und sein Los warf ihn von
Gefängnis in Gefängnis, von Verbannung in Verbannung; aus dem
letzten Exil (Tripolis in Afrika) entfloh er nach Europa und gründete
in Genf die Druckerei Igtihäd, mit der er dann nach Kairo über-
siedelte; er druckte eifrig Bücher und freiheitliche Arbeiten; er
stand mit allen revolutionären Bewegungen in Beziehung und war
auch einer der ersten Gründer der Gesellschaft für Einheit und
Fortschritt. Bald nach der Revolution kehrte Abdullah Dschewdet
nach Stambul zurück und setzte hier die Herausgabe seines Igtihäd
1 Leider ist über Ort der Geburt und Blutbeziehungen nichts gesagt; es dürfte sich au*
der Herkunft manches in dem Wesen des Mannes erklären.
48 Hartmann,
OO0OOGO0OOO0OO0<XXX)000O0O00OO(X)0O0O0OO0<XX>XXXXXX)0O00OOO0O0000O00OOO0O00O00OOO000000O0OO(X^^
fort; er widmete sein Leben der Idee, in der Türkei eine reforma-
^torische Gedankenbewegung zu wecken. Man muß anerkennen,
daß Abdullah Dschewdet in der letzten Literaturperiode eine an-
gesehene Persönlichkeit darstellt. Auch französisch gab er lyrische
Gedichtsammlungen heraus; auch persische Verse machte er. Seine
Tätigkeit war und ist eine außerordentlich vielseitige. Der ver-
storbene Gibb schätzte ihn als Dichter und hat z.B. sein Gedicht
auf Shakespeare in englische Verse gebracht; diese Übersetzung
ist in meinen Händen; die beiden Männer kannten sich persönlich;
Briefe Gibbs an Abdullah Dschewdet habe ich gesehen. Ich selbst
habe ihm in dem von mir besorgten Band 6 zu Gibbs Geschichte
der osmanischen Poesie eine eingehende Würdigung gewidmet
[Bd. 6 wurde ßelegband; für den von Riza Tewfik zu bearbeitenden
Ergänzungsband {7) war bis 12. 12. 1908 [Datum des Vorworts
zu 6] nur das Kapitel über Kemal in Brownes Hand]. (Auszug
aus der Vita von Riza Tewfik NSM S. ggf.) — NSM S. 98 das
Bild Abdullah Dschewdets, S. 101 — 103 Probe von ihm: „Wollen
wir der Einheit zugehen?", ein den Wert der Einigkeit an dem
Beispiele der Schweiz beleuchtender glühender Aufruf, der in nicht
glücklicher, etwas phantastischer Weise auch den Islam hereinzieht
und nicht immer ganz klar ist. — Biljük S. 188 hat sein Büd
(dasselbe wie NSM) und eine Probe „Mein zehnter Juli" [Revolutions-
tag], eine phantastische Verherrlichung der künftigen Einheit mit
Zitierung eines Verses seiner qahnjät (in mügtett). — Aus der persön-
lichen Berührung mit Abdullah Dschewdet füge ich folgendes hinzu:
er war der erste, der Schillers Teil ins Türkische übersetzte (durch
Vermittlung des Französischen); als er, aus Tripolis entflohen, nach
Wien gekommen war, suchte Abdulhamid ihn kaltzustellen, indem
er ihn zum Arzt der dortigen Botschaft machte; er quittierte, in-
dem er den Botschafter ohrfeigte. Ich machte seine Bekanntschaft
bei meinem ersten Aufenthalte in Paris 1899, und er sandte mir
dann mehrfach Arbeiten: qahnjät „Gewaltgedichte" (eine kleine
Gedichtsammlung), [Genf] 1315 [1899]; istibdüd — V. Alfierinin della
Tirannia, Genf 1317 [1901]; La Lyre Turque, Wien und Paris 1902;
viele Jahre gab Abdullah Dschewdet die Zeitschrift igtihäd, halb
türkisch, halb französisch heraus, zuerst in Genf, dann in Kairo, dann
in Stambul. Seine neueste Arbeit ist rubä%jäti chaijäm we türkgeje
tergemeleri „die Vierzeiler Chaijams und ihre türkische Übersetzung",
Stambul 1914, 286 S. [Bd. 36 der „Bibliothek des Idschtihad"];
siehe mein Referat darüber in Welt des Islams IV, Heft I.
,i
Schehabeddin Sulaiman
Dichter der neuen Türkei. 49
I)0C)OO<X)OO0OOOO(X>000OO0O<>XXXXXXXXXXXXXXXX<XXX)0O0O0(X)OOOOO00OO0OO0O<XX50OC<X>^^
9. Schehabeddin Sulaiman [sehäbeddin sulaimän],
„geboren 1301 [1885] in Stambul, ist aber nicht Stambuler, denn
sein Vater gehörte der Adelsfamilie Tschawdarli Ali Agha an, die
sich 1130 H [beg. 5. 12. 1717] in Balikesr festgesetzt hatte; er
war eine Zeitlang in Stambul unter dem Namen Scherifpaschazade
Sulaiman Schewket Bej bekannt; in dem ihm zur zweiten Heimat
gewordenen Smyrna sowie in seinem Herkunftsorte trug er immer
den Namen Tschawdarlizade Schihabuddin. Sulaiman brachte seine
Kindheit in Smyrna zu, wo sein Vater Direktor des Defteri Chakani
(Grundbuchamtes) war; während der Gymnasialzeit in Smyrna
schrieb er bereits in den Tages- und Wochenblättern zahlreiche
Artikel, die Aufsehen erregten; 1319 [1903] ging er nach Abschluß
des Gymnasiums nach Stambul und wurde in die Milkije auf-
genommen, was damals für Gymnasialabiturienten nicht leicht war;
als er diese absolviert hatte (es war das Jahr der Revolution),
wurde er ein bescheidener Lehrer des Französischen am Wefa-
Gymnasium; da starb sein Vater, und er hatte schwer zu kämpfen,
aber seit der Smyrnaer Gymnasialzeit besaß er eine gewisse Be-
rühmtheit, die ihm nützlich wurde und seinen dunkeln Weg er-
leuchtete; die letzten fünf Jahre waren für ihn außerordentlich be-
wegt durch Leitung der verschiedensten Zeitungen und durch
politische und Hterarische Kämpfe; das erste selbständige Werk,
das er herausbrachte, das Drama cyqmaz soqaq „die Sackgasse",
erregte noch vor der Aufführung und vor der Publikation heftigen
Streit; von den jungen Autoren und Dichtern, die ein wenig auch
infolge dieses Streites in zwei Gruppen mit verschiedenen Kultur-
zielen gespalten waren, gründete ein wichtiger Teil — zwar zer-
streut, aber doch eine Macht — den literarischen Verein fegri ätl^
und setzte über seine Tür als Devise „Die Kunst ist persönüch
und ehrwürdig" 2; Schihabuddin Sulaiman gehörte mit zu den
1 NSM S. 329, 3 f., in der Vita des Hemedanizade Ali Nadschi wird gesprochen von einem
„Federstreite zwischen Schehabeddin Sulaiman und einer ,gegenwärtig' unter dem Namen
näßler arbeitenden Gruppe über die Vereinigung fegri äff".
2 Diese Formulierung enthält die schärfste Verdammung der Schönredner, die „Poesie''
verübten, um ihre Fertigkeit in dem Gebrauche der Ziersprache zu zeigen, und jeden
selbständigen Geist, der aus der Schablone herauszutreten wagte, unbarmherzig ver-
folgten; Schehabeddin Sulaimans anderer Spruch: „Die Kunst hat nicht Erziehungs-
und Moralziele" (hier S. 23) ist nur ein anderer Ausdruck des Gedankens. Es
ist der romantische Gedanke, der sich hier gegen den klassizistisch-rationalistischen
aufbäumt. Aber es langte nicht: dem neuen Geiste, den er predigte, fand Schehabeddin
Sulaiman' nicht die neue Form, die ihm adäquat war, und so muß er den Vorwurf
Urkunden und Untersuchungen. 3. 4
50 Hartmann,
OOQOeOOOOOO<XX30000000(X)0(XOOOOOOOOOO(XXXXOOOOOOO(XX)00000<XXXXXXXXXXXXX>000000000000^^
Gründern, und sein zweites Werk fyrtuna „Der Sturm", bildet einen
wichtigen Band der Bibliothek dieses Vereins; dieses Drama, welches
gewisse Schäden des Pariser Lebens zeigt, erregte sofort eine
heftige Kontroverse; man behauptete, der Autor habe hier mit
einem Kruge Wasser das Getöse eines Meeres hervorbringen
wollen; man könnte aber vielmehr sagen: Schehabeddin Sulaiman
besitzt eine so satanische Kraft, daß er dem Menschen einen
Tropfen Wasser als ein großes Meer erscheinen läßt; manche haben
seine ersten Werke unmoralisch genannt, ich finde vielmehr, daß
er zu den wenigen von unseren Schriftstellern gehört, die in dem
behandelten Gegenstande immer einen moralischen Zweck sehen;
die Erklärung solcher Verleumdung ist, daß er mit lauter Stimme
Dinge rief, die vor solchen Leuten nur mit Vorsicht oder mit etwas
Heuchelei gesagt werden dürfen; diese Leute brachten es fertig,
ihn um das von ihm mit vieler Liebe geübte Lehramt am Wefa-
Gymnasium zu bringen, weil er den Schülern gesagt hatte: „Die
Kunst ist nicht Verfolgung eines erziehlichen und moralischen
Zieles, sie ist an sich moralisch"; er blieb aber seinem Programm
treu; das nationale Schrifttum bereicherte er durch eine „Geschichte
der osmanischen Literatur"; das war ein erster Versuch in dieser
Richtung; zur Belohnung erhielt er sein altes Amt wieder, und er
setzte die Lehrtätigkeit nach der von ihm als richtig erkannten
Methode fort und gewann schließlich recht; er wurde dann zum
Gehüfen des Direktors des Lehrerseminars ernannt; er dankte aber
ab, um zu der geliebten Lehrtätigkeit zurückzukehren, und auch
jetzt ist er Lehrer. Außer den schon genannten Werken sind noch
zu nennen: qyryq muhäfaza „Der gebrochene Schutz", nationaler
Einakter; ben-basqa „Ich und der Andere", Einakter zusammen mit
Tahsin Nahid [tahsm nähld]; san*ati tahrlr „Die Kunst des Schrift-
stellerns"; maHümäti edebtje „Literarische Kenntnisse", zusammen mit
Mehmed Fuad, zwei Bände; osmanlylyqda wähimeH mes'ültjet „Die Vor-
stellung der Verantwortung im Osmanentum", außerdem kleine
ertragen, dafi er selbst den alten Geist fördern half — durch seine Schriften; wenn
er in seiner Lehrtätigkeit für den Persönlichkeitsgedanken wirken konnte, so hat er zu
der Entwicklung beigetragen. Sein tärichi edchyäti ^otmänye ,, Geschichte der
Osmanischen Literatur" zeigt schon im Titel die Schwerfälligkeit und Gebundenheit
dieses nach Freiheit Strebenden. Der Stil dieses Buches, das nach dem Titel der von
„J. A. L." veranstalteten Ausgabe Stambul, Druckerei Sandschakdschian 1328 [1912]
(384 Seiten) „nach dem letzten von dem Unterrichtsministerium angenommenen Programm
für den Unterricht in dem sechsten und siebenten Jahre der Gymnasien bestimmt ist",
ist unerträglich: es ist der Stil der Leute, die die Intellektuellen von heute bekämpfen.
^
Dichter der neuen Türkei. ei
0000CO0CXXXXXXXXXXX»0<XXXXXXXX)00<XX>XXX5C»00(XXXXXX)0<»0000CK^^
Geschichten und kritische Artikel in den Zeitungen" (nach der
Vita von Ja'kub Kadri NSM S. 149 f.) — Bild S. 148. — StUprobe
mükäfät „Lohn" S. 151 f.: ein seltsames Prosastück in gespreizter
Manier; es werden Qualen beschrieben; zum Schluß aber hilft der
Schreiber einem unruhig schlafenden Kinde, und als das Kind in
verschlafenem Tone sagt: „Ich danke, Herr Lehrer", da ist alles
gut, es wird Licht und „das ist die ewige und einzige Belohnung
dieses Landes für mich". — Büjük S. 2 1 2 Bild (anderes als in NSM).
— S. 212 — 217 Probe: „Seelische Augenblicke" (psychologische Mo-
mente), zwei Dialogskizzen, „Liebe" und „Eifersucht"; psychologisch
möglich, aber so banal und unerfreulich, daß sie kaum Interesse wecken
(aus dem Französichen?, jedenfalls nicht aus echt türkischer Umwelt
heraus); die sprachliche Behandlung ist ganz altmodisch; die Leute
sprechen auch im höchsten. Affekt die Effendi-Sprache.
10. Nigar Hanum [nigar chmurri].
„In der Kunst und im Leben stellt Nigar Hanum den Türkischen
Orient besser als aUe Zeitgenossen dar; sie ist unsere einzige
Dichterin, die mit einem weiblichen Genius begabt ist; niemand
konnte mit solcher Herzlichkeit wie sie die Köstlichkeit ihres
Geschlechtes schildern. Sulaiman Nazif nannte sie den „Abdulhakk
Hamid der Frauen". In Metrum, Reim, Sprache schwach, erinnern
die Verse dieser Dichterin an eine in einem verlassenen Zimmer,
mit der heißesten Glut des Herzens gespielte Musik. Nigar Hanum
ist der Ehe eines edlen und stattlichen Vaters mit einer vornehmen
Stambulerin entsprossen; ihr Vater ist der Ungar [ungarische
Konvertit] Osman Pascha, der sein neues Vaterland von ganzem
Herzen liebte. Die Feinheit der Sinne ist ein Erbteil ihrer Mutter;
sie erhielt eine außerordentliche Erziehung; sieben Jahre alt, be-
suchte sie die Mädchenabendschule in Kadiköj; mit 14 Jahren er-
wachte ihr Dichtertalent; mit 18 Jahren gab sie die Gedichtsammlung
efsüs „Weh!" heraus; dann kamen: ynrän, ^aksi sedä, safahäti qalh;
dabei war sie eine aufmerksame Mutter für ihre Kinder. Außer
P'ranzösisch und Deutsch spricht sie das Stambul-Griechisch (nach der
Vita desjahja Kemal NSM S. 4). — Bild NSM S. 3 mit Versen
{viüzäri^). Probe „Der Fes meines Bruders" (mügtett) NSMS. 5 f.: eine
Klage um den Verlust des Teuersten in etwas altmodischer Sprache,
aber stimmungsvoll. — Nigar Hanum starb 31, März 1918, siehe
[Hartmann in] Neuer Orient lU. S. 85 und Frank ebenda S. 168.
4*
5 2 Ilartmann,
O000e0000CO00000000000(XXXD0000000000(X)0000000000000(XX)0CXX)CXXXX)00(XXX30000CX)^^
11. RedSCha'izade Ekrem [reffä'lzade ekrem],
„genannt Ustad Ekrem [ustäd ekrem, daneben iisiädi ch-em], geboren
in Stambul 1263 [1847], [gestorben 16./29. Januar 1914]; sein
Vater, Redscha'i Effendi, war Direktor des Kaiserlichen Takwim-
chane und bemühte sich um den Druck zahlreicher köstlicher alter
Werke, darunter Übersetzung der saqäHq 1 und Anhang dazu.
Sechzehn Jahre alt, schrieb Ekrem einen Teil der später gedruckten
Sammlung naghnie'i selber „Morgenmelodien"; der Mode nach ver-
tiefte er sich in die französische Literatur und gab ausgewählte
Stücke der Klassiker in dem Bändchen näclz „Nichts" heraus,
ferner Übersetzung von „Mes prisons" und „Atala" (Chateaubriand;
damals hatten Schinasi und Namyk Kemal den Kunstform.en und
dem Denken neue Formen gegeben und damit in der Literatur
eine neue Strömung geschaffen; Ekrem schloß sich ihr an; in
zemzeme „Gemurmel" (3 Bde.) schuf er ein Werk, das neben seiner
Tätigkeit als Lehrer an der Mükije-Schule ein Lehrmeister der
Jugend für die Theorien der neuen Schule wurde; die kleinere
Arbeit tefekkür „Denken" enthält Erinnerungen an die Vergangenheit;
in taqdlri elhän „Bestimmung der Melodien" gab er Betrachtungen
über die wirkliche Literatur; als Mu'aUim Nadschi mit seinen An-
hängern eine literarische Reaktion herbeiführen wollte, scheiterten
sie durch dieses Werk; danach kamen kleinere vSachen: schemsa,
miihsin hey, pejmürde „Verwelkt" und taqnzät „Lobreden"; als Ver-
fasser dieser Arbeiten kann Ekrem Bej als einer der Hauptfaktoren
der literarischen Bewegung Tewfik Fikret — Chalid Zija betrachtet
werden; Ekrem Bey leistete der Literatur einen großen Dienst,
indem er die literarische Redaktion an Serweti Fünun seinem alten
Schüler Tewfik Fikret überließ; ferner: araha seivdasy „DieWagen-
liebe"2 und ni]äd ekrem „Trauergedichte auf seinen in der Jugend-
blüte gestorbenen Sohn"; außerdem viele ungedruckte Werke;
nach der Umwälzung war er eine Zeitlang- Minister des öffentlichen
Unterrichts, heute ist er Mitglied des Senats; seine Anerkennung
ist in der gelehrten und denkenden Welt des Landes allgemein"
(nach der Vita NSM S. 8 f.). — Der Nachruf seines Sohnes
Erdschümend „Über mein Väterchen" NSM S. 458 f. enthält
nichts Erhebliches: „Anfang 1324 [beg. 14. März 1908] litt er
1 d. h. aSMqäHq annu^mämja des Taschköprüzade, siehe Brockelmann B. 2, 425.
' Übersetzung zweifelhaft; nach Schehabeddin Sulaiman S. 346 ist dieser Roman eine
Satire auf die Nachäffer Europas unter den Bejs.
"5
Redscha'izade Ekrem
Dichter der neuen Tnrhei. 53
unter seelischen Erregungen; seit ein, zwei Jahren nahm er nicht
mehr an den Sitzungen des Staatsrates teil; es war ein nichts-
würdiger, allgemein als Jnrna/gl „Angeber" bekannter Bursche dazu
ernannt worden; er lebte nur noch dem Gedenken seines früh
verstorbenen Sohnes Nijad, dessen Grab in Kandüli er von der
hochgelegenen Vüla in Büjükdere aus beständig vor Augen hatte;
er wollte nur noch der Literatur, vor allem Neuherausgäbe seines
ta'timi edebijät und der Anregung begabter Studenten leben; ein
Gesuch um Pensionierung wurde von Abdulhamid persönlich ab-
schlägig beschieden; nach der Revolution wurde er zum Ewkaf-
Minister ernannt; um nicht als solcher jeden Freitag Abdulhamid,
der ihn wiederholt schwer beleidigt hatte, sehen zu müssen, bat
er um das Unterrichtsministerium; er erhielt die Ernennung zum
Senatsmitglied; bis zum letzten Augenblicke nahm sein reger Geist
an allen Vorgängen teil". — Das Bändchen „Ekrem Bej" von
Isma'il Hakki, Stambul 1308 [1892], 88 S. 12« (in der Sammlung:
on dördüngi asryn tärk müharrirleri „Die Türkischen Schriftsteller des
vierzehnten Jahrhunderts" bietet zur Vita des Dichters nichts.
Hörn (S. 3 7 f.) hat als den Namen des Dichters „Machmud Ekrem" i;
er nennt als Werke neghme'i seher, zemzeme, genglik, Atala und die
Dramen „Die keusche Ang^lique" und tollet; das ta'llmi edebijät
durfte nicht fehlen: gerade dadurch übt er noch jetzt Einfluß auf
das literarische Schaffen. Daß Ekrem „aus dem Westen die Kunst-
formen der Ballade und Romanze eingeführt" (Hörn S. 37), wird
man kaum sagen können (die Türken haben ja die verwandte Art
des desiän)] unrichtig ist, daß er „das einheimische Volkslied veredelt
und damit vöUig Hteraturfähig gemacht" habe (Hörn ebda). —
Nach mündlicher Tradition berichte ich, daß Ekrem ein historisches
Gedicht u. d. T. tänch „Geschichte" unter Abdulhamid abzufassen
begann und es erst nach der Revolution zu Ende führte. Es ist
ungedruckt und scheint nur bei den literarischen Feinschmeckern
umzugehen. — Abdulhakk Hamid bezeichnete selbst sich mir
als Schüler des Ustad Ekrem; er ist voU von Erinnerungen an
den Meister, dessen Verdienste er nicht hoch genug einschätzen
kann; „es war ein merkwürdiger Zufall, daß ich mein erstes Werk
mägeräji ^asq in derselben Druckerei zur selben Zeit druckte wie
Ustad Ekrem seine Übersetzung von Atala; er war damals 25,
ich 19 Jahre alt". Eine HebevoUe Charakteristik des Meisters gibt
1 Der Name „Machmud", der seltsamerweise in der Vita NSM nicht erwähnt ist (er
findet sich auf dem Titel der älteren Werke), trat hinter dem machlas völlig zurück.
5 4 Hurtmann,
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Schehabeddin Sulaiman in seiner Literaturgeschichte (siehe S. 3)
S. 341 — 346; in feiner Weise wird neben allem Respekt für die
hohen QuaHtäten Ekrems als Dichter hingewiesen auf das Schul-
meisterliche, das vielen seiner Sachen anklebt (S. 345, S. 19 f.), im
Gegensatze zu Hamid: Hamid packt den Leser sofort und reißt
ihn mit sich, Ekrem muß studiert, langsam genossen werden; die
gute Seite dieser Eigenschaft ist, daß er ein echter Kritiker war,
der erste Kritiker, den die Türken besitzen; was vor ihm sich
„Kritik" nannte, war nichts als der Tummelplatz persönlicher
Interessen mit Verwünschungen und Insulten (S. 346, 8 ff.). Seine
kritische Ader ließ ihn auch als erster die Normen des literarischen
Schaffens festlegen (in dem taHlmi edebljät); in diesem Sinne darf
man wohl mit Abdulhalim-Fazy (Anthologie S. 187, auch wieder-
gegeben von Sulaiman Schehabeddin Geschichte S. 341, S. 14 f.)
sagen: „Das Meisterwerk Ekrem Bejs ist die türkische literarische
Jugend selbst." — Bild NSM S. 7 mit Unterschrift in Prosa; drei
Bilder von ihm (zwölfjährig, als Oberleutnant und 42jährig) S. 463,
FamiHenbild (mit Nijad und Erdschümend von 1308 [1892]) S. 462.
12. HÜSein Su'ad [husain su'äd],
„geboren März 1284 [beg. 14. 3. 1868] in Stambul; sein Vater Ali
war Beamter im Finanzministerium; Hüsein Dschahid ist sein
jüngerer Bruder; in der Medizinschule erwarb er das Arztdiplom
1304 [1888]: in der Bibliothek seines Vaters befanden sich viele
alte Diwane, die er von früh an studierte; er gewann dadurch
Geschmack an Literatur und Poesie; gleichzeitig mit ihm begann
literarische Betätigung Dschenab Schehabeddin, sein Schulgenosse
und Nachbar; der Unterschied zwischen beiden ist, daß dieses
Phantasie in unbegrenzte Weiten schweift, während Su'ad zur
feinen Gefühlsschilderung, zur Feinheit des Empfindungslebens
neigt. Su'ad brachte einen Teil seiner Jugend in Europa zu; eine
Reihe von Gedichten, nedtri nieläl, die sich auf den Verlust der
ersten Gattin beziehen, zeigen eine feine dichterische Empfindung;
auch sein literarisches Talent wurde erst durch die Revolution
geweckt; berühmt sind seine Pseudonymen Artikel in der Zeitschrift
qalem; die Theaterstücke „kirli camasirler" und „derse dewäm eHelim"
sind die glänzendsten Vertreter der Komödie bei uns; eine Gedicht-
sammlung von ihm ist unter dem Namen /än«'^ meläl „Das Nest
der Langeweile" gedruckt (nach der Vita von Dschelal Sahir NSM
■^
Kazim Nami
n
Dichter der neuen Türkei. 55
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S. 61). Sein Büd NSM S. 60. — Probe von ihm NSM S. 62 ein
Stück aus seinem Drama maHüm — meghül „Bekannt — Unbekannt".
Sein neuestes Opus scheint zu sein ^ürük tetnel „Die morsche Grund-
lage", das im Ramazan 1334 (Juli 1916) von der Truppe des Kon-
servatoriums im Wintertheater (Pera) aufgeführt wurdet.
13. Kazim Nami [kazim nami],
„geboren 1293 [beg. 14. 3. 1877] in Skutari (Albanien), erhielt
seine Ausbildung in den Militär-Rüschdijes von Skutari, Adrian opel
und Salonik und im Militärgymnasium von Monastir; 1311 [1895]
trat er zum Kriegsdienst über; Ende 1313 [1897] wurde er Unter-
leutnant der Infanterie und dem Redif-Bataillon von Tiran in
Albanien zugeteilt: 1319 [1903] wurde er zum Privatsekretär und
Adjutanten bei dem Generalkommando des 3. Korps ernannt;
im Juli 1326 [1910] nahm er seinen Abschied und wurde Unter-
richtsinspektor im Wilajet .Salonik; seit 1913 ist er Unterrichts-
inspektor für die Wüajets Stambul und Adrianopel und das
Sandschak Tschataldscha; in Salonik war er an zahlreichen An-
stalten jahrelang als Lehrer tätig, auch an dem von der Mission
Laique Fran9aise errichteten Gymnasium (für Türkisch); schon in
der Militärschule schrieb er Gedichte und Artikel für Zeitschriften;
sogleich nach der Erklärung der Konstitution brachte er das
Drama nasyl oldu „Wie kam's?" und „Der erste Schritt in der
nationalen Erziehung" heraus; ferner übersetzte er „Leben einer
Frau der russischen RevolutionsgeseUschaft"; seine erste Arbeit
war die teilweise Übersetzung von Jules Pavot, La morale ä Vicole;
1 Friedrich Schrader sagt darüber im Osmanischen Lloyd 10. 7. 16 (Feuilleton):
„Tschürtik Temel ist von Hussein Suad Bej nach einem französischen Vorbilde mit
großem Geschick, wie es von dem bekannten Theaterdichter nicht anders zu ervirarten
steht, ,, adaptiert" worden. Es ist zwar dem Umdichter nicht ganz gelungen, eine in
französischer Umgebung spielende Komödie auf türkische Zustände zu übertragen.
Einzelne Stellen lassen uns zu deutlich erkennen, wohin diese Bejs und Hanumi
eigentlich hingehören. Trotzdem bleibt die äußerst ansprechende Form und schlichte
klare Sprache anzuerkennen, in der die türkische Nachbildung geschrieben ist." Daß
die in S. 62 der Probe NSM zu lesende Sprache (es handelt sich um die Einführung
ins Leben einer Neunzehnjährigen durch Onkel und Tante) „schlicht" sei, kann man
nicht sagen: auch hier noch die persischen Genitive, die doch nur in den gezierten
Kreisen der Gesellschaft noch üblich sind. Selbst ein Hüsein Su'ad kann sich nicht
entschließen, seine Personen reden zu lassen, wie sie wirklich reden würden, wenn sie
nicht gänzlich verdorben sind.
56 Hartmanrij
coeoeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeoooao
er ist officier de facadSmie und hat die Palmen (nach der Vita
NSM S. 72). — Sein Bild NSM S. 71. — Probe von ihm NSM
S. 73 — 78: „Die Klage Nebiles", eine in ziemlich reinem Türkisch
geschriebene Sittenschilderung: eine Türkin der Mittelklasse klagt
der Freundin ihren Kummer über einen ungeratenen Sohn; der
war nämlich mit seiner Nationalität und seiner Religion zerfallen
und „Frankennachahmer" geworden; am Schluß wird die Mutter
als ein fanatisches Weib dargestellt (man erwartete eher ver-
ständnisvolle Teilnahme für die unter den schroffen Übergängen
leidenden Mütter). — Über meine Begegnung mit ihm in Salonik,
an die ich die angenehmste Erinnerung habe, siehe Unpolitische
Briefe S. 97 und iSgff, (Inhalt seines Dramas nasyl oldu). Nermi
schätzt ihn. Kazim Nami gehörte jenem Kulturkomitee an, das
bald nach der Revolution gegründet wurde, das namentlich durch
Übersetzungen, auch aus dem Deutschen, wirken sollte, und das
vom Komitee Mittel erhielt; es scheint bisher eine erhebliche
Tätigkeit nicht geübt zu haben.
14. Ja'kub Kadri [ja'qüb qadn],
„geboren 1305 [beg. 14. 3. 1889] in Kairo als Sohn des Abdulkadir
Bej aus der Famiüe Kara Osman vom Adel von Magnisa [maghnlsä] i;
sieben Jahre alt, kehrte er nach Magnisa zurück; als er vierzehn
Jahre alt war, zog sein Vater nach Smyrna; dort war er drei
Jahre im Wilajet-Gymnasium; als sein Vater nach Kairo zurück-
kehrte, besuchte er dort die Schule der Freres; in keiner Schule
erhielt er das Abgangszeugnis; in der Schule von Magnisa hatte
er die übelsten Eindrücke; er fand seinen Trost in den Büchern,
die ihm in die Hände fielen; auch hatte sein Vater eine gute
Bibliothek, wo der Knabe die glücklichsten Stunden zubrachte;
nach dem Abendessen wird im großen Salon ihm und seinem
Bruder von der jungen Mutter aus einem Geschichtenbuche vor-
gelesen; diese Eindrücke der Kindheit wurden wichtig für seine
künstlerische Ausbildung, und die Erinnerung daran hat ihn nie
verlassen; allerdings waren die die junge Phantasie erregenden
Erzählungen zum größeren Teil Übersetzungen von Kriminalromanen ;
1 maghnisä: da« alte Magnesia ad Sipylum, 33 km NO Smyrna; heute Hauptstadt de»
Liwa Saruchan. Über das Geschlecht der Kara Osman, Derebejs in Aidin, Magnisa und
Bergama im 1 8. Jahrhundert, siehe Mordtmann in Altertümer von Pergamon Bd. I
(zu der Sippenerinnerung siehe S. 92 bei Köprülüzade Mehmed Fuad).
^
Ja'kub Kadri
Dichter der neuen Türkei. 57
ooeoeoooooooooooooooocxx)C)oooooooooooooooooooooooc)ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeoooe^
außerdem aber las er Nadschi, Ekrem, Abdulhakk Hamid; g-roßen
Geschmack fand er an den Dichtungen Mehmed Dschelals; in dem
Smyrna-Gymnasium war er zwar ein schlechter Schüler, spielte
aber durch seine hterarischen Talente unter den Kameraden eine
Rolle; in derselben Schule war damals auch Schehabeddin Sulaiman;
er las damals von den Franzosen Bourget, Maupassant und Daudet;
die eigentliche Tätigkeit begann aber in Egypten, wo er sich auch
der Soziologie widmete und Gustave Le Bon und Max Nordau las;
nach der Revolution kam Kadri nach Stambul, das ihm bisher
fremd geblieben war; alsbald führte ihn Schehabeddin Sulaiman
in die von ihm mitbegründete literarische Gesellschaft fegri ätl ein;
er machte Aufsehen; seine Werke zeigten eine feine Darstellungs-
kunst und Zartheit der Empfindung; seine ersten Geschichten
schilderten die Nachtseiten des Lebens; besonders bemerkenswert
war, daß sich nicht der geringste Einfluß irgend eines der osma-
nischen Literaten bei ihm zeigte, weder Chalid Zijas noch Dschahids
noch Re'ufs; auch Maupassant und Daudet hielten ihn nicht unter
dem Bann; dagegen wird bei ihm der Einfluß der nordischen
Literatur, insbesondere Ibsens, bemerkt, jedoch fand diese Literatur
bei ihm einen glücklichen Niederschlag und ein persönliches Echo;
die Denkart und Empfindungsart, die unsern Dichter von Kameraden
trennte, die moralisch von Stufe zu Stufe sanken, ist in dieser
Wesenheit zu suchen; Kadri war aber nicht bloß ein Künstler, er
war auch ein Kritiker, und die Antwort, die er Ra'if Nedschdet
Bej in dem literarischen Streite gegen Schehabeddin Sulaiman g'ab,
bewies eine große Fähigkeit auf dem kritischen Kampfplatze; sein
Werk ser engäm, das kleine Erzählungen enthält, wird demnächst
gedruckt werden" (nach der Vita von Sulaiman Sa'ib [sWiU] NSM
S. ii6f.). — Büd NSM S. 115 — Probe in Prosa NSM S. 118 bis
123 „Gespräch des schwarzhaarigen Fremden mit dem helläugigen
Mädchen", eine phantastische Geschichte, die gespickt ist mit
griechischer Mythologie und die ausklingt in ein Evoe Evoe, mit
welchem das helläugige Mädchen den dummen Schwarzhaarigen
auslacht, daß er von den Gefahren der Dunkelheit spricht, die den
Menschen zu Taten übler Lust hinreißt; die Erzählung ist trotz
des abstrusen Inhalts in einfacher Sprache und voll Kunst, mit
einem Hauche echter Poesie. — Büjük S. 210 — 204 Bild (anderes
als in NSM) und Probe: Kap. 5 von „Miss-Chalfrey's Album", zur
Frage der türkischen Frau; Kadri bezeichnet sich als müstausieh
„Bearbeiter". — Seine Stellung zur jeiii lisän-Bewegung geht aus
58 Hartmann,
OOG0OOO0OOO0OOO00C)0OOOO0OO0OOOO0OOO0OO0OOO0OOO0OO0OO0OOO0OO0OOO0OOO0OO0OO0OO0CKXXXiOO
der Art hervor, wie in dem Organ der Neusprachler, den geng
qaUmkr, von ihm gesprochen wird; so behandelt ihn Parwiz (d. i.
ömer Seifüddin, vgl. Nr. 24) in dem Artikel jeni lisän wecirkin
ta'arruzler „Neue Sprache und häßliche Angriffe" (Nr. 24/5, S. 42)
mit einer Gehässigkeit, die nicht am Platze wäre, selbst wenn Kadri
noch törichter sich ausgesprochen hätte als in den angeführten
Worten; es ist allerdings nicht recht begreiflich, wie ein ersichtlich
begabter Mann in literarischen Dingen theoretisch eine so große
Urteilslosigkeit zeigen kann. Daß der Spötter Parwiz sich beständig
den Scherz macht, von „Kara Osmanzade Ja'kub Kadri" zu sprechen,
ist eine Geschmacklosigkeit.
Hachtmanns begeisterte Vita, die feinste aller, ist ein kleines
Meisterstück: Aus den Angaben des New Sali MÜH über Kadris
Lesestoffe und Kadris Erzählungen in bir serengäm [1914, erschienen
nach Nexo Sali Milli] baut er den Menschen auf: er vergleicht ihn
in der Kunst, das Animalische darzustellen, mit Zola, der vielleicht
„bisweilen auf Qadri wirkt, aber dieser erzählt völlig anders; seine
Feder läuft leicht, ja oft geradezu lustig; keine Spur von der
schweren Mühsamkeit Zolas. . . Leider fügt Qadri noch ein paar
verschwommen-sentimentale Betrachtungen über den Frühling, das
Alleinsein der Sterne u. a. an ... seltsam, daß ein so ausgeprägter
literarischer Charakter wie Qadri von der öden Tradition mit dem
altmodischen Apparat von Sternen, Milchstraßen, Regenbogen,
Düften, Farben und Blumen nicht loskommt! . . . Qadri ist in den
Novellen ganz und gar nicht sentimental: geweint wird hier über-
haupt nicht; in der Anschaulichkeit und Eindringlichkeit der Dar-
stellung lassen sie sich hart neben Flaubert und Maupassant
stellen. Ich halte Qadri für den größten Künstler unter den
modernen türkischen Erzählern: er gehört zu den wenigen, die
genial zu nennen sind." Was Hachtmann seltsam findet, erklärt
sich leicht aus dem Gesamtbild des Mannes: Kadri ist kein
Durchschnittsmensch; wenn sein Biograph in New Sali Milli,
ein uns sonst unbekannter Sulaiman Sa'imi, von ihm sagt, er
sei nicht bloß „ein Künstler, sondern auch ein Kritiker", so ist
das verkehrt. Kadri war ein schlechter Schüler und brachte
es nie zu einem Abgangszeugnis, d. h. er lebte nur sich; aus
dem literarischen Streite mit ömer Seifüddin geht hervor, wie er
in literarischen Dingen theoretisch eine vollkommene Urteilslosig-
keit zeigte (vgl. oben und S. 111). Solche Leute unterliegen wohl
gelegentlich der Suggestion der Umwelt, und wenn Kadri gelegent-
1
Dichter der neuen Türkei. 59
0O0OOO0CXD0OOCKXXXXXDOOOO000CXXX)OOOO<XXXXXXXXXXXXXXXXX)O0O(XXX)C)000(XXXX300
lieh das klassische Brimborium mitmacht, so ist das Entgleisung,
die seiner Kritiklosigkeit und der Unfähigkeit, historisch zu sehen,
entstammt. So war er denn auch nicht berufen, für New Sali
MiUi Vitae zu liefern i, und die, die er beitrug, von Schehabeddin
Sulaiman (S. 49 ff.) und von Izzet Melih (S. 68 ff.), sind weniger
charakteristisch für die Biographierten als für den Biographen
(sein Urteil über Izzet Melih ist „nur zum Teil richtig" S. 69);
in der ersten ist das für ihn Interessante die große Frage nach der
Persönlichkeit in der Kunst, die Überzeugung, daß es verkehrt
sei, sie zur Dienerin von Erziehung und Moral zu machen, denn
sie sei an sich moralisch; ein solcher Mann gehört nicht der
Partei der guten Sitte an, und wenn er mit den Jenilisan-Leuten
im Streit lag 2, so ist er darum keineswegs der Parteigänger der
Monopolisten des guten Geschmacks mit ihrer leeren Schönrednerei
nach Art Nazifs. Neuestens hat Richard Hartmann unserm
Dichter eine Studie gewidmet (Welt d. Isl. V, 264 — 282), in der er mit
bewundernswerter Energie die sämtlichen acht Erzählungen von
hir serengäm^ zergUedert und aus ihnen die psychologische und
ästhetische Entwicklung des Dichters ableitet. Recht hat Hart-
mann, daß Kadri in der Vertiefung der Problemstellung und in
dem Fortschritt in der Komposition sicherlich von Westeuropäern
gelernt hat (siehe oben über seine Lektüre); „aber, wer so zu lernen
versteht, wie er, so, daß das Gelernte sich dann als sein Eigenstes
entpuppt, der ist eben ein geborener Künstler" (S. 282). Auch das
ist der Beachtung wert, daß Kadri ein ausgezeichneter Schilderer
der türkischen Umwelt ist, und zwar besonders der anatolischen:
„über die Zustände und die Menschen in Anatolien kann man aus
seinen kleinen Geschichten mehr lernen, als aus mancher umfang-
^ Nur ungern erwähne ich seine Vita des Ali Nadschi (Hemedanizade) NSM S. 329: die
Charakteristik „in seinem Geiste trägt er die parfümierte Hitze Irans, und er läßt
seiner Feder Lauf in einer liebenswürdigen Ungebundenheit" ist etwas gar zu mild; die
gegebene Probe ist, unerhört in der Form, ein bis zur Widerwärtigkeit aufgeregtei
erotisches Stammeln. Ich hatte diese Vita bereits aufgenommen (als Nr. 25), da ver-
anlai3te der lebhafte Protest meiner türkischen Freunde, denen ich von Ali Nadschi
sprach, sie zu streichen.
8 Ei ist übrigen» die Frage, ob der Streit ömer Seifüddin contra Kadri so erweitert
werden darf; man bedenke, dafl beiden Männern das Hauptgebiet die knappe Erzählung
i«t; da entsteht leicht eine Konkurrenzleidenschaft, zumal wenn sie ähnlich veranlagt
lind; auch Ömer Seifüddin ist eigenartig, freilich nicht lo reich an Phantasie wie Kadri.
' Er übersetzt es „Ein Schicksal" (S. 270), Hachtmann (S. 23) „Eine seltsame Ge-
schichte"; aber der sorgfältige Sami gibt [qämüs S. 714) nur: „Ende", „Schluß",
„Folge eines Abenteuers".
6o 1 • Hartmann,
OOeOeOOOOOOOOOGOOOOOO(X)OOOOOOOOOOOOOOOOCXXXX)0000(X30eX>OOOOOOOOC>000000(X>0(XXXXX>00000(^^
reichen Reisebeschreibung" {S. 281). Ähnlichen Eindruck hatte ich
aus Arbeiten Hüsein Rahmis: „sein tesäduf ist eine reiche Quelle
für volkskundliche Forschung, solange wir nicht systematische Auf-
nahmen haben; manches beruht ersichtlich auf eingehenden Studien
. . . das Buch führt vortrefflich in die Denk- und Sprechweide der
mittleren und niederen Klassen ein" {Unpolitische Briefe S. 215); sein
ghüli jäbänl ist eine Darstellung des Gespensterglaubens, wie er in
Anatolien noch sehr verbreitet zu sein scheint. Auch Kadris Figuren
sind aus dem Leben nicht ohne Mühen gewonnen, doch tritt bei
ihm die, ich möchte sagen, gelehrte Durchdringung ganz zurück. —
In der kurzen Notiz, die R. Hartmann an meinen Kadri- Artikel
im Referat OLZ 1917, Sp. 148 knüpft, meint er: „es ist schade,
daß Martin Hartmann zu diesem geschickten Erzählertalent keine
Stellung genommen hat". Ich habe aber Hinweis gegeben durch
das Urteü zu dem Probestück in NSM „Gespräch des schwarz-
haarigen Fremden mit dem helläugigen Mädchen": „die Erzählung
ist trotz des abstrusen Inhalts in einfacher Sprache und von Kunst,
mit einem Hauche echter Poesie" (MSOS I, S. 151, hier S. 57).
Weder Hachtmann noch R. Hartmann nahmen von dieser höchst
originellen und für seinen, aUer Konvention und philiströsen
Korrektheit spottenden Stil charakteristischen Skizze Notiz.
Georg Jacob wies in HilfsbuchYV, S. 50 auf Kadri hin. Bisher
scheint nur ein Stück von ihm ins Deutsche übersetzt zu sein
(Frankfurter Zeitung, 2. Oktober 1916, 2. Morgenblatt).
15. Uschakizade Chalid Zija ['mäqtzäde''- chälid zija],
„geboren 1282 [beg. 14. 3. 1866] in Stambul, wo er bis zu seinem
zwölften Jahre lebte; dann zog die Familie zum Großvater nach
Smyrna; die Uschakizades trieben in Smyrna und Stambul den
Teppichhandel und besaßen, namentlich in Smyrna, eine große
Berühmtheit; Chalid Zijas Vater, Haddschi Chalil Effendi, be-
schäftigte sich viel mit der persischen Literatur und bewunderte
1 '^u^äql ist Nisbe zu der bekannten Teppichstadt Uschak, die Sami (qämüs aPa'^läm
3155) nur '^uSäq schreibt, die aber von den „Gebildeten" gewiß als '^uSMq empfunden
wird (der Name hat wohl kaum etwas mit arab. '§g zu tun, ist vielmehr an das türkische
u$aq anzulehnen). Uschak ist Hauptort des gleichnamigen Kazas im Sandschak Kutahja,
142 km SW Kutahja. — Ein Schaich Hasan Uschaki {^uSäql), Begründer eines Derwisch-
Ordens (hat Moschee in Kasim Pascha), wanderte aus Buchara in Uschak ein, gest.
1003 [1595] (nach Sami, qämüs oPaHäm S. 3156).
Dichter der neuen Türkei 61
besonders das Mesnewi und die Werke Sa'dis; damals waren die
französischen Kriminal- und Schauerromane von Ponson du Terrail
und Xavier de Mont^pin in Mode und wurden den Schriften von
Dumas fils und Octave Feuillet vorgezogen; der junge Chalid Zija
las die Romane im Salon seines Großvaters vor, dessen Haus
einen Mittelpunkt der vornehmen Welt Smyrnas bildete; das ist
nicht unwichtig für die geistige Entwicklung unseres Dichters; die
Mittelschule von Smyrna befriedigte ihn nicht; noch vor der Zeit
verließ er sie und trat bei einem Advokaten ein, nur um sich im
Französischen zu vervollkommnen; aber auch da litt es ihn nicht,
und er ließ sich in die Schule der Mechitaristen aufnehmen; seine
ersten Schritte dort leitete Pere Nicolas; der Lehrer Pierre Vandal
wies ihn auf die Klassiker hin; er hatte auch eine besondere Vor-
üebe für Naturgeschichte und studierte auf der Schule für sich
die Werke von Louis Figuier; sein erster Artikel wurde von der
Wilajetdruckerei unter „Was ist der Schlaf?" gedruckt; Hüsein
Hilmi Pascha war damals Mektubdschi (Generalsekretär) des Wilajets;
Chalid Zija war beständig mit Übersetzungen beschäftigt und
schrieb hin und wieder literarische Versuche; sie erschienen in der
KonstantinQpler Zeitschrift chmmeH ewräq; da trat er in Verbindung
mit dem Professor Reymond Per6, Musiker, Maler und Literat,
der ihn auf die Neuen hinwies, die in der Poesie zu den Par-
nassiens gehörten, im Roman Naturalisten waren; da lernte Chalid
Zija, achtzehnjährig, Sully Prudhomme kennen; nach der Schule
wollte er Diplomat werden und wandte sich zunächst der Presse
zu, deshalb kam er nach Stambul, wo er mit einigen Freunden die
Zeitschrift neierüz gründete: von einem großangelegten Werke „Der
üterarische Strom von Westen nach Osten" wurde nur die Ein-
leitung gedruckt; infolge Erkrankung seiner Mutter kehrte er nach
wSmyrna zurück und übernahm dort den französischen Unterricht
am Gymnasium, zugleich trat er bei der Osmanischen Bank ein;
daneben gründete er die Zeitung chidynet; mit ihr beginnt sein
literarisches Leben; in ihrer ersten Nummer begann sein Roman
seflle „Die Elende"; als der Zensor die Erlaubnis zum Druck als
Buch verweigerte, zerriß Chalid Zija im Zorn das Werk, und es
sind keine Exemplare mehr vorhanden; die ebenfalls mit Nr. 1 des
chidmet beginnenden „Dichtungen in Prosa" [mentür si'-irler] waren
nach Inhalt und Sprache so neu, daß man sie in Stambul nicht
vertrug und auch ganz Smyrna gegen ihn war; während dieses
Streites erhielt er aus Stambul von Redscha'izade Ekrem einen
6 2 Hartmann,
C)O0OO0OO00CXXXX5OO0OOO0C»0OOOCK3OO0OOO0OOO0OOO0O0O0O00OO(XX5CXXXX5O0OO0OOO0O0OOO0OO0OO
anregenden Brief mit Würdigung des Programms der Zeitung und
Beglückwünschung zu den „Gedichten in Prosa". Das bedeutete das
Ende der Angriffe; mittlerweile schuf er Arbeiten als Frucht seiner
wissenschaftlichen Beschäftigung wie mebhat alquhuf, bü qalamün
klmijä, hisäb ojunlary, haml wewaz^i haml; in diesen Jahren erschienen
von ihm eine Anzahl Werke, die sämtlich zuerst als Beilagen seiner
Zeitung herauskamen: die Romane nümlde „Die Hoffnungslose", bir
ölünün defteri „Das Tagebuch eines Toten", ferdi wesürekäst „Ferdi
und Co."; die Erzählungen bir muchtiranyn son japraqlary „Die letzten
Blätter eines Notizbuches", bir izdiwägin tarichi mu^äsaqasy „Liebes-
geschichte einer Heirat", bumidi „War es das?", haihät „Achl",
dil „Herz", und außer dem schon genannten mentür s^irler noch
metärdan aesler „Stimmen aus dem Grabe". Endlich übersetzte er
noch zahlreiche kleine Erzählungen aus dem Französischen und
Englischen, von denen ein Teil unter dem Titel näqil „Erzähler" in
mehreren Bänden gesammelt erschien; in Vorbereitung einer Ge-
samtgeschichte der Literatur schrieb er Artikel über Fragen der
russischen und Sanskritliteratur; im Winter 1308 [1892] kam er
als erster Sekretär in das Übersetzungsbureau der Regiezentrale
in Stambul. Damals hatte Ekrem Bej die alte Generation zerstört.
Die neue Generation begann erst in unbestimmten Lebensformen
sich abzuzeichnen: Ibn Reschad Ali Farah [ibn resäd W? farah\
Abdulhalim Memduh [^abdulhallm memdnh] und andere gingen jeder
seines Weges, Zensor und Kontrollkommission walteten mit Willkür
ihres Amtes; damals regte Ismail Hakki an, die Kinderzeitung
mekteb in eine literarische Zeitschrift zu verwandeln; man wandte
sich an Chalid; die Kenner der Weltliteratur sollten mitarbeiten;
Chalid war gerade bei seinen Sanskritstudien; da ließ ihn eines
Tages der Polizeiminister Nazim Pascha rufen; nachdem er ihn
über etwa hundert Personen ausgefragt, meinte er: „Sie schreiben
doch über das System der Materialisten unter dem Namen San-
skritliteratur? Die Kontrollkommission hat nicht verstanden, was
Sie da geschrieben haben." Chalid erwiderte schlagfertig: „Wer
soll denn irgend etwas verstehen von einem Werke, das die
Kontrollkommission nicht verstanden hat, so daß man an eine
Gefahr denken könnte?" Kaum war er von diesem Verhör nach
Hause gekommen, so verbrannte er seine meisten Bücher und
Briefe; er war nun zum Schweigen verdammt bis 1312 [1896], wo
in Serweti Funun unter Führung von Fikret und ihm (Chalid
Zija) die neue Literatur sich zu bilden begann [auch sonst findet
Dichter der neuen Türkei. 63
000000000000000000000000000000000000000000CX30000000000CX)0CO000(XI0CXXX)000000000000^^
man diese Zeit als die der literarischen Umwälzung bezeichnet, so
heißt es z. B. in dem Nekrolog auf Tewfik Fikret im Hilal [franz.]
von Ende August 1915, daß Fikret der Schöpfer der 1894 be-
gonnenen neuen Periode sei]; in Serweti Fünun trat er mit mäwy
wesijäh „Blau und Schwarz i" ein; in diesem Roman zeigten sich
Sprache und Stil Ch. Z.'s in der ihnen eigenen Vollkommenheit;
es wurde dann ein Sonderdruck mit Bildern veranstaltet, der schnell
erschöpft war; auch der Neudruck in der „Bibliothek der neuen
Literatur" war schnell ausverkauft [ich stelle fest, daß es kaum
einen gebildeten Osmanen gibt, der dieses Werk Ch. Z.'s nicht
kennt; seltsam ist, daß dieses Hauptwerk des Dichters, das einen
Wendepunkt in seinem Schaffen und vielleicht in der neueren
Literatur bezeichnet, von Hörn nicht genannt ist — sehr verzeihlich,
wenn man bedenkt, unter wie großen Schwierigkeiten Hörn
arbeitete]: nun drang Ch. Z.'s Ruf weit hinaus durch die kleinen
Erzählungen, die er in Ikdam und Sabah drucken ließ; darunter
befanden sich die Erzählungen solghun dernet „Das verwelkte Bouquet"
und hir jazyn tärlchl „Die Geschichte eines Sommers"; in Serweti
fünun brachte er den Roman ^asqi memnu^ „Verbotene Liebe": als
dann später ebenda qyri/q hajcitlar „Die zerbrochenen Leben" ge-
druckt wurde, wurde das Blatt wegen eines Artikels Hüsein
Dschahids unterdrückt und vor Gericht gebracht: so mußte Ch. Z.
schweigen, und bis zur Revolution schrieb er nichts mehr; als nach
dieser die Stelle des ersten Sekretärs der Regie dem Kommissar
Dschewad Bey übertragen wurde, wurde Ch. Z. zum Kommissar
ernannt; in den neun Monaten von 10./23. Juli 1908 bis zum Einzug
des Entsatzheeres in Stambul [April 1909] schrieb Ch. Z., man
möchte sagen, soviel wie in neun Jahren; er übernahm den Leit-
artikel für den Sabah und lieferte zugleich als Feuilleton den
Roman nesli achlr „Die letzte Generation"; wo immer auch eine
neue Zeitschrift am Pressehimmel aufstieg, wurde er um Mitarbeit
gebeten, und er entzog sich dem nicht; für den Tanin schrieb er
jede Woche eine kleine Geschichte; er verdiente damit mehr als
50 Pfund [925 M.] im Monat; ferner übernahm er an der Universität
Vorlesungen über Ästhetik ijükmeti bedä^i^) und fremde Literaturen:
beide gehörten bis dahin bei uns nicht zu den anerkannten Wissen-
schaften; bei solchen Beschäftigungen blieb er bis zum 31. März
[13. April 1909, dem Reaktionsputsch]; bei dem Regierungsantritt
^ Die Auigabe in meinem Besitz ist ein Stück der „Sämtlichen Werke" Chalid Zijai,
„Neudruck", Buchhandlung Muchtar Chalid, 1332 [1916], 420 S.
64 Hartmann,
ooeoeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeooooo
Mehmeds V. wurde er zum Generalsekretär des Palastes ernannt;
damit verlor ihn die Literatur; das neue Amt nahm ihn so in An-
spruch, daß er knapp Zeit fand, die Zeitungen zu lesen; heute hat
er das Amt verloren, die Literatur ihn neu gewonnen: von neuem
erscheint seine Unterschrift in den Zeitungen, und seine Werke
werden von der Buchhandlung Muchtar Chalid neu herausgegeben.
Der Schöpfer des literarischen Romans im Sinne des Westens ist
bei uns Chalid Zija; er ist der Vater der heutigen Prosa; mögen
andere diesen Stil nach ihren Fähigkeiten nervöser, zierlicher,
feiner gemacht haben, die Vaterschaft gehört ihm; am schärfsten
tritt er hervor in „Blau und Schwarz" und „Verbotene Liebe";
„Blau und Schwarz" erscheint mir trotz aller seiner köstlichen
Einzelheiten heute wie eine Stilprobe; der Meister verfügt darin
über seine Kunst nicht mit derselben Selbstherrlichkeit wie in
„Verbotene Liebe"; die geschilderten Charaktere si'nd zum Teil
aus sehr einfachen und sehr phantastischen Typen zusammen-
gesetzt; so ist Ahmed Dschemil zwar ein Beispiel der jungen
Leute jener Zeit, aber er vereinigt eine Menge Besonderheiten
und ist ein rein phantastischer Typus; wir, die wir damals an dem
Leben und der Welt des Ahmed Dschemil geröstet wurden, fanden
seine Hoffnungen und Vorstellungen recht kindisch. Nach meinem
Urteil ist das bei weitem gelungenste Werk des Meisters „Ver-
botene Liebe": da fand er einen Boden, der seinen Fähigkeiten
entsprach, und zeigte sich in seinem voUen Reichtum und Glänze;
sein Stil ist tadellos, die Bilder sind anschaulich und gelungen;
der Bau des Romans ist fest und gut gegliedert; manche Stücke
werden immer mit Begeisterung und Versenkung gelesen werden;
trotzdem findet man die ganze Feinheit, die ganze Persönlichkeit
Ch. Z.'s nur in seinen kleinen Erzählungen, in denen er sich freier
ergehen kann." Die vorstehende gehaltvolle, ehrerbietige und doch
zugleich nicht unkritische Darstellung NSM S. 133 — 137 rührt von
Mehmed Re'uf her [siehe Nr. 19]!. — Bild NSM S. 132. — Probe
{NSM S. 138): „Fragment aus einem Bilde": eine hübsche Natur-
schilderung. — Das Urteil, das ich Briefe S. 2 14 über seine literarische
Bedeutung fällte, ist vielleicht etwas zu hart; es war herausgefordert
durch seine Überschätzung, der ich mehrfach begegnet war (siehe
z. B. Hörn, S. 44 ff.). Ich las seitdem sein 7nauy wesijäh und er-
1 In Vervollständigung der Vita erwähne ich, daß Chalid Zija nach Reformierung der
Universität zum Professor für moderne Literatur berufen wurde ; es heißt, daß er die
Stelle zwar angenommen habe, sich aber in Ausübung des Lehramts vertreten lasse.
I
JJiclder der neuen Türkei. 65
OOO0OOOOOOOOOOOOOOO<X)OOOO0OOOC«»0CKX)OOO0O0O00OOOOO0O0O00O0O0OOO0OOOOO^
kenne an, daß nicht weniges darin von köstlicher Frische und zu-
gleich von feiner Kunst ist. Das Urteil Mehmed Re'ufs über den
Helden, Ahmed Dschemü, ist insofern schief, als dem Verfasser
ein Vorwurf daraus gemacht wird, daß jener Held in seinen
Hoffnungen und Vorstellungen kindisch erscheint (siehe oben).
Die Ahmed Dschemils von damals haben sich eben entwickelt,
und das ist sicher auch Chalid Zija nicht entg-angen; er wollte
aber den Typ des für die Literatur begeisterten, stets mit großen
Plänen schwangeren, etwas eitlen, für den Lebenskampf allzu
schwachen türkischen Jünglings der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts schildern. Das ist ihm vorzügHch gelungen. Sym-
pathie kann man mit diesem schwächlichen Männlein nicht empfinden :
Ahmed Dschemil ist das, was die jungen Stambuler sich erst jetzt ab-
gewöhnen: sentimental (der Grundzug des türkischen Wesens ist
Naivität, der sich nicht selten eine tüchtige Dosis Realpolitik und bis
zur Roheit gehende Derbheit gesellen); als besonderer Vorzug fielen
mir auf die zahlreichen gelungenen Naturschilderungen und die
intimen Szenen (wie köstlich ist die Lektüre des ersten französischen
Originalwerks, das die Freunde Ahmed Dschemil und Hüsein
Nazmi erwarben und im äußersten Winkel des Taksim-Gartens
auf einer großen Bank miteinander verschüngen, berauscht wie in
einer Haschischkneipe, S. 47 — 52). Es ist ja eine nicht gerade er-
hebende Umwelt, in der Ahmed Dschemil sich bewegt, und man
sieht mit Teilnahme, wie er in ihr versinkt (die neue Generation
lernt, sich herauszureißen, und sie hat die ungeheure Hufe, die der
alten fehlte: sie darf tun, was sie auch damals gern wollte: sie
darf arbeiten und sie hat tüchtige Anleiter dazu). ErstaunHch
ist, daß dieser Mann, der so viel Talent und Geschmack besitzt
und so fleißig ist, sich nicht hat freimachen können von den
Fesseln der unerträgHchen Sprache, die das schlimme Erbe der
unfreien Zeit ist. Die geschüderten Gegenstände und Lagen sind
so einfach, und die Behandlung ist im Grunde so schlicht, daß die
Vereinfachung der Sprache ein Meisterstück hätte schaffen können.
Man muß es als ein Glück betrachten, daß Chalid Zija nicht
Schule gemacht hat, und daß sein Stil von der jungen Generation
durchaus abgelehnt wird. — Seine zahlreichen Reisebriefe aus
Deutschland, die 1916 im Tanin erschienen, suchen sich ein-
facher zu halten in der Sprache, fallen sogar zuweüen in den
burschikosen Stil und sind stellenweise kleine Meisterstücke in
Situationsmalerei.
Urkunden und Untersuchungen. 3. 5
66 Ilartmann,
00CX»00C)0<X«X50000<X)00<X)CXX)000<XXXX)00000000000000000CO0(XXX>00000CXX»00000000C)0^
Zu der vorstehenden Darstellung (nach MSOS I, S. 152 — 156)
wären zahlreiche Nachträge zu machen. Ich begnüge mich hier
mit dem Hinweise auf eine bedeutende Wendung in dem lite-
rarischen Schaffen des Meisters, die neuestens von Peter A. Silber-
mann dargestellt wurde (in: „Türkisches Theater", Berliner Tage-
blatt vom 26. September 1918, Abend). Es ist die Wendung zur
dramatischen Literatur. Diese erhielt eine bedeutende Anregung
durch die Gründung des Konservatoriums 1909, bei welcher es
besonders auf die Heranbildung tüchtiger Schauspieler und Förde-
rung der dramatischen Produktion abgesehen war (über diese
Strömung siehe Hüsein Rahmi in dem in Die Neue Türkei unter Das
Temascha wiedergegebenen Artikel). Aber die ausgeworfenen Mittel
waren allzu bescheiden und die poUtischen Verhältnisse einer stetigen
künstlerischen Entwicklung wenig günstig. Das Konservatorium
brachte bisher fast nur „Adaptationen" (nicht Übersetzungen! das Wort
ist in das Neuosmanische aufgenommen) französischer Dramen zur Auf-
führung, Die Verlegung der Handlung von Paris nach Stambul
oder nach Anatolien wie in den „Rosen von Kaisari" (siehe Neuer
Orient ü, S. 557) hat tiefgreifende Veränderungen zur Folge, die mehr
oder minder geschickt ausgeführt werden, zuweilen bleibt freilich
eine unüberbrückbare Kluft zwischen der Gedankenwelt Europas und
des Orients. Das glänzende Vorbild von Ahmed Wefiks An-
passungen Moli^rescher Komödien wird heute nicht mehr erreicht.
Der Spielplan des Konservatoriums mag jetzt etwa ein Dutzend
solcher adaptierter Stücke umfassen. Die türkische Presse klagt,
daß diese Arbeiten nur einmal oder zweimal über die Bühne gehen,
um dann wieder zu verschwinden. Auch das wurde bemerkt, daß
man häufig den Eindruck hat, der Anpasser wäre wohl imstande
gewesen, eine eigene Arbeit zu liefern. Mir scheint hier ein ein-
facher psychologischer Vorgang vorzuliegen: die türkischen Schrift-
steller waren zu verschüchtert, um eigene Arbeit zu wagen; es waren
der allgemeine Druck und die armselige Stellung der Bühne,
die ihnen den Mut raubten; dazu kam das Kleben an dem For-
mellen: man bestaunte die Bühnenkräftigkeit der Fremden, nament-
lich der Franzosen, und modelte ihre Werke. Die darauf verwandte
Mühe und Zeit hätten wohl genügt zur Herausarbeitung eines
Eigenen unter kritischer Verwendung der technischen Regeln der
Dramatik. Auch Chalid Zija arbeitete zunächst adaptierend: mit
Geschick und Erfolg brachte er Francillon des Jüngeren Dumas
und Souris von Pailleron heraus. Doch diese Tätigkeit weckte
1
Dicliter der neuen Türkei. 67
B00OO<XXXXXXXXIOO000O00OCXX)O00CXXXXXD(XXXXXXXXXXXXXXX)00O0000<XXXXXXX»0OOOC)O00O00(XXXXK^^
bei ihm die Lust zur selbständigen Produktion: er schrieb sein
Käbüs, „Alpdrücken", und im Frühjahr 1918 erfuhr das Stück im
Wintertheater zu Pera seine Uraufführung durch die Konser-
vatoriumstruppe. Ich lasse nun Silbermann das Wort: , .Diese
Vorstellung war nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis ersten
Ranges, sie wird auch in der Geschichte des türkischen Theaters
einen Markstein büden. Ist „Kjabus" doch das erste literarische
und nationale Stück, das seit den glücklichen Anfängen unter Abdul
Asis wieder auf den Brettern erschien. In allzu reichlicher, wenn
auch immer fesselnder Konversation und in Tiraden von zu großer
Langatmigkeit zeigt es sich, daß der Dramatiker nicht immer den
Sieg über den Erzähler davon getragen hat. Aber das sind Fehler,
die sich mit dem Blaustift korrigieren lassen. Das Wesentliche
dieses Thesenstücks ist sein Inhalt, der sich mit der Ehescheidung
beschäftigt und mutig für die türkische Frau dieselben Rechte
fordert, die der Mann genießt. Denn trotz des jüngst reformierten
türkischen Eherechts ist der Mann noch immer befugt, ohne An-
gabe von Gründen seine Ehe zu scheiden und eine neue Heirat
zu schließen, ohne der schuldlos geschiedenen Frau gegenüber
alimentationspfiichtig zu sein. „Kjabus" stellt den Protest, die
Rebellion der türkischen Frau dieser Ungeheuerlichkeit gegen-
über dar.
Man kann sich denken, welchen Eindruck das Stück auf die
türkischen Hanums gemacht hat, als sie es in dazu eigens für sie
reservierter Nachmittagsaufführung pochenden Herzens über die
Bretter ziehen sahen. Die Szene ward hier zum Tribunal, der
Dichter zum Ankläger einer ungerechten Gesellschaftsordnung, die
die schwersten Schädigungen für Individuum und Staat nach sich
ziehen muß. Und nur ein in seiner Stellung und in seinem An-
sehen so fest begründeter Mann wie Halid Siah Bej konnte es
ungestraft wagen, an den Fundamenten der Überlieferung zu
rütteln. Mit dem „Kjabus" hat er den jungen Dramatikern seines
Landes einen erfolgreichen Weg gewiesen, und es ist wohl mög-
lich, daß das moderne türkische Drama berufen ist, als Mittel der
Aufklärung und als gesellschaftskritisches Moment eine Rolle zu
spielen. Halid Siah Bej selber schreitet auf dem einmal betretenen
Wege rüstig weiter, und schon rundet sich unter seiner Feder ein
neues Thesenstück y,Sengin" (Der Reiche), das den Kampf der
Ideale der Arbeit gegen das unwürdig aufgehäufte Kapital ver-
körpert".
5»
68 Ilartmann,
DOOOeOOOOOO<XX50<X)OC)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXX)OOOOOOOOOOOOOOOOOCXX)OOC)0(XXXX3^^
Endlich sei hingewiesen auf die Übersetzungen aus Chalid Zijas
Werk ins Deutsche, die zusammengestellt sind bei Hachtmann,
DU neuere und neueste türkische Literatur, Welt des Islams V, S. 77.
16. Izzet Melih \^izzet melih\
„aus einer türkischen Adelsfamilie Kretas; sein Vater, Es*ad Bej,
war dort Defterdar; er ist heute [1918] 31 Jahre alt und hat
das Amt des Generalsekretärs der Regie; seine eigenen Angaben
über sein Leben besagen folgendes: seine Familie wanderte infolge
des Aufstandes von 1313 [1897] nach Stambul aus; sein Vater
starb bald darauf; Izzet Melih war damals 12 Jahre alt, er hatte
vorzügliche Erzieher und machte sich alsbald an das Schreiben;
er hatte dabei so viel Erfolg, daß er schon mit 15 Jahren bei allen
literarischen Zeitschriften Sachen von sich anbrachte; dieses
Wunderkind studierte auf dem Galata-Serai-Gymnasium mit be-
sonderem Eifer das Französische, und zwar besonders die unsterb-
lichen Klassiker; er begann schließlich selbst französische Werke
abzufassen; als die in Paris erscheinende bedeutende Wochen-
schrift „Les Annales Politiques et Litt^raires" 1905 (er war
damals erst 18 Jahre alt) ein literarisches Preisausschreiben erließ,
gewann er in Prosa den zweiten Preis; sein Name wurde sowohl
in Stambul wie in Paris berühmt und erschien in den französischen
Zeitungen; ja, Izzet Melih ragte am meisten durch seine fran-
zösischen Schriften hervor; eine Hauptursache davon war, daß in
der Terrorzeit die türkischen Literaturwerke zu einer verbotenen
Frucht für ihn geworden waren; als er 19 Jahre alt das Gymnasium
verließ, konnte er einen von ihm verfaßten Roman „Trotz der
Vergangenheit" nicht unterbringen; die Art, wie ihn der Zensor
behandelte, erfüllte ihn mit tiefem Haß gegen die Schrecken des
Despotismus, und in Weltabgeschiedenheit trieb er seine Arbeit;
sofort nach der Julirevolution stürzte er sich mit seinem ganzen
Glänze in die Welt, war er an der Spitze aller intellektuellen un(
patriotischen Demonstrationen; er hielt Vorträge, schrieb Artikel
arrangierte eine Anzahl literarischer Abendunterhaltungen, führti
sogar auf der Bühne mit auserwähltem Geschmack einige Stück«
auf; in jenen Zeiten übernahm er die Leitung einer literarischer
Zeitschrift namens muhU „Umwelt" und flößte zusammen mit Ahmec
Haschim [gilt den Zeitgenossen als Symbolist], einer hervorragenden'
Persönlichkeit der letzten Generation, der jungen Schriftstellerwelt,
Dichter der neuen Türkei. 69
00G0G000CO0000CXX500000CO00CXXXXXXXXXXXXXXX)000C)CXXXXXXXXXXXX»00CXXXXX)000^
die sich in der Buchhandlung fegri all versammelte, einen glühenden
Eifer ein; in dieser Zeit wurde ein französisches Drama von ihm
namens Laila \laila\ von berühmten französischen Künstlern auf
einer Bühne Peras gespielt und hatte großen Erfolg; danach gab
der junge Autor einen türkischen Roman unter dem Titel tezädd
„Kontrast" heraus, über den ich [der Autor der Biographie ist
Ja'kub Kadri (siehe Nr: 14)] mit Bezug auf das soziale und litera-
rische Ziel, das er verfolgt, meine Betrachtungen vor einigen
Monaten im Ikdam niedergelegt habe; mit Spannung erwarte ich
das französische Drama „Der große Pascha" von ihm, das demnächst
über die Bühne gehen soll; es soll noch bedeutender sein als LaUa,
das in spanischer Übersetzung in Mexiko gespielt wurde und dem-
nächst deutsch in Köln gespielt werden soll" (nach der von Ja'kub
Kadri geschriebenen Vita NSM S. 145 f.) — Bild NSM S. 144 —
Probe in Prosa NSM S. 147: „Das erste Lächeln", gewidmet „meiner
Tochter Remide", eine liebenswürdige Plauderei über Kinderlächeln
und den bittern Kampf ums Leben in etwas gezierter Sprache.
Die Vita in „Le'ila — Türkische Familientzme von Izzti Mdyh [übersetzt,
hsarbeittt und eingeleitet V9n Erich Oesierheld]" (Berlin 1913/14, Priber
und Lammers Verlag), S. 36 f. entstammt derselben Quelle wie die
von mir gegebene: es ist die des Ja'kub Kadri in New Sali Milli.
Neu ist darin, daß l2fzet MeHhs neuestes Prosawerk den Titel
„Frauenstimme" hat, und daß er sich auch „als dichterischer Nach-
bildner eines großzügigen orientalischen Dramas ,Antar' von
Schukri-Ganem, betätigt hat" (S. 40). Das über die Arbeiten des
Dichters Gesagte ist nur zum Teil richtig; man kann kaum sagen,
daß Izzet MeHh an Laila „das typische Verhältnis der musel-
manischen Ehe aufzeigt, in der der Ehebruch durch den Harem
gleichsam legitimiert wird" (S. 96). Ich kann „Leüa" nicht anders
auffassen denn als Satire: der Held Nazmi Bej, Chef in einem
Bureau für auswärtige Angelegenheiten, ist seiner vornehmen und
hübschen jungen Frau Leila, die ihn herzlich liebt, untreu mit einer
Französin, deren Gatte Konzessionenjäger ist und von dem (als
solcher ihm wahrscheinlich bekannten) Liebhaber seiner Frau ein
gutes Wort beim einflußreichen Papa erbittet (S. 51). In der ersten
Szene reden Nazmi, die Kokette Juliette Senise und ihr Mann
Constantin geistreichelnd über den „Harem"; Nazmi sagt ein ge-
scheites Wort als „eine etwas paradoxe Idee" anderer: „unsere
politische und soziale Zukunft wird zum größten Teil der zu-
künftigen Stellung unserer Frauen untergeordnet sein"; daneben
7o Hartmann,
tlOOCI€)0«XXXX)OOOeOOO(XXX>XXXX)(X)OOC»OC)00000(X)C)0(XXXXXXX)OOC)OOOOOa
aber zeigt sich schon die ihn beherrschende Oberflächlichkeit, in-
dem er die Rederei eines Franzosen billigt, ohne sie [die Gesellschaft
und Freundschaft der Frauen] gebe es nicht „Feinheit, Raffinement
und Poesie" (welche Zusammenstellung!); kaum ist der Gatte fort,
da wird der Bej handgreiflich, worüber Frau Juliette nicht ernsthaft
böse wird; die Reden des Bejs sind von ausgesuchter Banalität
und Niedrigkeit; dieses Zierbengels Ideal ist: „lieben und geliebt
werden mit allen Erregungen und Wollüsten" (S. 56), und seit er
Juliette liebt, lebt er „in einem FrühHng, der voll ist von Trunken-
heit und Wollust" (S. 58); er nennt sich: „ein primitiver Instinkt-
mensch" (S. 59); er weiß nicht, daß das bedeutet „ein geiler Bock",
weiß nicht, wie verächtlich dem kultivierten Menschen die Wollust
ist, in der sich der Wurm krümmt; Leila hat aUes hinter dem
Vorhang gesehen, beherrscht sich aber, als sie eintritt; der Bej
entfernt sich; die Kokette behandelt Leila als eine arme dumme
Gans; Leila findet echte Töne für diese Sorte „Freiheit, Zivilisation,
Luxus". Die Aussprache des Bejs mit seiner Frau ist kläglich:
der Schuldige lügt erst, dann entschuldigt er die Männer, die „in
der Atmosphäre der Vergnügungen und Wollust, die sie umgibt,
einen Moment das ferne Weib vergessen". Sein brutaler Schluß
ist: ich bleibe wie ich bin. Leider dürften unter den jungen
Türken, die in den Hauptstädten Europas das Gesellschaftsleben
mitgemacht haben, noch viele sein, die so denken und handeln
wie Nazmi, d. h. die unreif in dieses Leben treten und, selbst ober-
flächlich, sich von dieser Atmosphäre einer banalen Sinnlichkeit
berauschen lassen und in die Heimat diese Momente hineintragen,
statt den ernsten Versuch zu machen, sich ein stilles Glück zu
bauen. Kurz, Nazmi ist zewseMerin hirisi „der richtige Trottel"; wenn
einen solchen Izzet MeHh schildern wollte, dann hat er seine Sache
gut gemacht; ich fürchte aber, er findet diesen Typ noch interessant;
das wäre allerdings ein schlechtes Zeichen für Geschmack und
Urteil bei ihm. Ich m.öchte hierzu die Bemerkung eines mit dem
sozialen Leben der Türkei wie Europas gTÜndlich vertrauten und
vorurteilslosen türkischen Staatsmanns mitteilen: „Die meisten
Türken glauben, daß die Ehen in Europa fast ausnahmslos un-
glücklich sind durch die Untreue der Frauen, daß dagegen unter
den Türken, selbst in Stambul, die FäUe von fraulicher Untreue
selten seien; in Wirklichkeit steht es um die türkische Weiblichkeit
nicht gut, und die betrogenen Ehemänner sind recht zahlreich bei
uns, während in Europa neben der groben Sittenlosigkeit, die sich
THcIUer d«r neuen Türkei. Ji
t>O0OOO©OOOOOCXXXX)OOCXXXXXXXXXX3C<XXXX>XXXX>>XXX)OOOOOOOOOOOOO<X)OOOOCX)OOOOOOCX^
auf der Straße breit macht, eine wahrhafte und edle Sittlichkeit in
den Familien die Regel ist."
In der Vita New Sali MUH 1330 ist der Roman ietädd „Kontrast'*
nicht erwähnt. (Titel: tezädd — hnjük hikäje — usäqtzäde chälid xijä
bejin bir taqrlzini häundir [Stambul] 1331, 240 S.; über die Über-
setzung durch V. Wurzbach (Laibach 1917) siehe Neuer Orient IC
S. 318). Ich gebe zunächst das dem Werke vorgesetzte Schreiben
des Verfassers an Chalid Zija (S. 5 — 7) und dessen Antwort
(S. 8 — 15). Das erste lautet (Auszug):
„Als ich mein tezädd schrieb und es Ihnen widmen wollte, be-
merkten Sie: „Die Liebe eines türkischen Offiziers und eines
russischen Mädchens! Es gibt keinen schöneren, weiteren Roman-
stoff, der uns erregen könnte, als diesen." Ihre liebenswürdigen
Worte bedeuten im wesentlichen, daß literarische Werke, die
die Schmerzen vergangener Tyranneien wiederbeleben und den
nationalen Geist erwecken und stärken, auch bei uns nötig sind,
wie in Frankreich Maurice Barres, Ren6 Bazin und zahlreiche
andere Erzähler und Dichter die letzte große Wunde im Herzen
ihrer Nation, Elsaß-Lothringen, beständig frisch erhalten und den
Geist der Rache nicht einschlafen lassen wollten. Emile Faguet
hat gesagt: „Das Vaterland ist eine Vergangenheit"; aus Furcht,
daß dieser Gedanke bei uns falsch verstanden werden könnte, füge
ich sogleich hinzu, daß die Vergangenheit ehren nicht bedeutet:
fanatisch und reaktionär sein. Der wahre Patriotismus kennt und
ehrt die Vergangenheit, ist stolz auf die alten Eroberungen, erfüllt
aber auch bei der F'orschung nach den Ursachen des Unheils den
Geist mit Bitterkeit und Erregtheit. Daß eine große Hoffnungs-
losigkeit und Gleichgültigkeit in Dingen der nationalen Zukunft
bei den meisten unserer jungen Leute um sich gegriffen hat, daran
sind die Zeiten des Absolutismus und unsere dem Leben von Idealen
nicht günstigen Bräuche und sozialen Normen schuld^. Ich gehe
^ Es ist zu bedenken, daß das im Mai 1913 gesthrieben ist. Damals war die Jugend
Stambuls gleichgültig, zum Teil geradezu antipatriotisch: man sah in die Zukunft ohne
Hoffnung, weil man auf keine Verwendung der guten Kräfte rechnen konnte, die man
so gern dem Vaterlande widmen wollte. Schon vor dem Kriege trat ein Umschwung
ein durch die zahlreichen Neugründungen der Regierung auf allen Gebieten des öffent-
lichen Lebens, neben denen die Hebung des privaten Unternehmungsgeistes einherging.
Der Krieg löste eine Fülle von Energien aus, und während man früher ,, Krieg" als
eine Entschuldigung betrachtete, in der Verfolgung gemeinnütziger Ziele lässig zu sein,
wird jetzt auf allen Gebieten von denen, die etwas leisten können, mit verdoppeltem
Eifer gearbeitet. Natürlich gibt es auch heute Faulpelze, Unfähige und Eigensinnige;
7 i Hartmann,
VO(200000<XK>00(X)00&X/XOOOOOCXX)00(>XXXMOCX1^^
hier nicht auf die Einzelheiten des Problems ein; wir müssen nur
mit offenem Auge auf die bitteren Resultate blicken, die vor uns
liegen, und die großen Gefahren bewerten, denen nur durch
schnelles und entschlossenes Handeln begegnet werden kann.
Zu den größten Antrieben solcher Empfindungen gehört die
Literatur, gehören die Dramen und Erzählungen, die zugleich eine
Bühne des Lebens sind und einen philosophischen oder sozialen
Gedanken enthalten. Sind es nicht solche Werke, die die patrioti-
sche Erregung des jungen Frankreichs nähren, welches ruft: „Wir
haben geschworen, am Vaterlande nicht zu verzweifeln." Ich
möchte überzeugt sein, daß unter denen, die tezädd lesen, besonders
die jüngste Generation zu seinem wirklichen Gedanken durchdringen
wird; denn wir Armen, die wir verurteilt sind, das Unheil der
Kette alter Fehler zu sehen, wir haben die historischen Erinnerungen
der ewigen Feindschaft der Slawen wie Naschid in tezädd erlebt
und haben außerdem ihren letzten Ansturm, ihre fürchterhchen Ver-
brechen, ihre teuflischen Intrigen gesehen. Unser Kopf ist wirr,
unser Herz ist verwundet davon. So kommt denn tezädd zur rechten
Zeit, weil es das Gefühl der Rache erregt, dessen Vererbung auf
unsere Kinder und Enkel so nötig ist, und weil es Probleme berührt,
die für unser geistiges und nationales Leben von außerordentlichem
Interesse sind. Doch das ist eine Sache der Gefühlsweckung und
der Eingebung, nicht ein Beweis. Wäre ein Beweis da, so würde
das eine Rückkehr zu der „Literatur mit Theorien'* bedeuten, die
meines Erachtens etwas Totes ist; ich liebe diese Sorte Literatur
nicht, ich habe mehrfach ausgesprochen, daß ich es mit den „ge-
danklichen Erzählungen" halte, deren Personen gehörig untersuchte
und analysierte lebendige Personen sind, und die die Heiligkeit von
Schönheit und Kunst nicht vergessen, die vielmehr die Kunst noch
edler, noch höher machen. Ich denke, daß tezädd ein in der os-
manischen Literatur noch neues Beispiel dieses Stiles ist, der seit
dem großen Balzac sich allmählich immer mehr befestigt und ver-
breitet hat; da ich wenigstens von diesem Gesichtspunkt aus mein
Werk beachtenswert fand, habe ich mich erkühnt, auf seine erste
es ist aber ein Unrecht, deswegen die ehrlichen und bedeutenden Anstrengungen, die
gemacht werden, zu bespötteln. Die Begeisterung des jungen Dichters für das Land,
dem er sein Bestes verdankt, verstehen wir. Wir wünschen nur, daß er und seine
Genossen nicht einseitig bleiben und sich auch bei uns umsehen: wir sind bereit, alle
fähigen und willigen Osmanen an unserem geistigen Leben teilnehmen zu lassen, wie
wir ihre Entwicklung mit Interesse verfolgen und in jeder Weise zu fördern gewillt sind.
Dichter der neuen Türkei. 73
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Seite den Namen des gfewaltigen Meisters zu setzen, der der wahr-
hafte Begründer der „Erzählung" bei uns ist. So zahle ich einen
Teil der literarischen Schuld ab, die ich als Schriftsteller ihm gegen-
über empfinde, indem ich zugleich meiner verehrungsvollen Liebe
wiederholt Ausdruck gebe."
Mai 1329 [beg. 14. Mai 1913].
Die Antwort Chalid Zijas (S. 8 — 10) lautet (Auszug):
„Wäre Ihnen bekannt, wie ausgedehnte Verzweiflungs- und Er-
schöpfungsperioden der Mann, dem Sie Ihr Werk gewidmet haben,
in seinem literarischen Leben durchgemacht hat, so würden Sie das
Gefühl des Trostes und der Freude ermessen können, das diese Ihre
Liebenswürdigkeit hervorgerufen hat. Ich denke nicht, daß das,
was Sie von mir erwarten, nur Ausdruck des Ihnen geschuldeten
Dankes ist; gäbe auch das Amt des älteren Bruders, das Alter und
Erfahrung mir verliehen, mir nicht das Recht und Privileg, das von
mir Gedachte Ihnen in der Form einer nackten Wahrheit aus-
zusprechen, so würde mich doch mein Gewissen antreiben, als Er-
widerung Ihrer Liebenswürdigkeit eine offene Sprache gegen Sie
zu führen.
Was in Ihrem Werke zunächst die Aufmerksamkeit erregt, ist
Ihr Stil. Bei dem kunstvollen Eifer, der Ihre Darstellung be-
herrscht, verlieren Sie nicht die graziöse Leichtigkeit, die der Ein-
fachheit eignet, und Sie besitzen eine vornehme Ausdrucksweise, die
Zeugnis davon ablegt, daß Ihre ganze Art sich immer in einem ge-
fälligen Gleichmaß bewegen wird. Eines habe ich bemerkt, das
ich, wenn es nicht einen großen Wert als Kraftquelle für Sie be-
säße, aus Rücksicht auf mein und meiner Zeitgenossen Ehrgefühl
mit Stillschweigen übergehen würde: wir waren weit davon entfernt,
in den Anfangszeiten unsres literarischen Lebens in dem Maße wie
Sie unsre Sprache zu meistern; tatsächlich war damals diese Sprache
weit davon entfernt, sich vollkommen zu beherrschen. Ihnen ist
es gelungen, das lange Suchen nach der literarischen Sprache, die
unsrem, der Gegenwart angehörendem Empfindungsleben entspricht,
mit einem Schritte abzumachen. Ferner, Sie besitzen eine Be-
fähigung zum Erzähler, die stärker entwickelt ist, als man von
Ihrem Alter erwarten sollte.
Um meine besondere Betrachtung über die Grundlagen Ihres
Werkes zusammenzufassen, möchte ich darauf hinweisen, daß die
ersten Manifestationen unsres literarischen Lebens die sind, die
74 Hartmann,
00(X)e0©000000GG000000000C<XXXXXXX)0eO0(X)00000000CO000000CKX)000600000000C^^
unsrer empfindenden Persönlichkeit am nächsten sind. In diese
tragen wir am meisten von unserem Selbst hinein. Das kommt
aber nur selten vor, es ist eine Vision, die meistens von dem Ein-
treten einer leidenschaftlichen Phantasie erwartet wird. Mir scheint
das Bemühen, diese zarten und feinen Dinge, den feinen, aus Poesie
und Illusion zusammengesetzten Schmuck dieser Blumen, die mit
unsrer Jugend großgezogen sind, durch den Filter einer unbarm-
herzigen Kritik gehen zu lassen, gleicht dem Zerbrechen und Zer-
malmen eines Stückes Glas, um seine mannigfaltigen Spiegelungen,
seine kleinen, feinen Sonnen zu begreifen. Ich gestehe, daß ich be-
sorgt war, ich könnte mich in den von Ihnen berührten Fragen
des sozialen Lebens in manchen Punkten von Ihnen trennen müssen.
Sie treten durch die eine Tür des Lebens ein, ich gehe zu einer
andern hinaus. Zwischen uns besteht eine durch viele Jahre er-
probte Freundschaft. Ich sah mit großem Erstaunen, daß wir
auch in der Weisheit des Lebens, die man nach zahlreichen traurigen
Lebenserfahrungen erwerben muß, trotz des Altersunterschiedes
übereinstimmen. Ist es ein besonderes Talent bei Ihnen, daß Sie
in der Blüte der Mannheit stehend und darum jung, zugleich alt
sind? Sie stellen auf einem Gebiete der Formen der Familie, das
bei uns die größte Wichtigkeit hat, Untersuchungen an. Gestattete
es mir der Umfang der Antwort, die ohnehin schon zu lang ge-
worden ist, so würde ich meine Betrachtungen hinsichtlich dieser
wichtigen Fragen des sozialen Lebens, im besonderen meine Theorien
über eine als eine gefährliche Wunde beständig wachsende Gefahr für
unser Leben darlegen. Aber wäre es noch nötig? Der wesentliche
Inhalt dessen, was ich zu sagen hätte, läßt sich aus dem Geiste
Ihres Werkes herausdestillieren. Die Zeüen, die Ihre Widmung
mir in die Feder gegeben, kann ich in zwei Worten zusammen-
fassen: tiefsten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit und ein lebhaftes
Gefühl der Wertschätzung für Ihre erlesene Kunst."
Der Wert dieses Briefwechsels wird sich aus der Analyse des Romans
ergeben. Diese, trotz der Beschränkung auf die Hauptsachen immer
noch allzu reichlich scheinende Inhaltsangabe mußte vorgenommen
werden, um das Urteil über dieses Literaturerzeugnis zu begründen
und zu zeigen, welche Gefahren die Türkische Modernste bedrohen.
Naschid, Kolagassy in der türkischen Armee, und Behire,
Tochter des wohlhabenden Nusret Bej, sind verlobt. Behire ist
Dichter der neuen Türkei. • 75
DO0O0O0OC»OOCXXXXXXXXXXXDOC)0O0OOO<X)(X)O0C«0OO0O00000000CXXX50O00eXXXXXXX)O00000OOOCXXXXXX)^^
dem stattlichen, hochbegabten und liebenswerten Manne von
Herzen zug-etan. Es kommt eines Tages zu einem peinlichen Auftritt.
Naschid erzählt, wie er von dem Polizeiminister einen beleidigenden
Verweis erhalten habe, weil er sich bei einer Abendunterhaltung
in unangemessener Kleidung gezeigt habe; er halte ein solches
Leben nicht länger aus: er wolle dieser Luft mit Bazillen von
Niedrigkeit und Spionage entfliehen, er wolle nach der „Lichtstadt"
eilen, um zu leben. Behire ist unglücklich: sie hat genügend
Menschen- und Weltkenntnis, um Unheil zu ahnen, und sie weist
die faden Redereien ab als Versuche, ein Kind zu täuschen.
Naschid fährt aber zunächst nach Batum zum Besuche seines
Onkels Osman Bej; er nimmt alsbald lebhaft teil an den lokalen
Vergnügungen, so an dem Ball in einem Dorfe bei der Stadt, wo
sich einige Familien zur Sommerfrische aufhalten. Es ist eine
Augustnacht. Naschid fordert die Russin Militscha Nelidowna
zum Tanze auf. Das kokette Weib treibt ihr Spiel mit Naschid,
der ihr völlig verfällt. Sie wird schuld, daß Naschid die Reise
nach Paris hinausschiebt. In Gesprächen mit Mercier, dem
.Dragoman des französischen Konsulats, wird das russische Weib
geschildert mit dem Kontrast ihres derben Knochenbaues und dem
Ausdruck der Gedrücktheit, Unterwürfigkeit in Blicken und Haltung;
auch die Familienverhältnisse Militschas werden dargelegt; aber
weder all das noch das Bild Behires, das zuweilen in Naschids
Seele wieder heraufzieht, können ihn von Militscha abbringen.
Das Spiel, das die Russin mit Naschid treibt, erreicht seinen
Höhepunkt auf einem Ausfluge: als sie in einem Walde sind, be-
ginnt der Erregte ihr die Kleider vom Leibe zu reißen, um sie in
ihrer herrUchen Nacktheit bewundern zu können; Militscha wehrt
sich: „ich schreie". Naschid kommt zur Besinnung und stammelt
Entschuldigungen; damit ist der Liebestraum erloschen, und beide
sehen jetzt mit Ernst der Zukunft entgegen (S. iooff., die unschöne
Szene ist nicht einmal gut erzählt). Später haben der Türke und
die Russin eine lange Unterredung, in der Naschid jeden Augen-
blick „nervös" wird (das ist ein Lieblingswort des Verfassers; doch
wechselt er stüvoU ab zwischen ^asahl und nnirli); schließlich wüligt
die Russin in eine öffentliche Verlobung. Naschid beeilt sich,
dem Onkel Osman Mitteilung zu machen, daß er Müitscha heiraten
wolle. In diesem Gespräche zeigt Naschid gedanklich und sprach-
lich eine rührende Kindlichkeit: ^er Verfasser läßt ihn „Weisheiten"
über die Liebe und ihren Zwang reden, es kommen aber nur
76 tlartmann,
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Banalitäten heraus, während der alte Osman recht vernünftig ist;
natürlich fruchten alle Ermahnungen nichts. VölHge Direktions-
losigkeit zeigt Naschid bei dem Feste, das die Russen am Jahres-
tage der Annexion Batums feiern. Osman Bej findet die Teil-
nahme des türkischen Offiziers ungehörig, aber Militscha hat
befohlen. Gelegentlich kommen Naschid Zweifel: neben den
Warnungen Osmans hört er die Vorwürfe des Vaters. An jenem
Abend steht er Qualen aus: das Tanzen Militschas mit andern
macht ihn fürchterlich eifersüchtig; sie beruhigt ihn mit geschicktem
Wort. Die Freude der Russen weckt in ihm patriotische Be-
klemmungen: das Historische wacht auf, und er hält in Gedanken
patriotische Reden. Er folgt schließlich der Aufforderung des
Bruders Militschas, in den russischen Offiziersklub zu kommen, wo
sich bereits Mutter und Schwester befinden. Als er dort mit
Militscha sich erneut über Liebe, Zweifel und Eifersucht ausspricht,
tritt der Offizier Potemkin hinzu, und es kommt zwischen ihm
und Naschid zu einem heftigen Wortwechsel; Potemkin bleibt
kühl und spöttisch, der zänkische Naschid wird immer wilder.
Endlich trennt Militscha die Erregten; zum Danke sagt ihr Naschid
bei der Trennung ein häßliches höhnisches Wort: „Du hast pa-
triotische und liebenswürdige Freunde, ich gratuliere." In den
Katzenjammer Naschids über die Geschichte fällt ein Brief Behires:
ihr Vater habe sie mit dem Sohne eines Paschas verheiraten
wollen und bei ihrer Weigerung ihr Naschids Absichten auf die
Russin enthüllt; sie könne das nicht glauben; im übrigen phantasiert
sie über alle möglichen Fragen (der Brief ist nicht weniger als
11 Seiten lang). Die Frage der verlassenen Behire tritt nun mit
aller Schärfe an Naschid heran: der Konflikt zerreißt ihn; die
Stimme der Vernunft und des Gewissens siegt. Er fährt zu Mutter
Nelidowna. Militscha selbst erscheint, die Mutter entschuldigend;
naiv erzählt Naschid von Onkel, Vater und Behire. Militscha
ist die Beleidigte; weinend lehnt sie den Kopf an Naschids
Schulter, dann umschlingt sie ihn, bedeckt ihn mit gierigen Küssen.
Naschid hat Angst um seine Krawatte, erwidert aber die Lieb-
kosungen. Nun rächt sich Militscha: „Mach' dich schleunigst fort,
aber vergiß mich nicht!" Der herausgeworfene Naschid wird
vernünftig und reist ab: er will sich zunächst in der tröstenden
Umwelt von Paris oder London wiederherstellen und dann zu seiner
Behire zurückkehren. Mit diesen Gedanken spaziert er auf dem Deck.
Da ertönt die Tischglocke: eine Gelegenheit, die Erzählung mit
Dichter der neuen Türkei. 77
oocxxx!ooooooooooo<xxx)ooooooo(X)oc>oc)OOOC)OOOoooooooooooooooooo(x>x)oo^
einer lustigen Wendung, im Sinne etwa der „romantischen Ironie"
zu Ende und dem Helden wie dem Leser wohltuende Befreiung
zu bringen. Aber in unermüdlichem Strahl wird weiter geschwatzt.
Man erfährt nicht, was aus Naschid geworden ist; man nimmt
an, daß der unreife Bursche sehr bald genau die gleichen Dumm-
heiten machen wird. Ohne Bedauern nehmen wir Abschied von
dem verliebten Schlingel, der ein Exemplar des von Rieder („Für
die Türkei" I, 300 f.) gezeichneten türkischen Neurasthenikers ist.
Eines der besten Stücke ist die MädchengeseUschaft bei Behire
(S. 110 — 127J: ist das Durcheinanderreden der sechs jungen Dinger
auch nicht höherer Ordnung, so gibt es doch ein gutes Bild von
den Nöten der türkischen Mädchen weit: natürlich fehlt es auch
nicht an der Schimpferei auf die Europäer (S. 124).
Wie steht es um die Tendenz des Romans und ihre Durch-
führung? Nach des Verfassers eigner Angabe wollte er politisch
sein, d. h. die Wunde des Russenschmerzes bei den Osmanen offen
halten, wie französische Romanciers den Geist der Rache für 1870
lebendig zu erhalten suchten (vgl. S. 37). Es ist unverständlich,
wie der Verfasser glauben kann, dieser Sache mit seinem Buche
einen Dienst geleistet zu haben. Sein Held, der türkische Offizier
tut alles, um den Leser zu überzeugen, die Lektion, die die Türkei
von Rußland erhalten, sei verdient gewesen; denn sein Verhalten
ist so unpatriotisch und so taktlos wie möglich: wie kann der
türkische Offizier einem Feste beiwohnen zu Ehren eines türkischen
Gebietsverlustes! Nun, er tut es einem Weibe zuliebe und ist in
Zivil. Aus diesem Versteck durfte er aber nicht heraustreten;
unklug läßt er sich durch die Äußerung eines russischen Offiziers
zur Entgegnung hinreißen: der Wortwechsel endet mit vollkommener
Niederlage des Türken, der in seinem Ärger schließlich die An-
gebetete schwer beleidigt. Das ganze Gebaren ist typisch: hoch-
fahrend und kopflos. Nicht einmal Spuren des Interesses für die
großen Probleme des Lebens finden sich bei dem Helden. Chalid
Zij a scheint die schiefe Stellung seines Bewunderers empfunden
zu haben; er rührt nicht an den türkisch-russischen Gegensatz
mit seiner angeblichen deutsch-französischen Parallele; dagegen
redet er ausführüch von dem Motiv des Romans, das der Verfasser
selbst nicht erwähnt: Probleme des sozialen Lebens. Es ist nicht
klar, was er damit meint. Ich kann in dem ganzen Buche keins
entdecken. Die Vernarrtheit eines Offiziers in ein Weib aus einem
feindüchen Volke, wie sie hier dargestellt ist, ist kein Stüek des
78 Hartman 71,
gewaltigen Problems des nationalen Empfindens im Kampfe mit
dem Triebleben, weil die Bedingungen zu einem solchen Konflikte
(AUeinstehen, besondere Reize physischer und geistiger Art u. dgL)
nicht vorliegen; man könnte von einem Problem höchstens in dem
Sinne sprechen: wie überwindet ein unreifer, direktionsloser Mensch
die Gefahren, die ihm im fremden Lande aus den Fallstricken
eines Weibes erwachsen? Aber zu der Lösung ist hier nicht ein-
mal der Versuch gemacht, das Problem selbst ist nicht einmal erfaßt.
Die Komplimente Chalid Zijas wegen der sozialen Probleme
sind leere Reden: empfand er die Dürftigkeit des Inhalts, so durfte
er nicht Lob aussprechen; empfand er sie nicht, so zeigt er eine
bedauernswerte Kritiklosigkeit, Nebenbei: Izzet Melih bekennt
sich zu der fikrl hikäjet „Gedankenerzählung" (Erzählung mit ge-
danklichem Hintergrunde) und hält sein Buch für eine „Probe des
seit dem großen Balzac immer mehr eingebürgerten Stils"; hier
liegt offenbar eine falsche Auffassung vor: Balzac hat ausschließlich
die Sitten seiner Zeit und seines Landes geschildert, ist daneben
tief in die Herzen der Menschen eingedrungen und vereinigte das
Beobachtete zu einem lebendigen wahren Bilde. Wo Izzet Melih
das Leben schildert, da sind seine Personen flach, da ist Pose,
aber keine Natur, weil er selbst Poseur ist und nicht stark natürlich
empfindet. Ob Izzet Melih sich an eine Erzählung Balzacs näher
anschließt oder überhaupt an ein französisches Vorbild, wird sich
kaum feststellen lassen; sein Buch ist der in seiner Seichtigkeit
unpersönliche Romane ohne Note, der sich in allen Literaturen
findet, am meisten vielleicht bei den Franzosen, und der sorgfältig
um alle tieferen Probleme des Lebens herumgeht. In der türkischen
Moderne ist im allgemeinen der Zug zur Erzählung höherer Ordnung
vorhanden (neben der reinen Unterhaltung niederer Gattung, deren
Hauptvertreter Ahmed Midhat ist), und der Milli-Roman zeitigte
eine ganze Anzahl vortrefflicher Schilderungen; in Hinsicht der
Lebendigkeit und des Plastischen stelle ich sehr hoch Chalid Zijas
mawy wesijäh. Mehmed Re'uf wird in der Vita des Meisters Recht
haben mit seinem „Chalid Zija ist der Vater der heutigen Prosa",
mit der Beschränkung: soweit es sich um die Kunst der Darstellung,
nicht um das sprachliche Mittel der Darstellung handelt (vgl. das I
155 f. Ausgeführte),; aber auch für das Künstleriche stimmt diese
Bewertung heute nicht mehr ganz: selbständige und begabte
Köpfe wie Aka Gündüz sind von Chalid Zija unabhängig und
leisten Besseres als er. Hoch über den Banalitäten Izzet Melihs
Dichter der neuen Türkei. jq
0Oe)OO0O0(XXXX>OQ0aXXXM0C<XXXX>>XX10CXXXXXXXXX)^^
steht die kräftige Darstellung und Sprache bei Aka Gündüz (Nr. 25)
in seinen besten Stücken.
"Wenn Izzet Melih die Eigentümlichkeit Balzacs als „Stil" (tarz)
bezeichnet, so ist das, was Chalid Zija mit Izzet Melihs „StÜ" meint,
etwas anders: es ist der sprachliche Ausdruck; auch hier begegnet
dem berühmten Meister der Moderne eine Unstimmigkeit, die sich
nur erklären läßt aus einer etwas unüberlegten Neigung, dem Be-
wunderer Angenehmes zu sagen; er schreibt nämlich dem Stüe
(uslüb oder tarzi ifädf, beide Ausdrücke nebeneinander in gleichem
Sinne S. 8, 18. 19) Izzet Melihs Wundereigenschaften zu und lobt
ihn in hohen Tönen (vgl. S. 38). Dem kann ich nicht beistimmen.
Die Sprache ist nicht ungeschickt, erhebt sich aber nicht über das,
was in solchen Ergüssen gewöhnlich zu finden ist. Der arabisch-
persische Beisatz ist reichlich stark, und man fühlt, daß der Ver-
fasser kein Verständnis hat für das allgemeine moderne Bestreben,
einfach und dadurch ausdrucksvoller zu erzählen. Hier wandelt er
in den Spuren des Meisters. Wenn ich S. 65 sagte: „man muß
es als ein Glück betrachten, daß Chalid Zija nicht Schule gemacht
hat, und daß sein Stil von der jungen Generation durchaus abgelehnt
wird", so halte ich diese Darstellung aufrecht. Izzet Melih ist eine
Ausnahme. Seine Ausdrucksweise ist vielleicht nicht ganz so alt-
modisch-schwerfällig wie die seines Meisters, aber sie arbeitet mit
den alten Mitteln, unter denen die schäbige Eleganz arabisch-persisch-
türkischen Mischmasches obenansteht. Daneben finde ich bei ihm
eine Ungezogenheit, die eine schwere Bedrohung der osmanischen
Literatur darstellt, da sie bei der Abstempelung durch einen be-
rühmten Namen und der Urteilslosigkeit des osmanischen PubHkums
leicht Schule machen kann: die Verhunzung der schönen türkischen
Sprache durch Französeleien, die geradezu antitürkisch sind. Die
Einführung des französischen c^est . . . que ist' leider so verbreitet,
daß Izzet Melih kein besonderer Vorwurf daraus gemacht werden
kann (hält sich doch selbst Halide Edib, die sonst ein feines
Gefühl in sprachlichen Dingen besitzt, von dieser Pest nicht frei;
vgl. mein „Die Verhunzung des Türkischen" in NOI Nr. li — 12
S. 534 f.)- Ich meine vielmehr Wendungen wie: lo^ug qanlylyq aus
französisch sangfroiä (163. 166 u. ö.), blr birwdzden o qadar derin hir
xi^urumla airylyjoruz (172) „wir sind'voneinander durch eine so tiefe
Kluft getrennt", zawä/nri gurturnK q (18;) „sauver les dehors"; für
untürkisch halte ich auch den Gebrauch des . . . raq — Gerundiums
für französisch eomme, das sich aus den meist handwerksmäßig her-
8o Hartmann,
X«)OGOOO0<»0000000C)00000000000000000000000000O0000000000C)0OCXXXXXXXXXX>0C!O0CXXX)O0OC)OCXXXXD<X^
gestellten Übersetzungen französischer Romane in die bessere
Literatur eingeschmuggelt hat; hier besonderes beliebt . . . raq teUqqi
etmek „auffassen als — "; ein unverdorbener Türke würde das kaum
verstehen; auch teleqqi ist nicht zu billigen: häufig tun sich die
Türken etwas darauf zugute, daß sie arabisches Sprachgut ver-
gewaltigen, und daß sogar zuweilen das Verstümmelte von den
Arabern selbst wieder aufgenommen wird; dieses Verfahren ist
unintelligent und unfair. Gewiß, auch die Sprache ist ein Organismus,
der dem Wandel unterliegt; sie soll sich in Freiheit weiterbilden,
soll Angliederungen aus fremden Kreisen vornehmen. Es soll aber
auf eine Art geschehen, daß ihr Geist nicht verletzt wird, daß
nicht Bildungen entstehen, die von jedem echt türkisch denkenden
und seine Sprache kennenden Osmanly als Unstimmigkeiten, Schief-
heiten empfunden werden. Man ist von der faden Nachahmung
des Persischen abgekommen, so wird man auch diese Krankheit
überwinden. Das beste Mittel wird auch hier sein die ernste Be-
schäftigung mit den den Osmanen fast ganz unbekannten Türk-
sprachen, deren Schätze zu heben eine der wichtigsten Aufgaben
der an der Spitze der Türkvölker marschierenden Osmanen ist.
17. Selaheddin Enia [selaheddin enis]
„aus der Familie Ata Bey, einer der vornehmsten Familien Georgiens,
geboren 1308 [beg. 4. 3. 1892], Sohn des Gendarmerieobersten
Enis Bey; einer der besten Novellisten der neuen Generation; er
wirft die schmutzigsten, aber zugleich wahrsten Szenen, die
packendsten Momente der menschlichen Leiden und Freuden mit
treffsicherer Analyse auf das Papier; als glühender Verehrer der
Naturalisten und besonders Zolas beschäftigte er sich mit Fragen,
die die heutige Moral sich noch nicht gefallen läßt; das wenige,
was von ihm publiziert ist, läßt seine Persönlichkeit nicht gehörig
erkennen; seine andern Werke, und das sind die wichtigeren,
konnten mit Rücksicht auf den Zustand der Gesellschaft noch nicht
veröffentlicht werden. Selaheddin ist überzeugt, daß die Literatur
eine Schwester der Wissenschaft ist, und daß jeder Romanschreiber
einige Kenntnisse in Psychologie, Anatomie, den allgemeinen
Krankheiten, Embryologie zum wenigsten in ihren allgemeinen
Grundlagen haben müsse; er beobachtet scharf und erzählt dann
tief und, soweit es möglich ist, unpersönlich; man begegnet ihm
vor den Häusern der Bettler, in den leichenduftenden Korridoren
<
Jaschar Nezihe Hanum
Dichter der neuen Türkei. 8l
ooeoeooooooooooooeoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeeooao
der Anatomie, zuweilen an den Türen der Moschee, in den
Quartieren der unteren Klassen; zugleich ist er Maler: in zwei
Zeilen schildert er die staubige Stille verfallener Quartiere, die
nachdenklichen Störche, wie sie gegen Abend sich auf der Moschee
niederlassen und mit ihren Schnäbeln auf das Dach der grünen
bemoosten Kuppel lospicken, oder eine traurige Herbstnacht in
einem Dorfe Anatoliens. Eine Spezialität Selaheddins ist ein
geistiger Hang zu Dingen, die unsauber sind — ein höchst seltsames
Verhältnis; für ihn entstehen Tugenden und Laster, Reinheit und
Schmutz aus einer gemeinsamen Quelle; sie sind dieselben Dinge,
die sich nur durch die Auffassung unterscheiden; deshalb nimmt
er nicht Anstand, ein Hundeaas, eine Menschenleiche, alles an
einem Bettler bis zum intimsten Kleidungsstück zu betrachten und
zu beschreiben; so sucht er denn auch seine meisten Gegenstände
in den schmutzigsten und ekelhaftesten Momenten; den ethischen
Normen und Auffassungen gegenüber ist Selaheddin ein wenig
gar zu unbekümmert; das ist auch eine der Ursachen, daß seine
Bücher noch nicht gedruckt sind; er ist noch sehr jung, und die
Zukunft hofft viel von ihm." Diese liebevoll ausgeführte Biographie
NSM S. 211 ist von Schehabeddin Sulaiman [siehe Nr. ii], dessen
Urteil hier ein besonderes Gewicht hat, da er nicht den wilden
Neuerern, sondern den Konservativen zugezählt wird. Nicht ohne
Interesse ist, daß Selaheddin Enis aus der völkischen Gesellung
durch die Wahl seiner Stoffe und ihre rücksichtslose Behandlung
insofern herausfällt, als die Georgier, wie mir versichert wird, auf
moralische Sauberkeit, auch in der literarischen Gebarung, den
größten Wert legen. — Bild NSM S. 211. — Die Probe S. 213
bis 218 hlr qadynyn son mektübii „Der letzte Brief eines Weibes", ist
das der Gesellschaft ins Gesicht geschleuderte faccuse einer Dirne,
zu derem Bilde offensichtlich Zolas Nana Modell gestanden hat.
Das Dirnentum ist auch sonst ein beliebter Stoff, vgl. die alles
Glück zerstörende Schühret in Hüsein Rahmis tesädüf, meine Brief*
S. 2 14 f. und die verrückte Bedfa in Ahmed Rasims belki ben
aldanijorum, ebenda 219.
18. Jaschar Nezihe Hanum [jasar nezihe],
„geboren im Januar 1297 [beg. 14. 1. 1882] in einem verfallenen
Hause des Barutchane Jokuschu bei Schehir Emini; sechsjährig
verlor sie ihre Mutter an Schwindsucht; der Vater, ein roher
Urkunden uad Untersuchungen. 3. 6
82 Hartmann,
ooooeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooGoooooooeeooeo
Trunkenbold, erhielt gerade damals eine kärglich besoldete Stelle
an der Stadtwage; die kleine Nezihe trieb sich mit den Jungen
auf der Straße herum; eines Tages erwachte in ihr eine Lernlust,
die beständig zunahm; der Vater hatte nur Ohrfeigen für solche
Gedanken; schließlich ging sie heimlich zur nahen Schule Kapu
Agasy Ibrahim Aga, küßte dem Lehrer die Hand und sprach:
„Herr Lehrer! ich bin eine Waise, geben Sie mir Unterricht!" Der
Vater jagte sie dafür aus dem Hause, und das arme Kind kroch
für ein paar Nächte bei den Nachbarn unter; ein Jahr lernte sie
in der Elementarschule; sechzehn Jahre gingen hin auf einem
Strohlager im Hause des Vaters; 1314 heiratete sie; nach kurzem
Glücke erlebte sie viel Trauriges; von zwei Männern wurde sie
schwer gekränkt. Zum Dichten kam sie durch eine Laune; 1312
[1896] sah sie in Ahmed Rasims Zeitung nui'lümät unter dem Namen
Laila Feride das Gedicht „Niemand fand ein Mittel für diese Wunde",
sie wollte ebenso dichten wie Laila Feride; aber ihre Gedichte ent-
standen nicht bloß aus solcher Laune, noch mehr trieb sie zum Dichten
ihr Leben an, das durch die Hölle geg^angen war; zuerst schrieb sie
unter dem Namen Mazlume [^niazlümc] das Gedicht nieder, das mit dem
Vers beginnt: „Von Liebe verbrannt stoße ich jeden Augenblick
Schmerzensschreie aus"; dann brachte sie in ma''lüinät ein zweites
Gedicht unter dem Pseudonym Mahmure [mahmüre] und ein drittes
unter dem Namen Mahdschure [mahgüre]; als sie sah, daß diese
Gedichte von der Kritik nicht angegriffen wurden, schrieb sie mit
großer Kühnheit weitere Gedichte, und zwar in großer Menge; sie
ist jedenfalls unter allen Frauen die, die die meisten Gedichte
herausg'ebracht hat; ihr Gegenstand ist ihr eigenes Leben, ihr
Unglück, ihre Schicksalsschläge; die Gedichte sind mit großer
Innigkeit geschrieben; ein Gedicht aus 1317 [1901], gedruckt in
der Zeitschrift taraqqi, teilen wir hier mit : das gibt eine gute Vor-
stellung, wie unsere verehrte Dichterin vor zwölf Jahren gedichtet
hat. [Das mitgeteilte Gedicht heißt: iechattur et „Denke dran!" (im
kleinen Sami fehlt das Wort; der große hat es mit der Bemerkung
„im Arabischen hat das Wort ganz andere Bedeutungen, deshalb
ist es ein Fehler", nämlich die Anwendung für „sich erinnern"); ich
teile von den sechs Vierzeilern [in Itezeg mit Gemeinreim für V. 4
und mit Sonderreim für V. 1. 2. 3] Strophe 1 und 6 mit: „Nicht
vergaß ich jenen letzten Treuakt, jene Nacht der Vereinigung /
Nicht vergaß ich jene AugenbHcke, jenen Freudentag / Nicht ver-
giß auch du, mein Geliebter, jenes süße, süße Beisammensein / Jene
Dichter der neuen TürJcei. 83
meine heimliche, heimliche Zwiesprach mit dir — denke dran! —
Strophe 6: Wenn du an jenem Orte auf ein anderes Mädchen
wartest / Dann denke an das Grab einer Unglücklichen, das dort
ist / An die durch Siechtum hingeraffte Freundin, die in jenem
Grabe liegt / Blick' auf den Grabhügel — an meinen Schatten,
denke dran!"; schon Paul Hörn bemerkte die Vorliebe der
türkischen Autoren für die Erwähnung des Friedhofs, Türk.
Moderne, S. 31, vgl. Briefe S. 215.] Von Jaschar Nezihes Gedichten
ist ein Teil in der „Zeitung" für Frauen", in „Sabah", in „Qadyn",
in „Taraqqi", in „Qadynlar dünjasy" und in einer Anzahl anderer
Zeitschriften erschienen; außer diesen ist in letzter Zeit eine Gedicht-
sammlung von ihr unter dem Titel: bir deste menekSe „Ein Veilchen-
strauß" erschienen (nach der anonymen Vita NSM S. 220 — 222).
— Bild: NSM S. 219. — Probe NSM S. 222 f.: rähi ma%set „Der
Weg des Lebens" [mügtett] ist in dem bekannten Klagestil. Ist
auch die Dichterin eine Tochter des Volkes, die nicht wie die
andern weiblichen Größen der Literatur schon in der Kindheit mit
„Bildung" genährt wurde, so sind doch leider ihre Schöpfungen
nicht als volkstümUch anzusehen: sie arbeitet mit dem schwerfälligen
arabisch-persischen Apparat; sie tut es aber so geschickt, und es
ist in ihren Gedichten so viel Individuelles, daß ich sie höher
stellen möchte als manchen von den „berühmten" Dichtern.
19. Mehmed Re'uf [mohammed re'üf],
„geboren 12. August 1291 [25. August 1875] in Stambul; sein Vater
war ein aus Kutahja zum Heere gekommener und in Stambul ge-
bliebener Türke, seine Mutter war Tscherkessin. Die Hand zum
Schreiben regte sich ihm, als er zehn Jahr alt war; mit seinem Vater
ging er in die Theater und las Bücher; da fing er an, Theater-
stücke zu schreiben, dann warf er sich auf die Romane und schrieb,
1 2 Jahre alt, seinen ersten Roman „Schurkerei oder die Seeräuber
der Gascogne", eine Schauer- und Kriminalgeschichte. In der
Marineschule trieb er das schon in der Militärmittelschule ge-
lernte Französisch weiter und lernte das obligatorische Englisch
dazu; nun studierte er Georges Ohnet, Octave Feuillet, Daudet,
Zola, Flaubert und andere Franzosen mit Begeisterung und
begann sie nachzuahmen, wie in seiner Erzählung giinfezä „Die
Reizende". Als Chalid Zija Bejs nümtde erschien, war Re'uf
16 Jahre alt; er war bezaubert; unter den Klassenkameraden
6*
84 Hartmann,
war ein Smyrniot, der in Smyrna Schüler Chalid Zijas gewesen
war; der besaß ein vollständiges Exemplar der Zeitung chidmet,
darin fand nun Re'uf alle Werke Chalid Zijas als Feuilleton: bumidi,
haihät, biv ölünün defteri, ferdi ivesürekäsi und eine Anzahl Artikel;
in seiner Begeisterung richtete er an Chalid Zija ein verehrungs-
volles Schreiben mit Darlegung seiner Lage; so kam es zu einer
Korrespondenz zwischen ihnen; Re'uf schickte dem Meister die
längere Erzählung düsmüs „Gefallen", die in die Zeitung chidmet
aufgenommen wurde; das ist das erste gedruckte Werk Re'ufs.
In Stambul kamen damals Zeitschriften wie resimli gazete und mekteb
heraus; darin erschienen drei oder vier Erzählungen von Re'uf;
1312 [1896] wurde auf Empfehlung Chalid Zijas sein Roman
ghurämi sebäb „Jugendliebe" im Feuilleton des Ikdam gedruckt,
aber, weil gerade damals der armenische Vorfall die Gemüter er-
regte, gar nicht beachtet. Mit Husain Dschahid und Dschawid,
die mit einigen Genossen die Zeitschrift mekteb'^ herauszug^eben
begonnen hatten, machte sich Re'uf persönlich bekannt gelegent-
lich eines Preisausschreibens der Zeitschrift; als Dschawid und
Husain Dschahid mit dem Leiter der Zeitschrift brachen und sich
zurückzogen, trat sie unter die Aufsicht Dschenab Schehabeddins,
und als dieser ein Amt im Hidschaz übernahm, wurde mekteb von
Mehmed Re'uf redigiert. Zur gleichen Zeit hatte in Serweti Funun
die Neue Literatur durch das Zusammenarbeiten von Fikret, Dschenab
und Chalid Zija Gestalt gewonnen; Chalid Zija veranlaßte den Ein-
tritt Re'ufs in Serweti Funun; bis zur Unterdrückung' von Serweti
Funun 1317 [1901] weg^en eines von Husain Dschahid übersetzten,
nach Auffassung der Regierung schädliche Gedanken enthaltenden
Artikels machte sich Re'uf durch zahlreiche literarische Arbeiten
wie Gedichte in Prosa, Erzählungen, Romane, literarische For-
schungen, Kritiken bekannt: er gab den als Feuilleton in Serweti
Funun erschienenen Roman ellvl „September" und einen Band
sijäh ingiler „Schwarze Perlen" mit Erzählungen und Prosagedichten
heraus. Serweti Funun durfte zwar nach nur 15 Tagen wieder
1 Die Zeitschrift mekteb spielt in der literarischen Entwicklung eine Rolle. Die Dar-
stellung hier, daß sie von Husain Dschahid gegründet wurde, ergänzt die Angaben
S. 13, 7; sicher ist, daß Dschenab Schehabeddin die Leitung nach den Begründern
übernahm, sicher auch, daß an seine Stelle Mehmed Re'uf trat; mit dessen Abfall zur
Serweti-Funun-Gruppe war das Schicksal von mekteb besiegelt. In diesem ganzen
Treiben zeigt sich eine Unruhe, ein immerwährendes Modemachönwollen, das der
Literatur nicht günstig war. Bei diesem Haschen nach Sensationen kam niemand zum
ernsten Arbeiten.
Dichter der neuen Türkei. 85
OOOOOOClOCXXXXX)00CXXXX>000OC»000000<X>CXXXXXXXXX>OO0000O0000CSO00O0O00OOO000OO000C^^
erscheinen, aber die Literatur und die Tätigkeit der alten Redakteure
waren gänzlich verboten, und so mußten Re'uf und seine Genossen
bis zur Freiheitserklärung schweigen; nach dieser kam es nicht so
bald zur Aufnahme der alten Tätigkeit; schließlich ließ Re'uf einige
ältere kleine Erzählungen, ihtizär „Todeskampf", ^äsiqäne „Verliebt",
son eniel „Letzte Hoffnung", sowie den als Feuilleton in Serweti
Funun gedruckten Roman fenläji garäm „Der Tag nach der Liebe"
in Buchform drucken; ebenso die neuverfaßten Romane geng qyz
qaU)y „Das Herz des jungen Mädchens", menekse „Das Veilchen" und
die Theaterstücke penge „Die Faust", gidäl „Der Kampf", fevdl
loesürekäsi „Ferdi und Co" [Bearbeitung von Chalid Zijas Roman,
siehe S. 30] und iki qüwet „Zwei Mächte"; von diesen kam menekse
unvollständig heraus, der zweite Teil soll demnächst gedruckt
werden. Nach der Revolution unternahm Re'uf mit einem alten
Freunde die Herausgabe der Frauenzeitschrift malmsiyi; er konnte
aber trotz großer Mühen die Sache nicht aufrechterhalten; es er-
schienen nur die 12 Nummern eines Jahres. Gegenwärtig arbeitet
Re'uf regelmäßig an einigen Zeitungen und Zeitschriften; außer-
dem ist er dabei, als erstes ernsthaftes Werk einen großen Roman
unter dem Titel kähm „Der Alp" zu schreiben (nach der anonymen
Vita NSM S. 225 f.). — Bild NSM S. 224 — Probe in Prosa NSM
S. 227 — 236: „Die alte, alte Geschichte"; der Erzähler wird von
einer Dirne in ihr Haus in Pendik (man beachte, daß die Dirnen-
geschichten gern in asiatischen Vororten Stambuls spielen) gelockt;
er lebt herrlich und in Freuden, wird aber, als die zahlenden Be-
sucher kommen, eingesperrt; beim zweiten Male bricht er aus,
schlägt die Verräterin und ihren Kerl zu Boden; wie verrückt
umherirrend, wird er von der Polizei aufgegriffen und muß das
Erlebnis mit 15 Jahren Zuchthaus büßen (nach französischem
Original?).
Diesen geschickten und fleißigen Erzähler nahm Hachtmann
in sein „Zwanzigstes Jahrhundert" auf (S. 13 — 16), nicht ohne sich
deshalb zu entschuldigen (S, 16): „Re'uf ist von dem neuen Geiste
wenig berührt; da er aber einen großen Namen hat, glaubte ich
ihn nicht ausschließen zu dürfen." Ich möchte eher meinen, er
gehört in eine solche Reihe, weil er an der „Schulen"-Entwicklung
mitgewirkt hat. Als literarische Potenz steht er kaum viel höher
als der Vielschreiber Ahmed Midhat. Vielseitiger als Omer
Seifuddin und Ja*kub Kadri, steht er ihnen an Eigenartigkeit
nach. Er arbeitet mehr handwerksmäßig, ohne sich viel um Theorie
86 Flartmann,
I>OOOCOOOCXXXXXXDOOO0OOC)0OC)0OOO0OOOOO00OOOO0O0OO(X>0O00O0C)O0OO0OOO(XXXXX)O0OOOCXXXXXX)OCXXXJ^^
zu kümmern; während Omer Seifuddin ein feiner Kenner der
literarischen Werte ist, und Kadri instinktiv hochwertige Werke
schafft.
20. Ihsan Ra'if [ihswi ra'if] Hanum.
„Es gibt manche außerordentlichen Personen, die sich einer wider-
wärtigen Umgebung gegenüber durchsetzen; ihre natürlichen Fähig-
keiten kann nichts ersticken; solcher Art ist Ihsan Hanum, deren
Werke ich hier besprechen will; Ihsan Hanüm gehört einer Familie
an, die in unserem Lande sehr bekannt und verehrt ist; sie ist die
älteste Tochter des verstorbenen Senators und Ministers Ra'if
Pascha; als der Pascha Mutesarrif in Beirut war [ich hatte dort
freundschaftliche Beziehungen zu ihm; er war wohl der bedeutendste
aller Mutesarrifs, die ich dort erlebte], wurde Ihsan Hanum dort
geboren; vier Jahre alt kam sie nach Stambul; Ra'if Pascha selbst
konnte als Vertrauensmann Midhat Paschas, der dem scharfen
Blicke Abdul Hamids nicht entgehen konnte, zu jener Zeit nicht
in Stambul wohnen; durch nichts in seinem politischen und privaten
Leben gab er den frechen Verleumdern eine Handhabe; so war
er in keiner Weise politisch verdächtig; trotzdem war er verurteilt,
auswärts zu leben, und, nachdem er in Beirut, Adana und anderswo
Mutesarrif gewesen, kam er in dieselben Städte als Wali und lebte
bald hier, bald dort; die Söhne der Famihe studierten in Europa;
die Töchter begleiteten den Vater; so konnte Ihsan Hanum in
keiner Schule längeren Aufenthalt haben; der Vater widmete sich
selbst ihrem Unterricht, sorgte auch für Speziallehrer; bei dem
Aufenthalt in Nischantaschy genoß sie den Unterricht Sadik Paschas,
in Adana längere Zeit den Danijal Effendis; ich bin überzeugt, daß
dieses Nichtkleben an einer Schule zur Wahrung der dichterischen
Persönlichkeit Ihsans gedient hat; als der Pascha endgültig nach
Stambul zurückgekehrt war, erteilte ich in dem Hause Unterricht
und hatte auch die Ehre, Ihsan Hanum persönlich kennen zu lernen;
bei der ersten Begegnung erkannte ich ihre außerordentliche
Neigung für Literatur und Poesie; schon damals verstand sie aus-
gezeichnet Französisch und sprach es mit Leichtigkeit; hinsichtlich
der Schönheiten und der Nuancen im Ausdruck bei türkischen
und französischen Poesien besaß Ihsan einen außerordentüchen
Scharfblick und einen sich nie täuschenden Takt; sie besaß ein
Heft, in welches sie die Funken ihres Geistes in Gestalt von Poesien
Dichter der tieuen Türkei. 87
ooeoeoooooooooooooooooooooooocxxxMoocxxxxxMooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxxjeeooeo
aufzeichnete; dieses Heft nahmen wir eines Tagfas zusammen durch;
ich hatte nur zu Äußerlichkeiten wie Reim, Versmaß und dergleichen
etwas zu bemerken; die Hauptsache, der Ausdruck war unver-
gleichlich; keine Spur von Künstelei, vielmehr eine ursprüngliche
Einfachheit, dabei Innigkeit. Außer den Gedichten enthielt das
Heft auch Lieder, die die Dame selbst komponiert hatte und von
denen viele in Stambul berühmt geworden sind; ich beschäftigte
mich damals mit Sachen im ^äsyq tarzy „Aschyk-Stil" ^; ich wünschte
die Aufmerksamkeit der Dame auf diese alten Sachen zu lenken;
es gelang mir, und dieser Stil gewann durch die Arbeiten der
Hanum ein neues Leben und Ansehen. Ein Beispiel, wie lebhaften
Geistes und leicht produzierend die Hanum war: eines Tages
sprachen wir von Salome und der Darstellung dieses Weibes bei
den Malern als ein berückendes, aber verräterisches, blutiges Weib;
den nächsten Tag überraschte sie mich mit einem Gedicht, das
höchst eindrucksvoll war [es folgt eine Probe in Fünfzehnsilbern];
als ein Beispiel ihrer Lyrik im Aschyk-Stil führe ich folgendes
an: [Silbenzählung: 6 + 5]: »Im Zauberhain der Liebe — verzehrt
ich mich / In Glut mit einer Tulpe — da schmückt' ich mich /
Mein armes Herz verbrannte — satt trank ich mich / Von ihren
roten Lippen — am Liebeswein 2," Unter ihren im Aschyk-Stil
geschriebenen Gedichten sind sehr schöne Proben der Gattung
Idyll; einige haben zwar die Form der Aschyk-Gedichte, sind aber
vollkommen impressionistisch, wie es bei den Aschyks nicht vor-
kommt, auch nicht nach ihrem Geschmacke ist; so ist das Gedicht
„Sultan Hasan" rein in Aschyk-Art, nach Form wie nach Inhalt;
perller „Die Peris" ist eine Probe davon in j^armaq himhy [„Süben-
zählung"; es ist danebengesetzt „vers libres", das ist aber un-
richtig, denn „Silbenzählung" sagt nichts über den Strophenbau,
und es gibt zahlreiche Gedichte mit Silbenzählung, die korrekt,
d. h. gebunden sind; auch das als Probe mitgeteilte Gedicht ptrtler
kann man nicht zu den vers libres rechnen]; jedoch sie schreibt
diese Sachen nicht mit Bewußtsein: sie ist vielmehr geleitet von
1 Die für die Entwicklung der osmaniichen Literatur wichtige Literaturgattung, deren
Hauptvertreter Aschyk Ömer ['äSyq ^omar] ist, hat, wie wir hier sehen, schon früher
die Aufmerksamkeit denkender Osmanen erregt und übte sogar direkten Einfluß auf die
moderne dichterische Produktion. Ein ernsteres Studium widmete ihr erst der aufmerksam
beobachtende Köprülüzade Mehmed Fuad, der in miUi tciehhüHcr I l eine längere Unter-
suchung '■äiyq iarzy brachte.
* Der Vierzeiler begeisterte Idris Sabih zu dem Gedicht TürTi Jurdu 146, S. 36 15 f.
Er ist ihm vorangestellt mit „I. R." als Verfasser; das ist eben Ihsan Ra'if.
88 Ilartmann,
()OO0eO0O00000000000000O0(>XX)0000O0OO000OO00O000000000OO000000000000000OO000O000(XXXXXX)0CXXXX
dem Rhythmus ihrer Inspiration, und sie zeigt bei jedem Male
einen neuen Schmuck des Ausdrucks und damit eine besondere
Dichtungsgattung. Ihsan Hanum besitzt eine natürliche unerschöpf-
liche Fülle: auch nachdem wir hingegangen sind, wird sie der
osmanischen Literatur weiter ihre schönen Gaben schenken" (nach
der von Riza Tewfik geschriebenen Vita NSM S. 237 — 239). —
Probe S. 240 — 242: pertler „Die Peris" (soeben erwähnt); das ist
ein Hauch: die liebes-, sonne- und wonnetrunkene Schar der Feen
wirbelt herum, um schließlich bewußtlos, in verzücktem Schweigen
hinzusinken — „die in die Wolke gehüllten anmutigen Peris", mit
welchen Worten jede der neun Strophen schließt (von den sieben
Versen jeder Strophe sind 1—4 und 7 Elfsilber, V. 5 Sechssilber,
V. 6 Fünfsilber; V. 7 hat Gemeinreim, außerdem a b a b c c). —
Erst nach dem Drucke des Vorstehenden erhielt die Deutsche Ge-
sellschaft für Islamkunde von Ihsan Hanum ein Exemplar ihres
Diwans göz jaslary; ich berichtete über diese Sammlung kurz in
Welt des Islams IV, 1.
21. Dschelal Sahir [jeM sähir],
„geboren 19. September 1299 (2. Oktober 1883) in Stambul, Sohn
des als Kommandant des Jemen gestorbenen Isma'il Hakki Pascha;
schon in der Schule zeigte der blauäugige Knabe außerordentliches
Talent und mußte an Festtagen Gedichte und Ansprachen vor-
tragen. Damals gaben die literarischen Nachfahren Tewfik Fikrets
und ChaHd Zijas die Zeitschrift seitodi funün heraus. Dschelal
Sahir, der jedem Neuen besonders zugetan war, empfand und begriff
den philosophischen Mechanismus dieser Leute; mit 15 bis 16 Jahren
schloß er sich an die literarische Schule der neuen Meister an; in
der Form folgte er ihrem System, aber in Grundlage und Geist
zeigte er eine getrennte Persönlichkeit: in ihm lebte ein feiner
und kranker Romantismus, lebte die Empfindungsart eines Alfred
de Musset; er war der Dichter der Liebe und der Frauen, aber in
seinen Werken beschmutzt er sich nicht mit Frauen und Liebe,
sie werden vielmehr mit einem Schleier von Poesie und Phantasie
verhüllt; auch er liebte, aber er zerbrach nicht, noch beschmutzte
er; er sagt einmal {rnüzär^): „Werde einmal still in meiner Brust,
du Himmelsgeborene! Streichle zärtlich nur einen Augenbück den
Geist meiner edlen Liebe!" Der Dichter gewann durch die Fein-
heit seiner Werke unter seinen Genossen alsbald große Verehrung,
^
Dschelal Sahir
Dic/itcr de)' nenen Türkei. 8q
coeoeoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocx)OOoooooooooooooooooooooooooocxx>oeoooeo
und auch außerhalb zog er die Aufmerksamkeit aller auf sich.
Natürlich fehlte es ihm nicht an Neidern, die sein Dichten von
Frauen und Liebe gegen ihn ausnutzten und ihm seinen Ruhm
entreißen zu können glaubten; „Warum singst du nicht von Berg
und Tal, von den Blumen, von den Sternen?" [dieser Einwand
gegen den Dichter Dchelal Sahir wurde mir selbst von einem
Dichter der alten Schule erhoben: „Der arme Mann hat sich ver-
loren! Der Dichter soll doch etwas Wirkliches beschreiben, wobei
etwas herauskommt; es gibt doch so viele hübsche Stoffe"; das ist
ganz im Geiste des heruntergekommenen Orients: die arabischen
Dichter des Mittelalters (ich meine das islamische, das bis etwa
1900 gedauert hat) nehmen gern als Vorwurf eine Porzellanschale,
ein Tintenfaß, eine Frucht, die sie mit dem gleichen Witz besingen
wie ein schönes Menschenkind, von dem sie nichts zu sagen wissen,
als daß es vor Dicke sich nicht lassen könne und darum recht
appetitlich sei: von den inneren Qualitäten eines geliebten Wesens,
von einer Seelenharmonie ist nie die Rede]; der Dichter gibt eine
spöttische Antwort; „Was wünscht Ihr, daß ich schreibe?" — „Etwa
ein Veilchen!" — „Schön! hört nur [chafif]: ,Eine frische, be-
scheidene, unschuldige, / von einem Lichtkuß der Sonne / geweckte,
bekümmerte Blume, / eine erstarrte Blüte, die doch Leben hat, /
ein Frauenherz in seiner Schönheitstiefe* — schau, da spreche ich
schon wieder vom Weibe!" [Wir haben zwar nichts dagegen, daß
Dschelal Sahir von Liebe und Frauen spricht, wohl aber sehr viel
gegen den Anspruch, daß sein Gedichtchen türkisch sein soll; es
zählt einundzwanzig Worte, davon sind genau acht türkisch, die
andern dreizehn sind dem Manne des Volkes unbekannt, dem Ge-
bildeten nur verschwommen bekannt.] Als das alte Regiment aus
Eifersucht auch die Federn des literarischen Nachwuchses von Chaüd
Zija und Fikret zum Schweigen verdammte, da mußte auch Dschelal
Sahir äußerlich schweigen, aber in seiner Kammer arbeitete er weiter;
bei Erklärung der Konstitution finden wir in dem Dichter von
Frauen und Liebe eine andere Persönlichkeit, ein anderes geistiges
Wesen; es ist wieder der Dichter von Liebe und Frauen, aber er
ist jetzt menschlicher, nervöser; er sieht das Leben schärfer [die
furchtbare Zeit Abdulhamids mit ihren tägüchen, stündlichen
Schrecken, wo niemand, reich und arm, vornehm und gering, auch
nur einen Augenblick seines Lebens, seiner Ehre, seines Ver-
mögens sicher war, hatte neben dem Unheil, das sie dem Ganzen
und den Einzelnen brachte, einen Segen: es war wie bei einem
go Hartmann,
<)0(»XX300COOOOOOOOOOOOOOOCXX)0000000(X900000000CXXXXX)0000(XX36oOOOOOOOOOOOOOOCXXXXX)000(^^
großen Kriege; viele wurden ernster, sahen Welt und Leben mit
anderen Augen an]: „[Str. i] Du, die du verlogen mir ans Herz
sinkst / Schau, wenn du diesen Schrei ausstößt, bleibt mein Herz
ohne Bewegung / In meinen Augen brennt das Feuer des Hasses
und des Aufruhrs / Jetzt weht in meinem Geiste die Leidenschaft
des Fluches / Steig herab von dem Throne meiner Phantasie!
[Str. 2] Nein! Ich lüge! Wisse nichts von alledem, schlaf re mich
ein! / Ich lüge, komm, liebe mich, streichle mich, schläfre mich
ein / Komm, sinke mir wieder verlogen an die Brust, komm, täusche
mich / Wenn ich nicht ein wenig Liebe und Treue finden kann /
So wül ich in dem Gifte deiner Umarmung Heilung suchen";
welcher Unterschied zwischen diesem Dschelal Sahir und dem von
1315 [1899]! Dschelal Sahir trat in den, 1325 [1909] gegründeten
literarischen Verein fedschri ätl ein und übernahm die Leitung"; er
bemühte sich eifrig um die Bildung der dritten Generation der
Dichterfamilie des serweü funün; die Welt lernte ihn kennen, als er
die literarische Leitung des Blattes hatte. Als die Generation
des jegn ätz sich zerstreute, nahm auch Dchelal Sahir eine besondere
Stellung ein: er trat in die Strömung des türkläk „Tijrkentums"
(Nationalismus) ein [d. h, er wurde von der Gruppe Ali Dschanib,
Ömer Seifuddin, Nermi herübergezogen]; er brachte neue Kinder
der Kunst nach Sübenzählung hervor. Die türkische Literatur-
geschichte wird dem Dichter von hejäz gölgeler „Weiße Schatten",
iijäh „Schwarz" und bithrä?i „Krise" einen besonderen Platz anweisen
müssen." Diese Biographie NSM S. 2 44 f. ist von Schehab eddin
Süleiman. — Bild NSM S. 243 — Probe NSM S. 246 f.: gunün
„Wahnsinn" [chaßf] ist ein wildes Lied, voll Selbstzerfleiscfiung,
ausklingend in „Ach! Mein verwaister einsamer Geist! / Schwarze
Erde! genug! öffne deine Brust" (dieses Gedicht erschien zuerst in
geng qalemler Nr. 11 (vom 22. Okt. 1327/4. November 1911) S. 177).
Die Mitteilung aus New Sali Milli ergänze ich aus meinen
Briefen, in denen ich Dschelal Sahir vielfach erwähnte: Vita,
gelegentlich der von ihm herausgegebenen Frauenzeitschrift Demet,
S. 109. Die Vita bei Hachtmann ist nur eine kurze Zusammen-
stellung. Zu dem Urteil ömer Seifuddins (siehe S. 176, 1 ff.),
der Dschelal Sahir den sensitivsten, feinsten, vollkommensten
Dichter der Türken nennt, aber an ihm das unwillkürliche Kleben
an der älteren Manier tadelt, bemerke ich, daß hier eine Ver-
kennung vorliegt: mit der älteren Manier nach dem Muster Ustad
Ekrems hatte Dschelal Sahir höchstens äußerlich etwas gemein,
Dichter der neuen Türkei. 91
«oooeocoooooo<x300<xjoocioooeoooooooooocxxx»oooooooooc)oooooooooooooooooooc)oooo(xx)oooocxxxxxxxx)^^
sofern er in seiner ersten Periode an der klassischen Form, dem
'arüz, festhielt. Man kann kaum sagen, daß durch die Einlebung
in die neue Gedichtform mit Zählversen eine Wandlung mit dem
Dichter vorgegangen sei, ebensowenig durch den Anschluß an die
Strömung des tärklük „nationalistischen Türkentums", von dem
Schehabeddin Sulaiman spricht und den ich nach persönlichen
Mitteilungen herbeigeführt annehmen muß durch die Einwirkung
der Neusprachler Ali D seh an ib und Omer Seifüddin. Dschelal
Sahir hat wohl gelegentlich diese Wendung poetisch ausgenutzt,
in der Hauptsache blieb er derselbe, und zwar blieb er dem treu,
was man ihm in seiner ersten Zeit als Dekadententum anrechnete
in einem von der bei uns üblichen Bewertung des Wortes ab-
weichenden Sinne. Sein „Dekadententum" besteht nämlich in
nichts weiter als in einer Beschäftigung mit seiner eigenen Person,
die sich in einem immerwährenden physischen und moralischen
Jammerzustande befindet, und dieser Zustand spiegelt sich in Versen,
die keineswegs ausgezeichnet sind durch Geist und Witz: es ist eine
ununterbrochene Heulmeierei, verbunden mit einem Schwelgen in
geistiger Erkrankung: kennzeichnend ist das Gedicht gunün, das
oben besprochen wurde (siehe S. 90). 1917 schreibt er Gedichte
„Aus dem Tagebuch des Verrückten" {Türk Jurdii Nr. 133. 135. 137);
in Türj^ Jurdu 136 kam von ihm „Gegenüber der Natur"; da sind
„Tränen, Tod und Dunkel, Jammer und Kälte"; Schluß: „Ich friere,
ich friere, ich friere"; nicht einmal Dekadenz, nur Weinerlichkeit
(Referat Neuer Orieid I, S. 433).
22. KÖprÜlÜzade Mehmed Fu'ad [köprUlüzäde mehmed fti'äd],
„Ich lernte Mehmed Fu'ad im fe^ri ätz kennen; auf einem
schmalen dürftigen Körper saß ein prächtiger Kopf; dieser schweig-
same zarte Jüngling, der in seinem Wesen etwas Derwischartiges
hatte, flößte den Genossen so etwas wie Mitleid ein; aber bald
sahen wir, daß dieser edle Sohn der Familie Köprülü nicht bloß
zu einem hohen Range als Dichter berufen sei, sondern auch zur
Bedeutung in der Wissenschaft. Ich gehörte zu den ersten, die
an Mehmed Fu'ad glaubten, und ich sprach diesen Glauben in
warmen Worten aus, als sein erstes Werk hajäti fikrlje „Gedanken-
leben" erschien und seitdem hat meine Bewunderung nur zu-
genommen, trotz der Ausstellungen, die ich an seinen Arbeiten zu
machen hatte; daß Mehmed Fu'ad einen zarten Körper hat, daran
gz Ilart/ncwn,
ooeoeofxx)ooooooooeooooo(X)ooooooooooooooooo(XX30oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooccxx>eooo^
ist er selbst ein wenig schuld, denn er hat sich, seit er anfing", seine
literarische Persönlichkeit zu offenbaren, als ein Streithahn auf
geistigem Gebiete gezeigt i; die Hiebe, die er nach rechts und links
hin austeilte, machten anderen, die auf ihren Arm vertrauten, Lust,
ihn auf den Kampfplatz zu rufen; soll man in den Gestaltungen
des Gehirns Vererbung suchen dürfen, so wird man sich an das
„Köprülü" vor seinem Namen erinnern; über diese große Familie
viel zu reden, wäre Vermessenheit; denn sie hat im Herzen des
Volkes eine Weihestätte g'efunden; nur hat bei den mir bekannten
Mitgliedern der Famüie ein Punkt meine Aufmerksamkeit auf sich
gezogen: die vollkommene Ähnlichkeit aller persönlichen Züge mit
den großen Köprülüs, deren Bild wir kennen; es zeigt sich also,
daß die Familie sogar ihre Eigenschaft, Gesetze vorzuschreiben, sich
bewahrt hat; manche Mitglieder der Familie möchte man für eine
nach moderner Art gekleidete Statue des Mustafa l:'azyl Pascha
halten [gemeint ist der berühmte Großwezir unter Sulaiman lU.
und Ahmed IL, gest. 1691]. Mehmed Fu'ad ist jetzt [1918] 28 Jahre
alt; von seiner Familie sind zu nennen Abdullah Pascha, arabisch
schreibender Dichter, und ein türkischer Dichter namens Es'ad
Pascha, den Zija Pascha in seinen charäbät gelobt hat. Mehmed Fu'ad
ist auch von Mutterseite mit einer Reihe von Dichtern verwandt 2.
1 Noch deutlicher ist der Biograph mit: „Mehmed Fu'ad hat sich in der Tat einiger
Versehen schuldig gemacht" (S. 49). Selbst die mildesten Beurteiler lehnen das Vor-
gehen Köprülüs in zahlreichen Fällen auf das Bestimmteste ab. Einer der schlimmsten
■ ist das Verhalten gegen den hochverdienten Ali Emiri, dem wir unter anderem die
Hütung und Drucklegung des köstlichen Schatzes diwäni lughät ettürk von Kaschgari
verdanken. Köprülü zeigte sich von einer blinden Leidenschaft gegen diesen Mann
besessen und bot ein Beispiel des von kleinlichem Zank erfüllten Universitätsprofessors,
wie er auch in Europa gedeiht. Ali Emiri nahm das nicht ruhig hin. Seine Er-
widerung war, daß er in Nr. 4 und 6 seiner Zeitschrift osmanly tärich weedebljät
megmü'asy (vom 30. Juni und 31. August 1334 [1918]) eine boshafte Kritik an Köprülüs
Artikel über das literarische Leben in ^der Periode Mohammeds II. (erschienen in Ikdam
Nr. 6949 und Jeni Medschmu'a Nr. 46) übte. Das Hauptstück bildet darin der
Angriff auf Mehmed Fu'ads Inanspruchnahme des Namens Köprülüzade; es wird
behauptet, daß Mehmed Fu'ad nicht ein Köprülüzade sei, sondern ein Kyblalyzade
[qybkdyzäde]. In den besseren Kreisen Stambuls gilt es nicht für anständig, sich mit
iachsljät „Personialia" zu beschäftigen. Hier wurde diese Heranzernmg des Persön-
lichen erwähnt, weil sie einen Blick gewährt auf die Bedeutung, die in gewissen Kreisen
dort immer noch dem Sippentum beigemessen wird. Es ist kein Zweifel, daß der hoch-
mütige und verletzende Ton Köprülüs hauptsächlich zurückgeht auf die Falschwertung
der Abstammung.
» Die Heranziehung de» Blutgesellungmotivs hier ist ein Stück der soziologischen Be-
trachtungsweise, deren Verbreitung bei den Osmanen, namentlich unter dem Einflüsse
Dichter der neuen l^ürkei. 03
Von den von ihm im Alter von fünfzehn, sechzehn Jahren
geschriebenen Gedichten sind einige nach der Revolution in Zeit-
schriften wie mahäsiti, terweti ftinün und niuhU gedruckt.
Der Biograph durfte nicht versäumen, das Gedicht zu nennen,
das wohl die poetische Hauptleistung Köprülüs darstellt, und das
in der Tat durch die Stimmung, von der es durchweht ist, und
durch den packenden Ausdruck dieser Stimmung eine starke
Wirkung auslöst: tärk du'äst/ „Das Gebet des Türken" (Türk Jurdu
n, S. 289 — 296. 324 — 328): Ein alter Türke klagt dem Himmel
den elenden Zustand der Türkenwelt; seine Verse, ein „Ruf vom
Himmel i" und Gesang (darunter ein altes Türkenlied) [müzäri^ und
¥i.\irz-rHbäH] wechseln miteinander ab. Die Stimme von oben und
der Gesang verborgener Wesen trösten ihn zum Schluß; jene ver-
steigt sich zu der Voraussage: „Die ganze Welt eilt zur Schwelle
des Türkenkaisers", die uns am Ende dieses Krieges besonders
seltsam anmutet. Bei näherem Zusehen zeigt sich das Ganze mehr
als ein geschicktes Mosaik bekannter Gedanken, die hier in Aruz und
altertümlich steifer Sprache vorgetragen werden, während sie bei
MehmedEmin in einfacher Silbenzählung und in einer natür-
lichen herzlichen Ausdrucksweise erscheinen. Bei Köprülü klafft
zwischen dieser Gedankenwelt (auch „Turan" fehlt natürüch nicht),
die auf freies Türkentum zielt, und der persisch-arabischen Sprach-
sklaverei ein Abgrund. Die Unfähigkeit Köprülüs, sich sprach-
lich von dem alten Wust zu emanzipieren, wirkt um so stärker,
als er grundsätzlich in das Lager der jenüisängiler „Neusprachler"
übergegangen ist (vgl. hier S. 107).
Geboren ist Mehmed Fu'ad 1306 [1890]; mit 17 Jahren trat er in das
Merdschan-Gymnasium ein; er selbst schrieb mir, er sei im letzten
ZijaGökAIps so erfreulich ist. Die Verbindung mit Personen literarischer Betätigung
durch die Mutter ist nicht ohne Bedeutung. Die Erwähnung eines Es'ad Pascha, der
hier in Betracht käme, habe ich in den charäbät nicht gefunden.
1 Die Stimme von oben (Ruf, Laut) spielt in der türkischen Poesie eine große Rolle:
immerwährend begegnen wir dem ses {sesler); namentlich die volkstümlichen Dichter
wie Mehmed Emin verwenden das Motiv mit Vorliebe, in Gedichten und auch in
Titeln. Es darf nicht zu viel dahinter gesucht werden ; es dürfte bei den sonst nüchternen
Türken fremder Import sein, und seine Beliebtheit geht wohl viel mehr auf die Neigung
zurück, durch ein einfaches Mittel eine große Wirkung auf naive Menschen zu erzielen,
als auf ein mystisches Innenleben. Sicherlich ist diese Art Stimme scharf zu trennen
von den Gespensterstimmen (die Welt der Gespensterfürcht ist Gegenstand, ersichtlich
auf Grund liebenvollen Studiums, in der Erzählung ghüli jäbäni von Hüsein Rachmi
(Konstantinopel 1330 [191 4]).
94 Hartmann,
IXX)OOGO<XXXXXXDOO(XX>OOOC»CKXXXXXXXXXX50<X)CXXXXX)OOCXX)CK300000^^
Jahre des Schreckensregimentes in die Rechtsschule eingetreten;
er habe aber wegen der Unfähigkeit der Lehrer und der Seltsamkeit
des Unterrichts keinen Geschmack an dem Studium finden können;
gedruckt sind v^on ihm das mit einem Kameraden aus dem Franzö-
sischen Le Bons übersetzte ruh algamä''ät [Psychologie des faules,
igog), ferner ein großes historisches Werk „Selim III. und
Napoleon" (Übersetzung) und das „Gedankenleben" (siehe oben),
eine Sammlung kritischer Artikel; er selbst liebt und schätzt .am
meisten folgende Arbeiten, die zuerst in verschiedenen Zeitungen
und Zeitschriften erschienen: „Empfindsamkeiten der Kunst",
2 Bände; meniji meläl, eine Anthologie; eine große Untersuchung
über Schaich Ghalib [aus diesem mittlerweile im Druck erschienenen
Werke ist Probe 2 entnommen]; „die Volksliteratur der Türken"
(Forschungen zur türkischen Literaturgeschichte, 2 Bände); Mehmed
Fu'ad hat sich zwar in der Tat einiger Versehen schuldig g^emacht,
verdient aber wegen seines Wissensdurstes und seiner unermüdhchen
Tätigkeit warme Anerkennung" (nach der Biographie Fazyl Ahmeds
[siehe Nr. 6] NSM S. 252 f.) — Büd NSM S. 251 — Proben NSM
S. 254 — 257: 1. Aus „Abende von Sa'dabad" [mftgtett]: phantastische
Schilderung eines Nachtfestes, das plötzlich eine Störung erfährt,
so daß der arme Dichter, den Becher in der Hand, stirbt mit dem
Ausdruck der Enttäuschung; 2. „Schaich Ghalib, der Neuerer-
Dichter": will den Unterschied zwischen dem bekannten Ghalib Dede
[gestorben 1213/1798] und den Früheren nachweisen und ihm den
Vorzug der Originalität sichern; zum Schluß wird aber zugegeben,
daß sein hüsün ioe!'asq sich in der Form von Fuzulis lailä wemegnün
nicht unterscheidet, und daß GhaHb, wenn er sich hätte von dem
Joch der persischen Literatur befreien können, schon damals Neue-
rungen Abdulhakk Hamids hätte zum Teil einführen können.
— Zu der Vita ist hinzuzufügen, daß Köprülü Professor der
Türkischen Literatur an der Universität Konstantinopel ist. Die
Arbeiten Köprülüs wurden im Laufe der Jahre so zahlreich und
mannigfaltig, daß hier auf eine Aufzählung verzichtet wird. Es sei
nur hingewiesen aus dem Kreise seiner literarhistorischen Arbeiten
auf sein gTundlegendes 'äMq tnrzy „Der Aschik-Stil" in millt tetebhii'ler
nieginü'asy I, S. 5 — 46 (mein ausführliches Referat darüber in
Islam VIII, S. 305 ff.); er kündigt darin ein größeres Werk an:
„Einleitung in die Geschichte der Türkischen Literatur". Literar-
kritisch ist sein MaHwnäti edelnje eine Stillehre, die sich hauptsäch-
lich an das in Frankreich weniger g^eschätzte, unter den Türken
Dichter der neuen Türkei. nc
ooeooooooooooooooeooooooocxxxxxioooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooaooocxxx)^^
sehr verbreitete JJait iVeerire von Antoine Albalat anzuschließen
scheint (vgl. Ha cht mann Kultiireinßnsfie S. 14). Aus seinen politisch-
soziologischen Arbeiten nenne ich: Utrklük islainlyq osmimlylyq „Tür-
kismus, Islamismus, Osmanismus" (Türk Jurdu m, S. 692 — 702, wurde
wohl hervorgerufen durch Zija Gök Alps türklehnek, is/amlasmaq
mii^äsyrlasmas „Türkisierung, Islamisierung, Modernisierung" in Türk
Jurdu II und III [ausführlich wiedergegeben von mir in MSOS II,
S. 136 ff.].
23. Ali Dschanib ['all gäniU].
[299] „Langsam begann die nationale Literatur zu erwachen, das
heißt: wir gelangten zu dem Glück, literarische Äußerungen in
Poesie und Prosa in dem von uns gesprochenen reinen, einfachen,
schönen Türkisch zu lesen; „jede Nation lebt in ihrer Sprache";
die Sprache ist so heilig wie das Vaterland; unser tatsächliches
Vaterland ist die Türkei, unser nationales Vaterland ist das ganze
Turan; wie wir nicht wünschen, daß sich in Turan fremde Feinde
befinden, so wollen wir auch in unserer Sprache keine nicht
turkisierten Fremdwörter, keine fremden Regeln haben. Die Alten,
die nationalen Stolz, nationales Selbstgefühl nicht besaßen, gerieten
nicht in Zorn über die Nichtturkisierung in unsere Sprache ein-
gedrungener Fremdwörter, über die Herrschaft fremder Worte
und fremder Regeln; die erwachende türkische Jugend wurde
zornig über diese Herrschaft, denn sie liebte ihre Sprache wie ihre
Nationaütät; sie wollte unter dem Namen jeni lisän „Neue Sprache"
das wirkliche Türkisch, die von uns gesprochene schöne und
harmonische Sprache auf den Plan bringen, sie wollte jene alte
mosaikartige, dunkle Literatursprache, die ein Andenken der nicht
nationalen höfischen Literatur ist, aufgeben. Die Sprachwissenschaft
lehrt, daß eine Sprache, die unter dem Namen „Osmanisch" aus
arabischen, persischen und türkischen Wörtern und Regeln zusammen-
gesetzt ist, nicht eine wirkliche Sprache sein kann ; Schemsuddin Sami^
1 Schemsuddin Sami ist der berühmte Albaner aus der alten Sippe Frascheri, der
die Zeitgenossen weit überragte an Fähigkeit zu ernster wissenschaftlicher Arbeit und
an Zähigkeit des Forschens und Sammeins. In seinem qämüs aVaHäm und in dem
qämüsi turki hat er sich unvergängliche Denkmäler gesetzt, geschaffen unter den
widrigsten Verhältnissen und schwer beeinträchtigt durch die Verratriecherei. Seine
Stärke lag nicht auf rein literarischem Gebiete; er besaß aber ein sehr feines Sprach-
gefühl, und er versäumte nicht, die Tat Mehemed Emins durch die türkge H'irler
freudig anzuerkennen {Briefe S. 90).
gö Hartmann,
O0©0CG00OC»0O(XI0O*XX)O00O00O0CX50000000000000000CKXXX)00C)CXXXXXXXXXXX^^
hat das wiederholt gesagt und dazu bemerkt: „Das ist der gött-
lichen Ordnung zuwider"; die jungen Männer, die sich bewußt
waren, welcher Nationalität sie angehörten, bestimmten die von
ihnen angenommene neue Sprache, dieses wirkliche, schöne, reine
Türkisch in folgender Weise: i. Arabische und persische Zusammen-
setzungen und Plurale sollen nicht gebraucht werden; Kunstaus-
drücke und Plurale, die an Stelle des Singulars gebraucht werden,
sind ausgenommen, wie sadri a'^zem, achläq, käHndt. — 2. Außer den
turkisierten und in die Sprechsprache aufgenommenen Partikeln
wie ammä, säjed, jdrä, läkin sollen keine arabischen und persischen
Partikeln gebraucht werden. — 3. Im Türkischen soll die nationale
und einfache Grammatik als herrschend anerkannt werden; die
Sprechsprache, das von sehr vielen Türken verstandene feine und
süße Stambultürkisch soU in Poesie und Prosa als Vorbild und
Maß für die Schönheit der Sprache anerkannt werden 1. Man wollte
direkt auf das natürliche Türkisch, das in der Umgangssprache
üblich ist, zurückgehen, aber weder die Puristen {iasfijegller)^ noch
die Schönredner der höfischen Literatur waren damit zufrieden.
Man sagte: „Das ist nichts Wichtiges; solange arabische und persische
Wörter bleiben, gibt es zwischen der alten und der neuen Sprache
keinen so großen Unterschied." Nun gab es aber doch einen großen
Unterschied: Schinasi und seine Nachfolger entfernten aus dem
Türkischen nur [S. 300] die erklärende Wiederholung [^atß tefiflrl]; die
Sprache Nergisis [nergis lisänl^] lebte immer noch; die arabischen
und persischen Zusammensetzungen störten immer noch die Voll-
kommenheit der türkischen Konstruktion; Schriftsprache und Sprech-
sprache waren voneinander verschieden; die Neusprachler bemühten
1 Dem Stambultürkisch (Istanbul türkgesi) widmete Ömer Seifuddin einen lehr-
reichen Sonderartikel in Turan Nr. 1451 vom 10. 11. 1915; er wurde alsbald von
Friedrich Schrader in deutscher Bearbeitung im Osmanischen Lloyd gebracht.
• tasfijegiler kann hier nach dem Zusammenhange nichts anderes bedeuten als
„Puristen" in unserem Sinne, nicht „Sprachreiniger" in dem älteren Sinne wie ihn
Karl Foy nachwies in seiner Arbeit „Der Purismus bei den Osmanen" MSOS 1898
Abt. II S. 20 ff. ; diese Stelle ist ein sicheres Zeugnis für meine Ausführung Briefe
S. 47 und dazu Anm. 38 S. 199 f.
' Der Text h^t wirklich nergis lisäni; ich trage kein Bedenken nergisi einzusetzen; in
dem Gespräch mit Türken wurde mir Nergisi als der Autor genannt, dessen Sprache
wegen ihrer Verzwacktheit selbst Gebildeten nicht immer verständlich ist. In Hakki
Isma'ils Büchlein über Nadschi wird auf ihn exemplifiziert für die Schnelligkeit, mit
welcher es oft mit der Klassizität aus ist: „Nergisi galt den Zeitgenossen für einen
fähigen Klassiker; man beachte nur, welche Kritiken er erfuhr, che noch viel Zeit ver-
gangen war" (S. 98, 7 ff.).
Dichter der neuen Türkei. gy
O0<»OOO0O0O0OOO0080O00000<XXXX»C)00000000000000000000OOOO0<XXXXXXXXJ0(X3O0000000OOO(X^^
sich, die Herrschaft und Vollkommenheit der türkischen nationalen
Konstruktion zu gewährleisten; den Puristen erwiderten sie auf
deren Einwendungen: jede Sprache ist nicht aus ihren Wurzeln,
sondern aus ihren Sprachbesitzen zusammengesetzt; jedes arabische
und persische Wort, das in das Türkische aufgenommen wird und
dessen Sinn das türkische Volk kennt, ist türkisch, so ist z. B.
ein Wort, das vollkommen bekannt ist, wie ätes türkischer als ein
wurzelhaft türkisches Wort wie od; heute sagen wir nicht od wie
ihr, wir sagen vielmehr ätes, denn die Türken haben den Sinn dieses
Wortes gelernt und haben es sich angeeignet; das was in der
Sprache wirklich fremd ist, das sind die arabischen und persischen
Zusammensetzungen, Pluralaffixe und dergleichen; so ist z.B. me^mürlni
huküinet nicht türkisch, es ist höfisch, dagegen hukümet me'mürleri ist
türkisch, denn die Worte hukümet und me^mür sind in das Türkische
eingegangen; was fremd ist, ist nur die fremde Verbindung, ebenso
ist ^asäkirt 'otmäntje nicht türkisch, dageg^en ist ^otmänly ''askerleri aus-
gezeichnetes Türkisch. Wenn wir die fremden Konstruktionen,
die in die gesprochene natürliche Sprache nicht aufgenommen
worden sind, aus der Literatursprache herauswerfen, werden auch
die überflüssigen und fremden Wörter in unsern Büchern nicht
leben können; sie werden sich davonmachen wie ein Fremder, der
ohne Kapitulationen geblieben ist; so werden wir z. B., wenn mit
den fremden Konstruktionen aufgeräumt wird, nicht sagen können:
sengt mezär; wir werden auch nicht mit türkischer Wendung sagen
können: mezär sengi; denn das ist gegen unser Sprachgefühl; wir
werden mezär tasy sagen, denn mezär und tas sind türkische Wörter
ohne Unterschied, und wir werden verstehen, daß das Wort seng
in unserer Sprache, wenn es ein tas gibt, und wenn zwischen seng
und tas kein Unterschied besteht, nur dank der fremden Konstruktion
und unter ihrem Schutze ein Leben gehabt hat. Kurz, die Neu-
sprachler wollen einzig die Herrschaft der türkischen Grammatik
sichern und überlassen die Reinigung der Sprache von nicht-
türkischen Wörtern, seien sie nun nötig oder unnötig, der Natur,
dem Geschmack und der Billigung der Nation; sie gehen nicht,
wie die Sprachreiniger, darauf aus, Leichen zu beleben; nun sahen
sie aber außerdem noch die höfischen Schönredner gegen sich,
die also sprachen: „Diese Jungen wollen eine Sprache gründen;
eine Sprache kann man aber nicht gründen, sie gründet sich selbst;
ferner wollen diese Neuerer eine Anzahl Regeln einführen, während
doch einer Sprache von außen und als Unternehmung einiger
Urkunden und Untersuchungen. 3. 7
g8 Hartmann,
00G»XXXXX30<XXXXXKX)0000C)O<XXXXXXXXX»0000CXXXXXXD0CXXX>0(X)0000C)C>00000CXXX^
Personen Regeln 'nicht aufgezwungen werden können." Darauf ist
zu erwidern, daß die Neusprachler gar nicht eine Sprache gründen
wollten, ihr Ziel war ja nur, das natürliche Türkisch, das seit Jahr-
hunderten gegründet ist und im Umgang gehandhabt wird, zur
Literatursprache zu machen; die Beobachtung lehrte sie, daß in
dem gesprochenen Türkisch die Sätze sehr kurz sind und erklärende
Wiederholungen sich nicht finden; arabische und persische Kon-
struktionen und Pluralformen werden beim Gespräch nie angewandt,
das' Volk entstellt sogar amtliche Fachausdrücke wie müläzimi ewwel,
müläzimi tarn und konstruiert nach türkischer Grammatik [S. 39 1 ]: ewwel
müläzim, tänl müläzim. Ferner wollten die Neusprachler gar nicht
eine Anzahl Regeln einführen, sie wollten nur die arabischen und
persischen Konstruktionen und fremden Partikeln, die von den
Höflingen gegen Natur und Geschmack des Türkischen mit Gewalt
eingeführt worden waren und vom Volke nicht aufgenommen worden
waren, beseitigen; wenn die höfischen Schönredner genauer zu-
sähen, so würden sie begreifen, daß sie, indem sie über das ge-
sprochene, natürliche, schöne, reine, feine Türkisch hinausgingen,
die Unnatürlichkeit ihrer eigenen unnationalen Schreiberei und
Literatursprache auf den Plan brachten. Kurz, die Wahrheit marschiert
und nichts hat sie halten können; wer nur ein wenig sich mit der
Wissenschaft von den sprachlichen Dingen [lisämjät H/nii] beschäftigt
hat, der hat das Unpassende und die Sinnlosigkeit der alten, aus
Arabisch und Persisch zusammengesetzten bunten höfischen Sprache
begriffen. Die Sehnsucht nach einer nationalen Literatur hat auch
den Anspruch auf die Herrschaft des nationalen Wortes ins Leben
gerufen; allmählich werden die unter uns noch vorhandenen Reste
der Hofsprache 1, wie die unsere Sprache verderbenden und sie
1 Hofsprache: im Original enderün lisäny, häufig findet man dafür, mit einem verächt-
lichen Nebensinn: enderün argösy „der Jargon des Hofes" (vgl. S. 299, 25 enderün
edebljäty fasähatglleri „die Schönredner der höfischen Literatur" hier S. 34, 37). Die
Konstruktion wird richtig sein; die unnatürliche Ziersprache vv'urde zuerst am Hofe ge-
pflegt, und von dort aus drang sie durch das Hofgesinde, das bei Besetzung der Ämter
vorgezogen wurde, in die Effendikreise, die diese Sprache dann auch im täglichen
Leben anwandten. Indem nun die Hofpoeten, Hofhistoriographen usw. den üblen
Instinkten schmeichelten, wurde der Hofkreis in seiner Sprachverderbnis bestärkt. Da-
neben geht übrigens noch ein besonderer Jargon in der kaiserlichen Familie her; so
wenigstens versicherte Abdulhamid einem deutschen Staatsmann, der eine ausgezeichnete
Kenntnis der türkischen Dinge besitzt und mit dem sich deswegen der Padischah über
solche Dinge unterhielt. Die neue . Zeit bringt auch hier Wandel: heute fragt kein
Mensch danach, wie der Padischah, die Prinzen und Prinzessinnen sprechen, vielmehr
haben auch diese sich nach dem zu richten, was die islamische Gesellschaft gnindsätz-
Dichter der neuen Türkei. 99
CXDOOOC«XX)OOOOOO0000(XXXXXXX)0OCXXXXXXXXXXXXX)CKX)00000O000000000000^
erschwerenden Zusammenstellungen wie maj, mahbüb und säql ebenso
verschwinden wie die Reimprosa. Wenn sich die neue Sprache
gut ausbreitet, so wird auch das türkische Tedschwid [tegw^d], das
die Schönredner immer zu zerstören trachten, wieder beseelt werden
und wird jedes in das Türkische aufgenommene Wort unserm
Genius anpassen; z. B. wenn türkische Wörter leicht anfangen, so
müssen sie leicht ausgehen, wenn schwer, dann schwer, wie järä,
pärä, chasta, düsman; wenn nicht fremde Zusammensetzungen vor-
Hegen, werden wir nicht sagen können: järäH higrän, chasta'i firqat,
däsmani din; wir werden vielmehr sagen Idgrän järäsy, firqat chastasy,
dln dühnany und so unsern türkisch-nationalen Wohlklang nicht um
arabischer und persischer Redeweise willen zerstören. Nun haben
wir Ali Dschanib Bej, der uns zum ersten Male schöne Poesien
in dem von uns gesprochenen, reinen, von Zusammensetzungen
freien, natürlichen Türkisch, in der Neuen Sprache schreibt! Ich
will seine Kunst und einige seiner Stücke analysieren; ich mußte
aber, um meinen Lesern die Schönheiten in seinen Dichtungen zu
zeigen, ein wenig von der Neuen Sprache sprechen. Ali Dschanib
hat die Gegenstände der nationalen Literatur in unserem Lande,
in der von uns gelebten Umwelt gefunden; ich glaube, daß er der
Vorschrift Albalat's: „um gut zu malen, d. h. um das Gefühl der
Natur zu geben, muß man nach der Natur vorgehen", nicht fremd
geblieben ist. Da ist ein kleines Gedicht von ihm, das ich am
liebsten habe, das ich tiefer gefunden habe als die tiefsten Gedichte:
„Die Straßenlaterne" (zuerst gedruckt in geng qalemler Nr. 15, 54,
datiert Jalylar 6. 1. 1327 [13. 1. 1912]); es heißt: „Die Furcht, die
aus einem toten Glase weint, / Sinkt herab in eine elende und
leere Nacht, / Das Pflaster ist ganz Schweigen, Schlaf, / [S. 302] In
jeder Mauer, in jeder Höhlung fleht jetzt / Und weint ein großes
Auge: / „Möge endlich einmal dieser geheime Zweifel gesagt
werden" / Ich fürchte mich, Chaosse verbergen sich . . . / „Da ist
ein Blatt, lies! / In meinem gelben Schatten ist ein krankes Herz."
/ So spricht die Furcht, die aus einem toten Glase weint." [Un-
zweifelhaft ist es dem Dichter ernst und auch seinem Kritiker;
freüich, wer nicht Impressionist ist, ist geneigt zu lächeln : es handelt
sich um ein Durchgangsstadium.] Diese Straßenlampe ist nicht
lieh immer als Gesetz nächst dem göttlichen anerkannt hat: das örf^ d. h. das soziale
Gewissen; daß auch das „Heilige Gesetz" nur eine Erscheinungsform dieses ist, beginnt
erkannt zu werden, und Zija Gök Alp hat als erster den Mut gehabt, es öffentlich
auszusprechen.
7*
loo Hartmann,
OOGOOO0OO0<XXX)G00O000C)0OO00CXXXXXX)OOC<XXXXXXXX)0OOOO0OO0O0OCXXXXXXXXXXXX30O0<XXXXXXXXXXXX>^^
eine Straßenlampe, wie man sie in Frankreich, Deutschland, Eng-
land sieht, ist nicht eine Luxlampe, eine elektrische Lampe; es ist
ein Straßenlämpchen in unserem armen Türkenlande. Zehn Zeilen,
zehn kleine Zeilen, aber darinnen lebt der Geist eines armen Türken-
tums, des armen, bekümmerten Türken tums von heute; achte einmal
auf die Petroleumlampen in unsern einsamen alten Straßen: ist
dieser Schein nicht: „Furcht, die aus einem toten Glase weint?"
Ja, eine Furcht, die jahrelang nicht weggewischt ist, rinnt aus einem
vergilbten Glase; schau einmal auf das Pflaster in diesen elenden
Nächten: welches Schweigen, welchen Schlaf birgt es! Dieses
kranke Licht, das in dieser elenden Nacht weint, kann gar keinen
Ort erleuchten. Wende dich langsam den Mauern zu, in allen ist
gleichsam ein verborgenes Auge, das um das endliche Aussprechen
dieses ewigen geheimen Zweifels des Orients fleht. . . Da fürchtest
du dich, auch dich, hat die geistige, geheimnisvolle Fessel des
Orients gebannt ... du fürchtest dich, die Chaosse, die deine Um-
gebung ergreifen, verbergen sich; da bleibst du wieder aUein mit
der „aus einem toten Glase weinenden Furcht", und diese spricht:
„Da hast du ein Blatt, lies, in meinem gelben Schatten ist dein
krankes Herz", ja, du bekümmertes Kind des bekümmerten Türken-
landes von heute, in diesem schrecklichen Blatte ist dein krankes
Herz, lies! . . . Das ist ein Gedicht, ganz nach der Natur , . .,
„nach der Natur" bedeutet in der Poesie, daß Ausdruck, Vergleich,
Tropus nicht abstrakt, sondern konkret sind. Man lese Chalid Zija,
ja, ganz besonders Chalid Zija: aUe seine Vergleiche, alle seine
Bilder sind abstrakt, das heißt, er macht seinen Vergleich um des
Vergleichs willen; auch bei Fikret ist es so, z. B.: Das Kind ist in
jener seiner Verwaistheit eine reine Perle — die Frau ist in jenem
ihrem Verfallzustande eine zerbrochene Muschel. Woher soll denn
das Kind eine „reine Perle" sein, oder die Frau eine „zerbrochene
Muschel"? Ist dieser Vergleich „nach der Natur"? [S. 303.] Sicher-
lich nicht! Es gibt aber ein berühmtes Klischee mit dxirri jeüm
„reine Perle" Dschewdet Pascha hat sich doch in seiner belägheti
^osmänlje „Osmanische Redekunst" über das „Vergleichungsmoment"
ausgesprochen . . . das arme Kind ist eine Waise; der eifrige Dichter
vergleicht es mit einer Perle; natürlich muß, wenn einmal „Perle"
geschrieben ist, wie bei Rose und Nachtigall, gleich die Muschel
hinterher kommen. Da haben wir die höfische Literatur! Ali
Dschanib will sich und zugleich unsere nationale Literatur von
dieser Klischeewirtschaft befreien; er hält sich an das Wort
Dichter der 7ieuen Türkei loi
OOOOOOOOOOOOCKXXXXXXXXXOOOOOaXXXXXXXXIOOCXXJOOOOOCOOOCKXXXXIOCOOCX
Maupassants: „Jedes Wort hat seinen eigenen Geist" ... Ja, die
Worte haben ihren Geist, und diesen Geist muß man suchen; ferner
muß unser Ausdruck ganz und gar „konkret" sein; Spektakel und
Trompetenstöße braucht man nicht; unnötig Blätter vollschmieren
soll man nicht; man soll nicht die Wortgruppe nächudäji clmdänäsinäs
„der gottlose Kapitän" [hier ist ein entstellender Druckfehler:
hndä statt clmda; es scheint den türkischen Setzern fast unmöglich
zu sein h und ch auseinanderzuhalten; auf Jeder Seite finden sich
Falschschreibungen], wie es bei Sulaiman Nazif heißt, für Literatur
halten . . . man denke noch einmal an die Straßenlaterne: jenes
Glas, das der alte und faule Laternenanzünder jahrelang nicht ge-
putzt hat, ist „tot"; es ist gar nicht nötig, dazu eine ganze Zeile
Wörter aufzustapeln wie „voU von stäubendem Staube"; man braucht
auch nicht das kümmerliche Licht durch ein Klischee wie die „letzte
Hoffnung der Jugend" verständlich zu machen; man achte auf
dieses Licht, was ist es? „Ein Schrecken" . . . nicht wahr, ist das
nicht ein Schrecken? — Tewfik Fikret ist in der Dichtkunst eine
Autorität, jedoch in der osmanischen Dichtkunst; er bemühte sich
um die vollkommene Zusammenschweißung von Metrik und höfischer
Sprache, und es ist ihm vollkommen gelungen; nur eins, und zwar
etwas Wichtiges, hat er vernachlässigt: um den zihäf d. h. dem
Fehler, kurz zu lesen [durch Weglassung eines Dehnungsbuchstabens]
nicht Raum zu geben, hat er, wie alle Dichter vor ihm, die eine
Sübe in den arabischen und persischen Wörtern mit Dehnung in
zwei zerlegt und dadurch eine Verlängerung hervorgebracht, wie
in dem Verse: jüznnde gölgesi meshüdi cekdiji mihanin [Versmaß: mügiett
wie bei Rückert, Poetik S. 387, 3. Form dieses Versmaßes] „In
seinem Antlitz wurde bemerkt der Schatten der von ihm ertragenen
Leiden"; wie übel ist hier das //z^s/mc? auseinandergezogen 1 Würde
es kurz gelesen, so wäre es noch schlimmer, denn es ist nun einmal
ein arabisches Wort . . . ferner gibt es in unserem Stambultürkisch
eine feine kleine Dehnung; was soU man also tun? Ali Dschanib
findet es: qtddyrymlar bütün suküt iijqu . .. man sehe, hier ist das Wort
auküt, das lang gelesen werden soU, nicht kurz gelesen, die leichte
Dehnung des Türkischen ist gewahrt; jedoch nicht wie die fremde
Dehnung in dem meshüd Fikrets . . . was tut er? Die arabischen
und persischen Wörter mit Länge bringt er im Akkusativ oder
als Regens in einem Genitiv-Verhältnis, oder nach diesen Wörtern
ein Wort mit Elif [wie in siiküt ujquj. Ali Dschanib paßt den Genius
des Türkischen sogar dem Metrum an [das Gedicht „Die Straßen-
102 Uartmann,
OOOOC)CXXXXXXX>0<X)OGOOOC)(X)OOOOOOOOOOCO(XXXXXX>CKXK^
laterne" ist in chaflß; das ist ein Erfolg, der ihm allein angehört;
Tewfik Fikret hat trotz seiner wunderbaren Fähigkeit den Genius
des Türkischen vernachlässigt; in manchen Wörtern zeigt er die
Seltsamkeit, daß er nach zwei Arten verfährt; ein Beispiel: ken'än
köjie järaly dönmüs gelijordu „Ken'än kam verwundet in sein Dorf
zurück" und: ,,qyryzantem icimde bir jaradyr^' „das Chrysanthem ist
in meinem Innern eine Wunde"; das eine [das zweite] ist türkischer
Genius, das andere nicht [türkisch ist natürlich nur jara; in der Tat
wirkt jäm lächerlich; das Metrum des ersten Verses ist rubä% 2. Form,
bei Rückert, Poetik S. 387, der zweite Vers ist chaßf, 3. Form,
ebenda S. 386]. [S. 304] Noch ein Gedicht von Ali Dschanib, das
ich liebe, „Die Frösche" [zuerst gedruckt in geng qalemler Nr. 8
S. 137; ich teile dieses Gedicht und die sich daran knüpfenden
Bemerkungen S. 304, 2 — 28 nicht mit, sie halten- sich in dem ge-
wöhnlichen Rahmen]. [S. 304, 29] Albalat sagt: „Stil heißt mit
den Gedanken die Form und mit der Form die Gedanken schaffen;
der Autor schafft, um ein Neues zu bringen, sogar das Wort; Stil
ist eine kontinuierliche Schöpfung: ein Schaffen von Reihung,
Ausdruck, Eleganz, Fachsprache, Wort und Phantasie;" Ali Dschanib
bedient sich nie des Klischees, er schafft mit seinen Gedanken
[S. 305], seinen Empfindungen Formen; in seinem Aufsatz: „Die Frage
der nationalen Literatur" sagt er: Die Menschheit läuft wie toll auf
einem unendlichen Wege; im Laufen wird sie zu einer neuen Welt
geboren, befindet sich gegenüber neuen Gebilden, neuen Begriffen;
dabei bringt jede Nation neue Wörter hervor, um diese neuen
Dinge zu bezeichnen. Die Sprache, die aus diesen neuen Wörtern
zusammengesetzt ist, bedeutet die allgemeine Ausdrucksfähigkeit
jedes Zeitalters, durch deren immer erneute Kopierung auch die
Nichtbegabten ihre Mäng^el zu ergänzen sich bestreben; in unserm
Türkisch fing* man an, taijäre statt „Aeroplan" zu sagen und mefküre
für „Ideal", ebenso sa^nijet für „Realität"; kurz, das Sprachverständnis
jedes Volkes mehrt allmählich den Wortschatz, bereichert sich,
andrerseits besitzt jede Nation eine „Kunst der Sprache", die kein
Bedürfnis nach jenen neuen Wörtern zeigt; sie will vielmehr, daß
den vorhandenen Wörtern neue Bedeutungen gegeben werden;
weü unsere Literaten seit alters diese Wahrheit nicht beachtet
haben, haben sie unsere Sprache mit unnötigen fremden Wörtern
angefüllt: für qyz: duchter, für jyldyz'. achter oder kewheh, setäre, ?iegm;
für a/yn: näsije, pUänt usw. Wie soll denn aber einem vorhandenen
Worte eine neue Bedeutung gegeben werden? Es wird hier exem-
Dichter der neuen Türkei. 103
000000<XX)000000CXXXXXXXXXXXXXX)<X)000000CI00(XX3(XX>X)00<X)CXXX)CO0CKX)^^
plifiziert auf Ausdrücke in einem kleinen Gedichte, das beginnt
[rnügtetf\'. jesil denizleri hir gizli ra^se örtürken „indem ein geheimes
Zittern die grünen Meere bedeckt", und wo von gölge hir jelken die
Rede ist in dem Sinne, daß gölge hier adjektivisch gebraucht ist
„ein schattiges Segel". Es v/ird dann ein anderes Gedicht mit-
geteilt: „Der Schmetterling" (zuerst gedruckt geng qalemler Nr. 6
S. 104, datiert: Jalylar 8. 6. 1327 [21. 6. 1911]) {chaftf]: Es ist die
alte Geschichte vom Falter, der sich am Licht verbrennt; auch hier
setzt der Biograph den Dichter in Gegensatz gegen Sulaiman Nazif
und Chalid Zija: „er wirft mit zwei Pinselstrichen ein Bild hin"
[S. 306, 19]; in der Tat hat das Gedichtchen (es sind nur drei
Strophen mit 3 + 3 + 4 Versen) ein Eigenes; es schließt: „Ich sah,
das Tierchen gab sein Leben hin / Sag' mir, blauer Schatten, sag':
Ob denn wirklich viel schlimmer sind als ein Tod für mich / Diese
Dunkelheit, diese einsamen Nächte?" [S. 307] Das ist die neue Sprache,
das ist die echte Literatursprache, auf die Sulaiman Nazif seinen
ganzen Haß gerichtet hat. — Der Dichter Ali Dschanib ist der
Mann der Liebe; wie schon im Kindesalter die Liebe den Dichter
beherrschte, hat mir eine ihm verwandte Greisin erzählt: sechs
Jahre alt, war er mit seiner Mutter zu Gast bei Verwandten in Galata;
in einer in der Nachbarschaft wohnenden deutschen Familie war
ein kleines Mädchen mit "blauen Augen und blonden Haaren; von
ihm hatte er den Eindruck der Schönheit; heimgekehrt, dachte er
immer an das kleine deutsche Mädchen und weinte [es folgen
S. 307, 8 — 308, 9 mehrere Gedichte, in denen er die Liebe besingt;
an einigen Versen wird sprachliche Kritik geübt; einen Haupt-
wendepunkt bildet das Gedicht git „Geh!" [S. 308, 7 — 19, müzäri'';
zuerst gedruckt in geng qalemler Nr, 6 S. 105]: hier bäumt sich der
Dichter auf: es ist ein wilder Trotz in den Versen: „Eine Stimme
in meinem Innern nennt die Unfähigkeit, Unheil, Tod, / Aber mein
Herz will nicht zertreten werden, es will zertreten!" . . . „geh! die
rebellischen Hoffnungen in meinem Innern sollen nicht erlöschen! /
Geh! ich wiU nicht weinen, ich will weinen machen !"]. Diese Kampf-
stimmung wächst von Tag zu Tag, schließlich kommen die „Hori-
zonte des Ostens" auf den Plan; kein einziger türkischer Dichter
hatte solchen Erfolg mit der Erhebung gegen das jämmerliche
tewekkiil „Resigniertheit" des Ostens. [Das Gedicht, in niüzäri\ zuerst
gedruckt in geng qalemler Nr. 2 1 S. il^), dann in altyn arniaghan
Nr. 2 S. 45 f., folgt nun S. 308, 26 — 309, 10; es lautet in Übersetzung
so]: ,Ich tauchte in deinen schlafenden, schweigenden Horizont mit
104 HartmanHj
der Illusion in deinen Augen, / Osten! hast du nicht genug von
deinem jahrhundertjährigen Schlaf? / Immer noch sind deine Kuppeln
ein gefühlvollstes Asyl für die Zerknirschung / Immer noch ist in
den Höhlen ein Wehruf, der sich Gottvertrauen nennt, / Immer
noch schreit die Eule in deinen Mauerlöchern, / Immer noch er-
regt das Heulen des Hundes auf der Straße Wut, [S. 309] / Immer
noch läßt der Aberglaube jede Ruine von Haus weiterbestehen, /
Immer noch das Knarren der Wiege, immer noch der staubige
Ton! — Dein Flehen, Osten, das zum Himmel aufsteigt, will nicht
enden / Dein ,Auf zum Gebet!' will der Himmel immer noch nicht
hören! / Erlöschen soll das Morgengrauen, das an deinem Himmel
Unbeweglichkeit wirkt / Verkehren soll ich auch auf deinem Boden
in Aufruhr die Anbetung / Nicht das Knie beugen sollen dem
stummen Himmel deine Gebete, die du im Gefühl der Verwaistheit
hinaufschickst / Verbrennen soUen endlich alle Horizonte deine
Leiden / Alles Unrecht, alle Gewalttätigkeit zu erwürgen genügt
ein Aderlaß / Wach' auf, Osten, es ist genug! Wach' auf, Osten,
es ist genug!' Ich begegne in unserer Literatur keiner zweiten
Dichtung, die sich dieser an die Seite stellen läßt [In der Tat
wird jeder diese Worte, die mit urkräftiger Gewalt hervorbrechen,
mit Bewunderung lesen; man fragt sich, ob dieses ej sarg ujan
„wach' auf, Osten!" nicht Mehmed Emin zu seinem berühmten ej
türJc ujan „wach' auf, Türke!" die Anregung geg'eben hat; an der
Priorität Ali Dschanibs ist kein Zweifel; man wird sagen dürfen,
daß die Äußerung des früheren Dichters ausgezeichnet ist durch die
hohe künstlerische Vollendung, die die strenge metrische Form voll-
kommen meisternd, in Wort und Gedanken die größte Einfachheit
zeigt. Es folgt nun eine, wenn auch kurze, doch instruktive Sonder-
bemerkung: „Die Silbenzählung und Aü Dschanib".] [S. 309, 13]
Unzweifelhaft gehört die Zukunft der Silbenzählung, und Emin Bej
ist ein Held, ein Neuerer, ein großer, sehr großer Mann^, aber in
der Silbenzählung gibt es noch einen andern Geist, den Emin Bej
nicht finden konnte; schade, daß es auch den in der neuesten Zeit
schreibenden jungen und fähig^en Dichtern nicht gelang, diesen
Geist zu finden; sogar dem sensitivsten, feinsten, vollkommensten
Dichter der Türken, Dschelal Sahir, ist es nicht gelungen; in der
^ Es liegt hier ein seltsames Falschurteil vor; die Worte können nur so verstanden werden,
^ als sei Mehmed Emin als Wiedereinführer der Silbenzählung anzusehen. In Wirklich-
keit hat Abdulhakk Hamid als erster in größerem Maße Silbenzahlversmaße angewandt,
liehe S. 17.
Dichter der neuen Tiirkei. 105
C)0CIOCOOOOO0000C)0000C)O<XXXXXKXX)0000CX>XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)OCXX>XXX)00O000000C)0C^^
Silbenzählung hat das Klischee-Unwesen zu herrschen begonnen,
kaum ist das Stichwort gekommen wie bei „Rose und Nachtigall",
da stellt sich auch schon das Wort jüge „hoch" ein; Ali Dschanib
hat sich gemüht, sich von diesem Klischee-Unfug freizumachen;
ich gebe ein Gedicht von ihm im Silbenzählungsversmaß, in natio-
naler Prosodie. [Es folgt nun (S. 309, 20 — 310, 4) das Gedicht
turanyn jolu „Der Weg nach Turan" (drei frei gebaute Strophen
mit Versen von 6+5 Silben; Reime abba / abba / cddcc]
„Die Horizonte schliefen noch, da stieg die Morgenröte auf / Und
vor den Nächten sich fürchtend, sich versteckend / Traten aus den
Schatten die Dinge hervor je und je / Dem Lichte des Morgen-
grauens gesellten sie ein wenig Leben / Die hohen Berge mir
gegenüber erhöhten den Eindruck / Höher stieg ich, und jeder
Raum sank tiefer / Ich sprach: ,Steht's so um den Aufstieg, / Was
hat mich dann in der Tiefe betrogen?' / Die Berge gaben Antwort:
„Türkensohn! / Höher hinauf steig', erst am schwindelnden / [S. 310]
Abgrund endet der Türken Wanderung'. / Höher stieg ich und
höher, da wurde die Sonne ganz geboren / Mit ihren goldenen
Strahlen erwürgte sie die Finsternis / Und gegenüber zeigte sich
der Weg nach Turan" 1. Der Hauptfehler der nicht nationalen
Prosodie ist ihre übergroße Harmonie 2; diese Harmonie überwiegt
so, daß sie den Gedanken sich nicht auswirken läßt; das Verbrechen
des Silbenzählung'sversraaßes aber ist, daß bisher unsre Intelligenzen
sich damit noch nicht genügend beschäftigt haben. Denen, die
zugeben, daß die Silbenzählung national und natürlich ist, und daß
unzweifelhaft unsere zukünftigen Versmaße dieser Art sein werden,
wird entgegengehalten: ,Unmöglich! Die Silbenmessung kann nicht
1 Mag auch diese Darstellung von Goethes „Zueignung" seiner Gedichte oder der Morgen-
stimmung des Faust im Beginne des zweiten Teils beeinflußt sein, sie ist ein schönes
Zeugnis für den Geschmaclt und die Fähigkeit dieses echten Dichters; daneben erscheint
Fa'ik Aalis tuW (siehe S. 37) als öde Wortkünstelei.
2 Harmonie, äheng: man kann sie geradezu den Fluch der osmanischen Sprache nennen,
diese doch nur einen Nebenteil der literarischen Übung bildende Eigenschaft; das
dümmste Zeug findet Beifall, wenn das Publikum darin die kadenzierte Rede findet,
die ihm das Ohr kitzelt, und die köstlichste Speise behagt ihm nicht, wenn dieser
Sinnenreiz fehlt. Es ist übrigens ein Irrtum, daß die arabisch-persischen Versmaße in
besonderem Maße ,, Harmonie" oder „Kadenzierung" mit sich bringen; gerade bei der
freieren Silbenzählung kann die Kunst harmonischer Rede sich reicher entfalten; denkt
einmal darüber nach, ihr Türken von heute! — Im Türk Jurdu Nr. 153 S. 108 findet
sich ein Gedichtchen von Halil Nihad „Dichter heißt rhythmisch sein", das, wenn
ich es recht verstehe, den die Türkische Modernste beherrschenden öÄ^n^r-Rummel ver-
spottet (vgl. mein Referat NO III S. 244).
1 o6 Harimanrij
C)0GK>00O0<X)O<XXXXXD<XXXXX300C)0000CXXD0C)0000000CKXXXXXXXX)CO0000000<^^
verdrängt werden!' Warum? Was werden wir den Franzosen, den
Engländern, den Deutschen sagen? Richtig, die Silbenzählung kann
nicht die Stelle der Silbenmessung einnehmen, wenn es nämlich
bei der heutigen Ausdrucksweise bleibt . . . denn diese Ausdrucks-
weise ist sehr plastisch, sehr intellektuell, sehr poesielos, sehr harmonie-
los; schade, daß auch der junge und fähige Dschelal Sahir sich
von dieser Aus drucks weise nicht losmachen kann, nicht eine neue
Aus drucks Vv^eise schaffen kann, vielmehr immer noch unseren
,.Meister'" [gemeint ist Ustad Ekrem] nachahmt. Hat die Silben-
zählung schuld? Hat der Dichter schuld? Ich gebe hier den
Anfang der Elegie auf Nijäzi: ,Du glänztest zuerst auf den
Bergen von Resne, Sonne! / Du richtest den Pfeil deines Lichtes
auf die Brust Stambuls; / Du stürztest eine Nacht, die Wesen-
heiten verdunkelte und wandelte; / Du gössest in alle Geister
ein heiliges Licht, ein Feuer.' [Der Biograph tadelt, daß die
Verba alle am Ende stehen, und er bringt drei weitere Verse
aus dem Gedicht, in denen es ebenso ist. Er fährt dann fort:]
Die Silbenzählung bedarf scharfer Beobachtung; man muß solche
Gedichte schreiben, die das sind, was die Franken souple nennen,
was köstlich ist wie die Berceuse von Grieg . . . Ali Dschanib treibt
kleinen Klischee-Unfug mit der Silbenzählung, die er noch nicht hat
vollständig bewältigen können; unter Vorbehalt teüe ich ein Gedicht
von ihm mit, das mir sehr gefällt; meine Leser mögen es sorgfältig
lesen und sich selbst ein Urteil bilden. [Es folgt S. 311, 1 — 312, 18
das Gedicht qawal „Die Flöte". Ich teüe das ziemhch lange Gedicht
hier nicht mit. Der Biograph schließt:] Das Sübenzählungsvers-
maß ist noch ein Kind; es gToß zu ziehen, ist Intelligenz und Genie
nötig; Ali Dschanib kann unmöglich der einzige Dichter ^dieses
Landes bleiben; Sahir Bej, Fu'ad Bej und andere ihrer Aufgabe
sich bewußte Dichter, die den nationalen Charakter dieser Dichtungs-
form begriffen haben, müssen in dieses noch nicht bearbeitete
Gebiet eintreten, müssen ihre Intelligenz und ihre Fähigkeit zeigen."
Die vorstehende ausgezeichnete Darstellung NSM 299 — 312 ist
unterzeichnet Omer Seifüddin. Er war der Berufene, seinem
Freunde Ali Dschanib dieses Denkmal zusetzen; seltsam ist, daß
der Herausgeber der Sammlung ihn, der an der Schaffung der
„Neuen Sprache" so viel Anteil hat, nicht unter die Biographierten
aufgenommen hat (es ist ebenso seltsam wie daß Zija Gök Alp
fehlt); doch ist S. 305, übrigens ohne besondere Beziehung zu dem
Texte, das Bild Ömer Seifüddins gegeben (wiederholt in dem
Dichter der neuen Türkei 107
OOOOOC>0O0C«XXXXDC<XXXX500ClOOCXXXX)O0CXXX)00CXXXXXXM0O<XXXXXXI00000^^
Redaktionsstabe von türk sözü S. 540); dieses BUd erinnert an die
Männer der französischen Revolution {über ein anderes Büd siehe
unten S. 55). — Bild Ali Dschanibs NSM S. 298, ein anderes geng
qalemler Nr. 21 S. 212. — Die Stilprobe von Ali Dschanib ist ein
Gedicht: japrak „Das Blatt" [chafif]: „Es war im Herbst: zitternd /
Fiel ein Schattenbild in meine Hand. / Ich schaute hin: ein totes,
armes Blatt! / Herbst! halt ein mit der Rache! / Bald wird mit
seinem Dunkel dich erschrecken / Der blaue Himmel, der verlust-
reich dr einblickt. / Dieser Herbst wird sicherlich noch viele junge
Bäume brechen, / Wird mit ihren Zweigen meine Wege bedecken . . . /
Du aber sag', schönes Blatt, / Sag': ist der Tod so gelb wie du?"
Die letzten Worte, die höchst eindrucksvoll sind, sind die Unter-
schrift des Bildes. — Außer den bereits angeführten Gedichten
finde ich in gerig qalemler noch: 1. heklerken Nr. 3 S. 121; 2. son
Ü7nidün Nr. 4 S. 135; 3. tenirn "^asqym Nr. 3 S. 152; 4. ghurühdan sora
Nr. 7 S. 120; 5. Hinsek Nr. 16 S. 74; 6. qys du'-a.^y Nr. 17/8 S. 130:
7. ohne Titel Nr. 12 S. 193. — An den Namen Ali Dschanib knüpfe
ich das Büd der Parteigruppierung in dem großen literarischen
Kampfe, der bald nach der Revolution in Salonik begann, wie ich
es aus persönlichen Berichten gewonnen habe: auf der einen Seite
stand die Gruppe der jung"en Stürmer, vertreten hauptsächlich durch
Ali Dschanib, Ömer Seifüddin und Mustafa Nermi, auf der andern
Seite stand die Gruppe der am Alten Festhaltenden, vertreten durch
Refik Chalid, Schehabeddin Sulaiman, Köprülüzade Mehmed Fu'ad,
HamduUah Subhi, Dschelal Sahir, Ahmed Haschim, Sulaiman Nazif,
Dschenab Schehabeddin. Diese Schule stellt zugleich eine politische
Strömung dar, die die Gegner wohl als „Kosmopolitismus" (um-
fassend Panislamismus und Osmanismus) bezeichneten, im Gegensatz
zu dem von ihnen vertretenen Nationalismus in Politik und Literatur.
Ja'kub Kadri wurde hauptsächlich hinsichtlich der Sprache bekämpft
von Nermi; Köprülüzade Mehmed Fu'ad wurde hauptsächüch hin-
sichtlich der Gedanken bekämpft von Ali Dschanib und ömer
Seifüddin; es gelang den Jungen, Hamdullah Subhi, Köprülüzade
Mehmed Fu'ad and Dschelal Sahir zu sich herüberzuziehen. Auch
Dschenab Schehabeddin hat den Schritt getan (siehe darüber S. 27).
Wie bei Ja'kub Kadri traf ich auch bei Ali Dschanib in der
Würdigung des Dichters in seltsamer Weise mit Hachtmann zu-
sammen. Ich gab meiner Bewunderung einen gemäßigten Aus-
druck; zu dem schönen Gedichte „Welt des Ostens" sagte ich:
,Jeder wird diese Worte, die mit urkräftiger Gewalt hervorbrechen,
io8 Hartmamiy
t>00O©OO0OOO0OOCXXXX)C)OOO00C)O0O0OO0OOO0OOOOOOOCXX)0CXXXXDCKX)<XX3OOOOO^
mit Bewunderung lesen" (S. 175), und zu dem „Weg nach Turan"
mit seinem stimmungsvollen Morgenaufstieg; „die Darstellung ist
ein schönes Zeugnis für den Geschmack und die Fähigkeit dieses
echten Dichters." Vortrefflich stellt H achtmann die Wesenheit
Ali Dschanibs dar (S. soff.): „er scheint mir alle seine lyrischen
Zeitgenossen zu überragen: erstens .durch die wahrhaft visionäre
Art seines dichterischen Erlebens, dann durch die männlich leiden-
schaftliche Gewalt seines Fühlens, endlich durch die wohltuende
Schlichtheit seines Gestaltens. Bei ihm hat man wirklich das
Gefühl, daß sein Dichten eine unwiderstehliche Notwendigkeit ist,
nicht nur ein anmutiges Spiel." Sein Bild (NSM S. 298)1 prägt
das nicht aus; eine schlichte Erscheinung, die mehr auf einen
liebenswürdigen Humor schließen läßt, als auf das Vulkanische,
das gleichsam die Verse herausschleudert. Die in New Sali Milli
mitgeteilten Gedichte hat Hachtmann vortrefflich wiedergegeben:
das „grandiose" Gedicht „die Welt des Ostens", ein Sturmruf und
zugleich Wutschrei gegen die „frommen" Verräter, packt auch in
dieser deutschen Form, und die Jämmerlinge, die in ihrer Zer-
tretung und ihrem Todeskampfe förmlich schwelgen, sollten Mannes-
sinn und Widerstandskraft saugen aus „Geh!" mit seinem: „Zertreten
werden will es nicht, zertreten will mein Herz! / Zertreten werden
will es nicht, und Trän' und Kümmernis / Sind meine ärgsten
Feinde nun. Ja, dessen sei gewiß. / Drum geh. Denn mein Empörer-
trotz — erlöschen soll er nie: / Nicht Tränen weinen will ich mehr,
erpressen will ich sie!" Das eigene Erleben des Dichters ist hier
eingewoben, aber es ist dichterisch erhoben in das Allgemein-
menschliche: die andern Lyriker erzählen uns breit von ihren
Schmerzen, aber sie bleiben uns gleichgültig; hier ist Überwindung^
Sieg, Kraft, Lebensbejahung, wie allein sie Großes schafft im Leben
und in der Kunst. In den reinen Stimmungsbildern, wie „Die
Straßenlaterne" und „Der Schmetterling", tritt der Dichter zurück
und doch fühlt man: „Das ist erlebt!" Die andern Lyriker sprechen
große Worte von der „Phantasie" (chajäl), aber sie überzeugen
uns nicht, daß sie von ihr voll beherrscht sind: es ist immer der
kleinliche Alltagsmensch, der spricht. Und dieser wahre Dichter
ist in seiner Heimat so gut wie unbekannt! 2 Man hat mir die
1 Ein anderes in geng qalemler Nr. 21 vom 16. 5. 1328 [29. 5. 1912] S. 212 ist
' technisch ganz unvollkommen.
2 Höchst bedauerlich ist, daß Dschenab Schehabeddin sich zu sehr unfreundlichen
Äußerungen gegen Ali Dschanib hinreißen ließ. Hatte der Jüngere ihn gereizt, so
Dichter der neuen Türkei. 109
0(XX3CO<XXXXXXXXXXXXXXX>XXXX>CXXXXXXXX30000000000000000000000CXXXXXXXXXX3000000000000000000(>XXXXX»e^^
Aufnahme AliDschanibs vorgeworfen, weil er in Stambul „keine
Rolle spielt". Gerade deshalb ist sie verdienstlich, abgesehen von
der gehaltvollen, tief eindringenden Abhandlung, zu der seine Vita
unter der Hand des mit der literarischen Entwicklung wohlvertrauten
ömer Seifüddin geworden ist; anzuerkennen ist auch der Mut, mit
welchem der Schöpfer des New Sali Milli diese bei weitem den
gewöhnlichen Raum der Biographie überschreitende Abhandlung
aufgenommen hat. Nicht ohne Bedauern stelle ich fest, daß in
neuester Zeit Ali Dschanib Gedichte herausgebracht hat, die
Spuren des Klischeetums zeigen, das von seinem Freunde und Be-
wunderer ömer Seifüddin so scharf und witzig gegeißelt wird.
Das ist durchaus gegen seine Art (vgl. S. 172 „Ali Dschanib will
sich und zugleich unsere nationale Literatur von der Klischee-
wirtschaft befreien"), und ich hätte ihm gewisse Gedichte in Jeni
Megmü'^a (siehe NO II S. 205) nicht zugeschrieben, denn er läßt
sich da mit gül und bülbül, der totesten Sorte des Klischees ein.
Nichts dagegen hat mit Klischee zu tun sein „Flöt e"Neio Sali Milli
S. 311 f. (in der Vita, nicht übersetzt von mir, siehe S. 177, auch
von Hachtmann nicht beachtet); es gehört in einen vöUig andern
Kreis als die faden modernen Ergüsse mit qaioal — jatnag — güzel
(foban qyzy „Flöte" — Berghang — schönes Hirtenmädchen", in
denen man die Schäferschwärmerei des achtzehnten Jahrhunderts
zu atmen meint; es ist vielmehr die packende Schilderung einer
Hirtenepisode mit Umbiegung ins Politisch-Nationalistische. Von
einer neuen Seite zeigt sich uns Ali Dschanib, wenn er sich zu
den literaturkritischen Problemen hören läßt. Das zu tun bot ihm
Gelegenheit und Anlaß seine Stellung als Hauptschriftleiter des
umgestalteten geng qaleinler und als Mitarbeiter an der Tageszeitung
Turan. ömer Seifüddin zitiert seinen Aufsatz „Die Frage der
nationalen Literatur^'- {S. 174). Zur Vita trage ich nach: auch Hacht-
mann ist es nicht geglückt, etwas über Ali Dschanibs Lebens-
umstände zu erfahren; die Notiz (S. 31 n 1), er sei Professor der
Literatur am Gelenbewi-Gymnasium (nach mir S. 124), stimmt nicht
mehr: Ali Dschanib wirkt jetzt am Höheren Lehrerseminar
(Kadiköj).
Nach dem Drucke des Vorstehenden erlebte ich folgendes: Ein
in der literarischen Welt Stambuls sehr bekannter Mann, dessen
Kunsturteil Ruf hat, geriet, als ich ihm den Namen Ali Dschanib
stand es ihm wohl an, Nachsicht zu üben. Dafi er die ausgezeichneten Qualitäten Ali
Dschanibs nicht erkannte, stellt seiner Urteilskraft kein gutes Zeugnis aus.
1 1 o Hartmann,
000O0000C)00O00000000CXXX)0000000000<XXXXXXXXX>X)OCXX)CX)O<XXXXXXXXXX)0CO0C0C^^
nannte, in eine gewaltige Erregung: „Wir kennen keinen Ali
Dschanib, es gibt keinen Ali Dschanib"; es war gefährlich^
Näheres über diese eigenartige Stellungnahme zu erforschen (vgl.
hierzu die wütenden Angriffe Dschenab Schehabeddins auf
Ali Dschanib, die oben erwähnt wurden). Einen Monat später
gab mir ein hochangesehener türkischer Autor folgende Auf-
klärung: „Diese Leute wie Mehmed Emin und Ali Dschanib
sind höchst unduldsam und verdammen jeden, der Sprache und
Metrum nicht handhabt wie sie, die durchaus nur in hige wezni
„Silbenzählung" dichten [das ist ein schwerer Irrtum: von den
zwölf poetischen Stücken in der Biographie Ali Dschanibs in
New Sali Milli nebst der Probe sind nur drei nicht in Aruz (darunter
das schöne tiiranyn jolu „Der Weg nach Turan", während das andere
Hauptstück von ihm sarqyn ufvqlary „Die Horizonte des Ostens" in
müzäri'' ist); man sieht hieraus, wie leichtfertig Anklagen nach-
gesprochen werden; es sei hier noch bemerkt, daß dieselben Leute,,
die sich .in der Verdammung Ali Dschanibs nicht genug tun
können, ömer Seifüddin in den Himmel erheben, obwohl er von
denselben sprachlichen Grundsätzen ausging und Ali Dschanib
auf das Wärmste verteidigte (in der oft genannten Vita)]; dabei
sind jene Dichter in Sprache und Metrum für uns ungenießbar:
sie entbehren der Formvollendung, die wir nun einmal vom Dichter
verlangen. Die Franken verstehen uns hierin nicht: sie sehen nur
auf die Gedanken, und aus dieser Auffassung heraus leihen sie
diesen Männern einen Wert, den sie nun einmal für uns nicht
haben." Hier zeigt sich der enge Kreis, in dem die Dinge in
Stambul sich meist noch drehen: jemand erregt durch Neues
Anstoß, verstößt gegen die geheiligten Formen, und sofort sucht
man ihn totzuschlagen. Bei Mehmed Emin konnte man das nicht»
weil sein Talent zu stark war, und weil er durch sein wahrhaft
großes Menschentum und sein Herz voll Liebe, durch seine völlige
Hingabe an die Sache, der er sich geweiht, turmhoch über den
kleinen Machern steht, die sich gegenseitig aufloben und die
Literatur als Tummelplatz ihrer faden Phrasen sich weiter sichern
wollen. Hier ist ein Gebiet, wo der gebildete Europäer, der mit
dem Wesen der türkischen Sprache und Art intim vertraut ist,
berufen ist zu wirken. Er sieht infolge seiner Schulung und seiner
Nichtbefangenheit in der traditionellen Geschichtsklitterung meist
weiter als die türkischen Literaten und Gebildeten. Nein, Ali
Dschanibs turan jolu und sarqyn ufuqlary leben ein ewiges Leben,
Dichter der neuen Türkei. 1 1 1
0O00OC)OC)0OOOOOCXXX)0O0O0OO(XXXXXXX)0C)00CXXXX)0000C)00000OOOOCXXXXXXXX)OOOOO0OO00OOa
denn hier ist nicht pedantisches Treiben nach den Regeln des
Herrn Albalat, sondern hier pulsiert echtes frisches Leben. — Den
tiefen Eindruck Ali Dschanibs auf unberührte Gemüter bezeugt
die Tatsache, daß sein turan jolu aufgenommen ist in tatarg e-türkge
kalendar 1336 h [beg. 17. 10. 1917] S. 72 f. 1.
24. Ömer Seifüddin \^omar säfuddin].
Vita liegt nicht vor. Sein Bild in gmg qalemler Nr. 24I25, S. 4 und
NSM S. 305 (auch unter den Redaktoren des türk sözü). Beachtens-
wert ist seine Charakteristik Ali Dschanibs NSM S. 299 — 312 (hier
S. 45 ff.}. Er war eines der tätigsten und tüchtigsten Mitglieder
der „Neusprachler" von Salonik 1910/11. In dem Organ dieser
Gruppe, ge)ig qalernlet% erschienen mehrfach Arbeiten von ihm; unter
eigenem Namen: „Die Bombe" (Erzählung) Nr. 9, S. 147 — 159;
„Trennung", Sonett [chaflf] Nr. 15, S. 55; „Schwur" (Erzählung)
Nr. 19, S. 166 — 171; „Der verfallene Chan" [Sonett, frei] Nr. 23,
S. 269; ^asq dalghasy (Erzählung) Nr. 24/25, S. 4 — 15; unter dem
Pseudonym Parvlz ein giftiger Streitartikel „Die Neue Sprache
und häßliche Angriffe" Nr. 24/25, S. 39 — 50 (vgl. S. 29); außerdem
in hnsün wesi'ir: „In der Frühzeit" (?), Erzählung von Guy de Mau-
passant Nr. 5, S. 21 — 26. — In Donannia Nr. 53, S. 70 beginnend
und sich durch mehrere Nummern ziehend hejäs^ läle „Die weiße
Tulpe", eingeleitet von der Redaktion so: „diese Zeitschrift, die
über Erwarten eine patriotische Aufnahme gefunden hat, bietet
mit dieser Nummer ihren Lesern ein höchst betrübliches Blatt aus
den dunklen Schicksalstagen Rumeliens von unserm Bruder ömer
Seifüddin, der durch seine nationalen Erzählungen und seine pa-
triotischen Bemühungen so bekannt ist; man wird die Erzählung
sicherlich mit Bewegung, am Schluß mit Tränen lesen"; es ist also darin
auf die Rührung des Publikums abgesehen. — Donanma Nr. 58, S. 147
fegr „Morgenröte" (Elfsilber, achtversige Strophen mit aa bb cc dd,
V. 7 und 8 immer identisch mit den beiden Anhub-Versen).
Ömer Seifüddin gilt heute in bedeutenden literarischen Kreisen
als einer der vier großen Träger der modernen Prosa: Refik
Chalid, Falih Rifki, Ja*kub Kadri und er. Diese Bewunderer
sind dieselben Leute, die Ali Dschanib, mit dem er einst zu-
sammenhing, verdammen.
1 Von andern osmanischen Werken sind aufgenommen vier Gedichte von Mehmed
Emin (S. 19, 61, 65, 66) und Zija Gök Alps turan (S. 71).
112 Hartmann,
0OOOCX)OClOOO0O0OOOGOOCX)OO00O000O0OO000(XXX)OO0OOO0O0OOOO00OO0OOOC)OC)0O0OOOO(X)O0OOOOOO0OOCXXXX)C)^^
25. Enis Awni \enu 'awm\ Dichtername: Aka GÜndÜZ
[aqa gündüz].
Vita liegt nicht vori. — Sein Bild geng qalemler Nr. 22, S. 252
und (ein anderes) vor dem Titel von imihterem qätil. — geng qalemler
brachte von ihm unter Aka Gündüz: „Der Bootsmann, eine nationale
Erzählung in der Neuen Sprache" Nr. 12, S. 203 — 207 [ein Stück
voll tiefer psychologischer Beobachtung mit knappsten Worten,
ohne Wortschwall, wenn auch noch nicht rein türkisch]; „Das
Märchen meines Traumes" (Erzählung) Nr. 20, S. 194 — 199; 'Akkää
Ibn Mansür (Erzählung) Nr. 22, S. 252 — 256. — Unter seinem
wahren Namen finde ich nur in Jmsün wesi'-ir: „Bairam- Abend"
[Sonett in müzäri^] Nr. 5, S. 25. — Drei Gedichte von ihm in isläm
megmü''asy Band 1 zeigen uns den als sehr lebensfroh bekannten
Dichter von religiöser Seite: 1. istighfär „Reue" S. 365 f., 2. müsül-
mänge du'^ä „Gebet nach Muslim- Art" S. 226 — 228; 3. müsülmänyn
tärküsü „Lied des Muslims" S. 342 f., alle drei in Strophen mit Elf-
silbern (6 + 5), die Strophen verschieden gebaut. — i. In mystischem
Ton, hat den Refrain: „Meinen Kopf zermalmt die schwere Sünden-
not / Dich, Gott ruf ich an, dich ruf ich an, o Gott!" — In 2
schließt jede Strophe: „Nun sind wir gekommen, Herr der Welt,
zu dir. / Diesmal noch verzeih unsl Amen! sagen wir"; die letzte
Strophe lautet, mit leichtem Wandel am Ende: „In dem Kampf
der Zeiten woll'n wir Wage sein / Neu den Kopf erhebend, Menschen
woll'n wir sein / Muslime voU Ehren woU'n wir endlich sein / Mit
solch' festem Wollen kommen wir zu dir / Hilf uns! hilf uns! hilf
uns! Amen! sagen wir," Alles ist bei Aka Gündüz plan, leicht
faßlich, volkstümlich; die Verse strömen ihm mit Leichtigkeit; er
macht etwas zu reichlichen Gebrauch von dem bei den türkischen
Dichtern beliebten Trick der Wiederholung. — Donanma Nr. 60
S. 183 piclerin hahasy „der Vater der Bastarde", bezeichnet als
„Monolog, der speziell für Kenar {qenärl Hanum^ geschrieben
wurde und ohne ihre Erlaubnis nicht aufgeführt werden darf"; es
sind die Worte einer Verlassenen, die durch die Welt wandert;
patriotisch ausklingend; in fast reinem Türkisch: — Sein Drama
1 Soll nicht vor 1890 geboren sein. Den Klatsch, der über ihn umgeht, zu bringen,
widerstrebt mir; ersichtlich hat er bei einflußreichen Kreisen Anstoß erregt und seit
19 14 Muße, fern von Stambul nachzudenken; er lebt als ,, Verbannter", d. h. als administrativ
. Verschickter in Brussa. Der Kindskopf mit den großen sanften Augen, den das Bild
in mühterem qätil zeigt, wirkt sehr sympathisch.
■ Berühmte Schauspielerin, Armenierin ()); ihr widmete Aka Gündüz sein mühterem qätU.
Dichter der neuen Türkei. 113
CO00e00000000(XX>00000000000000000000(XXXXXXXXXXXX)(XXXXXXXXXXX)000(X)0000000000000000000^
mühterem qätil „Der Mörder in Ehren" ist ein vorzügliches Volks-
stück: in der Anlage einfach und mit primitiven Mitteln arbeitend
(Schaich Schamyl erscheint in bengalischer Beleuchtung), gibt es
die ehrliche opferwillige Vaterlandsliebe der Männer und PYauen
des Kaukasus getreu wieder; besonders^ unter den Frauen finden
sich prächtige Gestalten, wie die greise Mutter Dschans, ein Bild
der schlichten, gottergebenen, liebevollen Türkenfrau, die scharf
denkt und warm empfindet. Das Stück löste bei den Aufführungen,
in denen sich Kenar Hanura auszeichnete, der der Druck gewidmet
ist. Stürme der Begeisterung aus; die literarische Kritik hat es
nicht freundlich aufgenommen: es ist ihr zu simpel; die modernen
Türken haben eben noch nicht das Verständnis wiedergewonnen
für den inneren Wert des Volkstümlichen, und Schönherrs
„Volk in Not" würde ebensowenig Gnade in ihren Augen finden:
allerdings ist Aka Gündüz etwas gar zu einfach in seinen Mitteln, und
die Bomben werf erei im letzten Akt wirkt abstoßend; auch die
Erscheinung Schamyls ist ein etwas grobes Mittel, aber seine
Verse sind packend (sie wurden in meiner Übersetzung vielfach
zu Gehör gebracht durch den Vortragskünstler Senff-Georgi).
Auch Hachtmann (S. 42 f.) weiß von seinem Leben nur, daß
er „ein Kaukasustürke ist". Von dem Regimente Muchtar-Kamil
verfolgt und ins Gefängnis geworfen (siehe unten zu türkün kitaby
Nr. 2,^), hatte er noch später Konflikte mit der Regierung i: er
wurde nach Brussa verbannt, wo er gegenwärtig [1917] lebt. —
Hachtmann behandelt ausführlich sein Drama mühterem qätil „der
Mörder in Ehren" 2 und berichtet kurz über seine Erzählung qatyrgy
oghlu, die MSOS I fehlt. Außer ihr trage ich nach: 1. türkün kitähy
„das Buch des Türken" (1329, 22,2 S.); 2. türk qalby „das Türken-
herz" (o. J., 184 S.); beide sind Sammlungen von Erzählungen und
Gedichten, türkün kitähy enthält 2>i Stücke: 1. „Der Pulvergeruch"
(S. I7— 1 2): Besuch eines Türkenlagers, mit Bild von Sitten und Sprach-
proben; 2. „Der dntte Hauptmann" (S. 13 — 29); 3. „Das Friedensschiff"
^ Nach einem Bericht liegt dem Osmanen Ja'kub in „Mörder in Ehren" (vgl. hier n 2)
die Gestalt des Ja'kub Dschemil zugrunde, der an der Spitze eines schnell unter-
drückten Aufstandes im Heere stand (vgl. Mandelstamm, Le sort de V Empire
Ottoman S. 176 f.); das wurde übel gedeutet.
* Ob man mit Hachtmann „das Türkentum des Kaukasus" als die eigentliche Haupt-
person des Dramas ansehen darf, möchte ich nicht entscheiden; sicherlich ist der
Osmane Ja*kub, der die noch ungeschulten Kaukasier diszipliniert und ihren Aufstand
organisiert, gedacht als Mittelpunkt der Aktion gegen die Russenherrschaft; es würde
sich also zugleich um eine osmanisch-patriotische Tendenz handeln.
Urkunden und Untersuchungen. 3. . 8
114 Ilartmann,
(X)0OOOOCC<XXXX>X)O(X)OOOOO(XXXXXXXXXX)OOCK>XXXXX)OCXXXXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOa
(S. 30 — 41); 4. „Bei den Waffen" (S. 42 — 45); 5. „An Enwer Bej in Beng-
hazi, aus dem Munde setner Mutter" (S. 46—52); 6. „Bamazan Chodscha"
(S. 53 — 62); 7. „Der Brief der Mutter" (S. 63 — 70); 8. „Die rote Antwort"
(S. 71 — 78); 9. „Das Geheimnis des Windes" (S. 79 — 87); 10. „Zwei Daten"
(S. 88 — 101); 11. „Adi^chu Mehmed" (S. 102 — 111); 12. „Der Volksgenosse"
(S. 112 — 116); 13, „Fatih — In seinem Mausoleum" (S. 117 — 121): ein
Gebet am Sarge des großen Kaisers; 14. „Die erste Kanonenkugel"
(S. 122 — 125); 15. „Der Araber" (S. 126 — 129); 16. „Das Grab des
Kaisers" (S. 130 — 132) es ist das Grab Murads I. auf dem Amsel-
felde gemeint; 17. „Vor dem Mihrab — In der Sulaimanije- Moschee"
(S. 133 — 136): ein Gebet; 18. „Die Niederlage" [bozghunl (S. 137 — 140):
ein Gedicht, vom 18. 1. 1328 [31. 1. 1913], in 8 Strophen von
5 Versen (Elfsilber: 6 + 5 niit a a a b b) mit Refrain (2 Verse,
leicht gemodelt); Str. 1 „Wein', mein Auge, weine! Trennung
ziemt / Dem heimatlosen Manne ziemt der Kerker"; es verdient
seine Berühmtheit: getreuer Ausdruck der Verzweiflung in höchster
Not; die Sprache ist ganz einfach, rein türkisch; ein Kind versteht
dasi; Str. 5 V. 4. 5 die beliebte rhetorische Frage mit nerede, die
sich bei Mehmed Emin oft, selten bei Zija findet und bereits
etwas Klischeehaftes hat; sie wirkt aber, wie alles andere, hier
nicht banal; mit einfachsten Mitteln wird die größte Wirkung erzielt;
19. „Das höclistc Gericld — Audi im Mausoleum Fatihs" (S. 141 — 145):
ein Gebet; nicht glücklich; „die in meinen Pulsen schlagenden
Adern" S. 141, 6 wohl ein Anklang an Zija [vgl. 11 S. 7];
20. „Der Bastard — Axis einem Briefe^'' (S. 146 — 154); 21. „Meine Jahre
in Kreta" (S. 155 — 158); 22. „Rebellion" (S. 159 — 168); 2;^. „An Re\if"
(S. 163 — 168); 24. „Der Mund des Friedens" (S. 169 — 180); 25. „Die
Erzählung von der Wahrheit" (S. 181 — 190); 26. „Geht nicht! Geht nicht! —
Dieser Weg, den du gehst, führt in ein Dorngestrüpp — An die Gehenden"
(S. 191 — 195): Eine verzweifelte Beschwörung, den Weg nicht
weiter zu gehen, der ins Unglück führe; datiert vom 25. 1. 1328
[7. 2. 1913]; 2"]. „Offener Bnef an das Heer" (S. 196 — 200): preist
das bisherige Verhalten des Heeres; 28. „ Wo seid Ihr? Warum
schweigt Ihif — /In die Dichter und Schriftsteller" (S. 201 — 204): ähnlich
wie Nr. 26; 29. „Galata'^ (S. 205 — 209); 30. „Bittgesuch an meinen
1 Von einem türkischen Kenner höre ich, daß Aka Gündüz ein Chatib, „Redner",
ersten Ranges sei und sich dem berühmten Hamdullah Subhi an die Seite stellen
lasse. Derselbe Gewährsmann deutete an, daß die Schuld Aka Gündüz' als Mensch
sich nicht ganz von seiner literarischen Tätigkeit trennen lasse. Auf allem gewinnt
man den Eindruck einer tiefen Tragik dieses Lebens.
Dicliter der neuen Türkei. 115
OOOOeOOOO0OCK>XX)OGOCXXXXXXX)00OOO0OO0000O00O0O0OO00OOOOO<XXXXXXX)0OOOOO0OOeXX)O<XXXXX^
großen Kaiser" (S. 210 — 215), vom 5. 2. 1328 [18. 2. 1913]: eine
Beschwörung des Sultans, sich an die Spitze des Heeres zu stellen
und das Kaiserliche Zelt auf den Befestigungen von Tschataldscha
zu errichten, um den geheiligten Boden vor den Feinden zu retten;
31. „Noch ein Tropfen Bhd" (S. 216 — 219): Auch hier Beschwörungen;
,,Wo bist Du, Kemal?" Die Dichteif werden aufgerufen; ^2. „Die
Frau des Paschas" (S. 220 — 228); t^^. „Ach! Im Gefängnis" (S. 229 — 2^2):
Gedicht in Elfsilbern (44-4+3) mit zweiversigem Kehrreim
nach je zwei vierzeiligen Strophen; der Kehrreim: „Weine Nach-
tigall! Viel Gift gibt's in Deiner Sprache / Kein Türke blieb im
großen Rumelien"; es entstand, als Aka Gündüz, Parteigänger
des Ittihad, unter dem Regimente Muchtar-Kamil mehrere
Monate im Gefängnis gehalten wurde. — Die Stücke stammen
sämtlich (nur zwei sind nicht datiert) aus der Zeit zwischen dem
17. September 1328 [30. 9. 1911] und dem 3. Februar 1328
[16. 2. 1913]: das war die tiefste Erniedrigung der Türkei, und so
niederdrückend waren das Gefühl des völligen Versagens im
Kampfe der Waffen durch die Unfähigkeit und Unredlichkeit der
höchststehenden Personen und das Gefühl der selbst im Heere
herrschenden Korruption und Sorglosigkeit, daß auch den Besseren
das Vaterland gleichgültig wurde; auch die Jüngeren wurden an-
gefressen von dem watan'^alelidärlyq „Antipatriotismus", der mit den
Händen im Schöße dem hereinbrechenden Unheil zusah. Dieser
Zeit gehört das türkün kitäby an; das Herz des Dichters ist zerrissen.
Aber die Grunds timmnng ist doch Lebensbejahung und die
Zuversicht, daß sich ein Ausweg aus der Not finden wird. Die
Motive sind fast sämtlich aus dem Kriege geholt und aus der Not,
die dem Vaterlande durch ihn erwuchs. Auch hier spielen die
Sterbeszenen und der Friedhof eine unverhältnismäßig große
Rolle. Das ist eine schon oft gerügte Mode der Türkischen
Moderne (vgl. Hörn S. 31). Woher stammt diese ungesunde
Manier? In der älteren osmanischen Literatur findet sich diese
seltsame Liebhaberei, soviel mir bekannt, nicht. Unter den Mo-
dernen erreichte sie den Gipfel in dem auch von der Kritik ab-
gelehnten „Uhu" Chalid Fachris (die Sterbeszene in „Hannele"
ist etwas ganz anderes, und selbst hier, vor einer wirklich großen
Kunst, empfinden wir die Gefahren solcher Schilderungen). Von
Türken höre ich die Erklärung: „Wir Orientalen neigen zur Me-
lancholie"; das ist eine völlig unzulässige Verallgemeinerung: gerade
der Türke liebt Heiterkeit, hat etwas P>isches, Plinkes, und sein
8*
1 1 6 Hartmann,
0Cl©OO000O(XXXX)000(XXXXXX)000000CXXX)CXXXXX)0(XX30000qgCXXXXX)(X)^^
Humor bewahrt den unverdorbenen vor grämlichen, sentimentalen
Stimmungen; auch aus der Not des Terror-Regiments läßt sich die
Erscheinung nicht restlos erklären, wenn auch das Leben in be-
ständiger Furcht vor schwersten Angriffen auf Leben und Ver-
mögen traurige Bilder hervorruft. In der französischen Literatur,
die so starken Einfluß übte, finden sich Beispiele für die Tod- und
Kirchhof maierei; ich wage aber nicht, bestimmte Einflüsse auf-
icustellen. Eine zweite Schwäche des Dichters sind die gebetartig'en
Anrufungen vor den Katafalken der älteren osmanischen Herrscher
(Murad L, Fatih). Diese gesalbten Reden mit ihrer banalen Frömmig-
keit, die sich durchaus in den Formen volkstümUchen, kirchHchen
Denkens und in dem Rahmen des bilHgen Predigtstils zungen-
gewandter Hodschas bewegt, wirkt äußerüch und in der hier ge-
botenen Menge genossen geradezu abstoßend. Wie tief ist da-
gegen Zija, in dessen „frommen" Gedichten die großen Probleme
von Religion und Ethik in ihrem innersten Wesen zu erfassen
gesucht werden. Sind die Frömmeleien Aka Gündüz' bewußte
Konzession an den schlechten Geschmack der Ungebildeten und
der urteilslosen Gebildeten? Nach Mitteilung eines türkischen
Freundes war türkün kitäby gedacht als Lesebuch für Schulen, wegen
der hinreißenden, gerade einfache Gemüter bezaubernden Kraft
der Diktion Aka Gündüz'; man scheine aber davon abgekommen
zu sein. Die Aufgabe, ein Schulbuch zu liefern, würde die Wahl
mancher Stücke erklären, auch jene, sich allzu häufig wiederholenden
„Gebete", die nur geringe Mannigfaltigkeif zeigen. Die Sammlung
türk qalby ist nicht ganz so einseitig und rührselig. Bemerkens-
wert ist hier die Neigung zur Schilderung fremder Volkstypen.
So erscheint der gegen die Italiener kämpfende Araber von Tri-
polis in Äkkasch ['aMäs] Ihn Mansur (S. 78 — 86) und Ali Fezzaid
(S- 87 — 94); sie sind die Vertreter der treuen Gesinnung zum
Kalifen, für die sie den Tod leiden; „Tripolis" (S. 24 — 28) schildert
den Abschied des gegen den Feind ziehenden Arabers von Mutter
und junger Frau: jene will ihn zurückhalten, diese gibt ihn hin:
der Dichter kennt offenbar Land und Leute. Beachte: gerade die
Verbannung nach Tripolis hat in zahlreichen jungen Osmanen
Energien geweckt; die dorthin Gesandten hatten zum Teü einen
Innern Gewinn aus diesem Aufenthalte, bei dem sie manches dem
Lande Nützliche schufen. — Sympathisch ist: Die drei Tage des
Atenasch [Athanas] (S. 131 — 155): der junge Grieche hat wacker
für das Osmanische Vaterland gekämpft in treuester Waffen-
Dichter der neuen Türhei. 117
C<X)COCIOO0OOO0000<>S00C>0(XXXX)00000000000000000000000000000000C)000000000000000O00^
brüderschaft mit dem ihn schätzenden und liebenden Onbaschi
Sali und seinem Hauptmann Mehmed; der lange Brief, den er mit
der Todeswunde an die Mutter schreibt, ist rührend; solche Ge-
sinnung war nicht die Regel im Balkankriege, Man möchte aus
der Skizze schließen, daß Aka Gündüz, als er das schrieb, vom
Osmanismus durchdrungen war; ein Turanist hätte kaum Kraft
und Mut gehabt, einem Nichttürken in solcher Weise gerecht zu
werden. Auch eine Armeniergeschichte wird erzählt, „jumurgaq"
(S. 156 — 166): der namenlose kleine armenische Schurke, der nur
unter dem Namen jumurgaq „Skrofel"! bekannt ist, und ein elendes
Diebesleben führt, erscheint zum Schluß als Pascha in hoher
Stellung im Jyldyz-Kjöschk. — Die Abgewandtheit vom Turan-
fanatismus ist markiert durch die erste Skizze, nach der die ganze
Sammlung genannt ist: „Das Türkenherz" (S. 3 — 12): der Erzähler
hat einen reichen jungen sibirischen Freund, der mit Begeisterung
von seiner Heimat jenseits des Baikalsees spricht; er entschwindet
ihm aus den Augen; eines Tages treffen sie sich in Brussa wieder,
wohin auch die Mutter des Sibiriers gekommen ist; er selbst dient
mit glühendem Eifer im Osmanischen Heere; hübsch ist die Be-
schreibung des Besuches bei der Sibirierin (S. 6 f.), die den Besucher
mahnt: „Bleibe Türke und liebe die, die nicht Türken sind". Mit
diesen Worten schließt auch die Erzählung: sie sind in alttürkischer
Schrift (was dachte sich der Erzähler dabei?) dem Innern eines
kostbaren Ringes eingegraben, den die Alte dem Erzähler schenkt,
als er sie nach drei Jahren wieder besucht gelegentlich des Helden-
todes ihres Sohnes. Darf man in diesem, dem Gesamtbilde des
Dichters entsprechenden, aber von der gegenwärtigen Strömung
leicht als Angriff zu deutenden energischen Bekenntnis eine der
Ursachen sehen für die Verbannung, in der Aka Gündüz seit
mehreren Jahren lebt? — Ein seltsames Stück ist „Ultimatum vom
8. September 1327 [21. 9. 1911] 2": der Dichter windet sich unter
den Qualen beständiger Demütigung seines Volkes: „schämte ich
mich nicht vor Ahn und Ahnfrau, so würde ich zu Hause bleiben;
1 Das Schimpfwort war ihm von der Mutter, als er sie in die Brust gebissen, beigelegt
worden, und wird auch im türkischen Sami als Fluchwort verzeichnet; jumurgaq ist
vulgärer Fehler für Jumrugaq, von j'umru „Geschwulst".
* Das Datum ist unrichtig: das Ultimatum Italiens betreffend TripoHs und Cyrenaika
wurde in der Nacht vom 26. bis 27. September von San Giuliano dem Geschäftsträger
de Martino zur Übergabe an die Pforte übersandt und wurde am 28. September dem
Großwesir Hakki Pascha übergeben.
1 1 8 Hartmann^
CX)C)C©<X)0CO0<X)0<X)0©00(XXXXO0<XXXXXXX)C)00000(X)0^^
bin ich denn geboren nur um verwundet, erdrosselt, tyrannisiert
zu werden? . . . Nun wurde mir noch eine schlimmere Schmach
zuteil; aber wir sind jetzt einig: ziehe das Schwert und öffne das
Auge! Fort in den Krieg!" — Ein einziges Stück ist historisch:
Barrak [barräq] Reis (S. 95 — lo?); die Geschichte von jenem os-
manischen Flottenführer, der die feindüchen Schiffe in Brand gesetzt
hatte, und, als am 21.. Schauwal 904 [1. ö. 1499] Venetianische
Soldaten auf sein Schiff gekommen waren und Übergabe der Flotte
forderten, an die Pulverkammer des eigenen Schiffes Feuer legen
läßt. — Nur ein Stück ist in Versen (Fünfzehnsilber in 4 + 4 + 4 + 3):
Zwei Feste (S. 58 — 63). Zuweilen sind kleine Gedichte in Volkston
eingestreut, die vielleicht Wiedergaben von Volksstücken sind
(S. 47 f.).
In beiden Werkchen fehlt das bei den osmanischen Türken so
häufig anzutreffende Moment des Humors. Das geht, wie andere
Eigentümlichkeiten, vielleicht auf den Ursprung Aka Gündüz'
zurück: er ist Kaukasustürke (siehe oben); diese sind sanfter als
die Osmanen, ausgeghchener, beständiger, entbehren aber der
Energie des Osmanen, die ihm erhalten blieb unter dem ungeheuren
inneren und äußeren Drucke und die nun in einer neuen Periode
sich entfaltet.
In der Sprache liegt eine große Stärke: der Dichter kennt die
Eigenheiten und wendet sie glücklich an; die „Klassiker" verfügen
über einen minimalen Bestand an Begriffen und Wörtern, und ihr
Reichtum ist ein Schein, dadurch hervorgerufen, daß sie bei Be-
zeichnung derselben Sache mit den drei Sprachen abwechseln:
die Mannigfaltigkeit der Dinge, die Aka Gündüz nennt, bringt
einen bedeutenden Wortschatz mit sich, der seine Darstellung kraft-
voll und packend macht; gerade darum ist er aber für den Fremden,
der in der Literatursprache lebt, unbequem zu lesen (ähnlich
Victor Hugo)i.
1 Aka Gündüz müßte ausgebeutet werden für die Arbeit, die sobald wie möglich zu
machen ist: Ergänzung der bekannten Wörterbücher des Osmanischen aus der neueren
Literatur und der Volkssprache (zunächst Groß - Konstantinopels) ; ein Beispiel: ein
Lieblingswort von ihm ist jaslanmaq ; nach mündlicher Auskunft von Türken ist es :
„sich anlehnen", wie wenn jemand sich an eine Tischkante lehnt, mit dem Neb'en-
begriff des Sichausruhens" ; das Wort fehlt bei Sami; bei Zenker ist es zusammen-
geworfen mit jassylanmaq [von yassi/ j,flach"], bei Zenker mit tesdid, das bei Sami
fehlt, aber richtig ist: Ahmed Wefik (S. 1223); lehgeH '^otmäni (S. 1223): jasmaq:
asly jatsamaq j'assamaq jatsy etmek düxdtmek.
Dichter der neuen Türkei. 1 1 g
O0eoOOO(XX>0CXXX300(X>00O0O0O0CXXXXXX>0000CXXXXXX>0OCXXXX>0CXXM0000O0OO000O00O0000O00O0000OOOOO0O0OOO«OO0e^
über Aka Gündüz' qatyrgy oghlu^ hat Hachtmann bereits kurz
berichtet (S, 45). Aka Gündüz hat hier mit Geschik den traurigen
Zustand des Landes in der Verfallzeit geschildert. Er läßt seine
Erzählung von dem Räuberhauptmann Katyrdschy Oghlu Schah
Mohammed Agha unter Mohammed 111. spielen (in der Zeitangabe
auf dem Titel ist ein Druckfehler: statt 1508 — 1509 ist zu lesen
1008 — 10092). Das Buch von Katyrdschy Oghlu ist eine Folge
von einzelnen Szenen, die sich gut voneinander abheben,
Bild 1 zeigt uns die Bürger der kleinen Stadt Sidischehir (80 km
südwestlich Konia), die nach dem Freitagsgebet im Hofe der großen
Medrese Rat halten, denn Gefahr ist im Verzuge; auch Vertreter
der Nachbargemeinden Bej Schehri, Ylgyn und Kara Hisar Sahib
(gewöhnlich Afjun Kara Hisar genannt) haben sich eingefunden.
Der Vertreter von Bej Schehri erstattet Bericht über die von
Katyrdschy Oghlu Schah Mehmed und seinen Gesellen, voran
Haidar Oghlu, verübten Greueltaten und verlangt Direktiven.
Da erscheinen auch schon zwei Hirten außer Atem mit Bot-
schaft vom Räuberhauptmann selbst: der Ortsvorsteher Bakla
MausyUy Riza Agha solle sofort 2000 Piaster zahlen; der
erklärt, das werde er nicht; die Regierung müsse helfen: „Dieser
Hals ist ein Türkenhals; er kann wohl abgeschnitten werden, aber
er beugt sich nicht." Die lebhaft bewegte Szene ist künstlerisch
aufgebaut und wirkt packend.
Bild 2: Der Bote berichtet dem Räuber; der steigt sofort zu
Pferde; alsbald ist er in dem unglücklichen Sidischehir, dem er übel
mitspielt; eine gute Beute ist die schöne Esma, deren Mann er
tötete; er träumt von einem Königreich Anatolien, das er aufrichten
wiU bis an die Grenze Irans; man zieht weiter: ein Weggenosse
singt ein Räuberlied (5 Vierzeiler, S. 19 f.).
Büd 3: Man kommt in das Räuberlager, Sary Sowuk, wo sich schon
Haidar Oghlu mit seiner Truppe befindet; dort gibt es ein
Zechgelage, bei dem Esma, betrunken gemacht, tanzt und ein
schönes trauriges Lied singt (4 Vierzeiler, S. 23).
Bild 4: Der Räuber zieht gegen Karadscha Oren; auf dem
Wege wird ein Koschma gesungen (4 Vierzeiler, S. 2 7 f.); an einer
Quelle träumt der Räuber von einem weiten Reich und sehr sehr
viel Geld; da ertönt ein seltsames Lied zwischen den Bäumen hervor
1 qatyrgy oghlu — awgi sultän mohammed dewrinde 1508 — 1509. Siambul 1332. 58 S.
• Auch die andere Sanierung 1598 — 1599 ist möglich, denn Mehmed III. regierte 1003 — 1012/
1595 — 1603; sicherlich wollte der Verfasser auf dem Titel dai Hidschra-Datam geben.
120 Harlmann,
OOOOOGO(XXX)OOOO<XXXXXX30(XX)00000000OCX3O<XXXX)000O0OOO0OOOCXXX»eXXXXXXXX)OOO000^^
(4 Vierzeiler, S. 30 f.); der Sänger ist Ujsal Tosun, ein Verrückter,
der in bewegten Worten zum Himmel fleht gegen Katyrdschy
Oghlu; der Räuber stellt ein Verhör mit ihm an und erschießt ihn
kurz; das Dorf, um dessen Befreiung von dem Räuber der Verrückte
den Himmel gebeten, wird von diesem selbst ganz gründlich befreit,
d. h. bis auf den Grund zerstört.
Bild 5: Katyrdschy Oghlu zieht aus auf neue Heldentaten;
der zurückbleibende Haidar Oghlu erhält die Nachricht, die Re-
gierung habe Ahmed Pascha mit Heeresmacht gegen die Bande
gesandt; aber der Räuber fürchtet sich nicht: er kennt die Lage
des Reiches genau (S. 3 7 f.): eine ausgezeichnete Schilderung; im
offenen Kampfe werden die Räuber geschlagen; aber der Pascha
beutet den Sieg nicht aus: nach alter türkischer Kriegsart legt
man sich zunächst zur Ruhe, denn man ist müde, und Pascha
und Lager sind nach dem Nachtgebet alsbald in tiefem Schlummer.
Das ist die Rettung: Räuber schleichen sich an die Wachen heran;
alsbald findet am Rande des Lagers eine Beratung von Räubern
und Soldaten statt; diese werden überzeugt, daß es die größte Sünde
ist, wenn sie als Muslime gegen die Glaubensgenossen kämpfen,
und in offener Meuterei lassen sie den Pascha im Stieb, der leicht
gefangen und auf jede Weise beschimpft wird; er soU nach Stambul
zurückgeschickt werden in kläglichem Aufzug; mittlerweüe kommt
Katyrdschy Oghlu angaloppiert und fährt Haidar Oghlu an
wegen seiner Blödheit: er läßt dem Pascha die Augen ausstechen
und den Kopf abschlagen.
Bild 6: Nach Haidar Oghlus Tode treibt's Katyrdschy Oghlu
wo möglich noch ärger; sein Reichtum mehrt sich; nur erfüllt ihn
eine Sehnsucht; Stambul! Dorthin macht er sich auf; auf dem Wege
wird ein Lied gesungen (2 Vierzeiler, S. 48); in Tschaj wird die
Begnadigung aus Stambul erwartet; von den höchsten Beamten
treffen Geleitbriefe {{sti^männänie) ein ; endlich zieht er in die Hauptstadt
ein und wird vom Sultan empfangen; das Volk in Stambul weiß
eigentlich nicht, worum eis sich handelt, aber es gafft; man weiß
nur, es gibt ein Fest. Freilich eine Unannehmlichkeit hat der
Aufenthalt in der Hauptstadt für Katyrdschy Oghlu: das viele
Trinkgeld, das er zahlen muß. Schließlich überzeugt er die Re-
gierung, daß er ein geruhiges, frommes Leben führen und seine
vortrefflichen Verwaltungsfähigkeiten in einem Sandschakbejlik
werde betätigen können; er verlangt Jenisch ehir und erhält es.
Die Bewohner sind geknickt: Katyrdschy Oghlu führt inmitten
Dichter der neuen Türkei. 121
1>OOOeOOOOOOOOO0OO(X>O0O0O0O(XXXIOOOOOOOOOO0OO0O0OOOOO(XXXX)0OO0OO0OO0OO0OOO0O0OOOOO0OOOOOOO^^
alter Skelette und auf der Brust neuer Leichen ein geruhigfes,
frommes Leben bis an sein Ende.
Man würde irren, wollte man in qatyrgy oghlu eine gewöhnliche
Räubergeschichte sehen, etwa wie wenn es sich um die Wieder-
gabe eines alten Destans handelte i. Der Dichter fand in den
Chroniken einen Stoff, der für eine Pest des Osmanischen Reiches
in der Verfallzeit typisch ist: ein Kraftmensch wächst sich durch
die Elendigkeit der Regierung zu einer Geißel für eine Provinz
aus; nicht einmal mit Heeresmacht kann man ihn bezwingen;
schließlich nimmt die Regierung ihn in Dienst, und er wird ver-
nünftig, oder er setzt nun sein Treiben erst recht fort. Das ist
wohl der Ursprung zahlreicher Derebej-Familien in Anatolien und
Kurdistan 2. Der Hauptzug im Wesen des Raubritters von der
Katyrdschy-Klasse ist die politische Tendenz: er setzt sich bewußt
in Widerspruch zur Regierung, die er verachtet und deren unfähige
Diener er mit besonderer Grausamkeit behandelt. Köstlich —
vielleicht nicht ohne einigt Bosheit ■ — ist von Aka Gündüz das
Motiv herausgearbeitet, das einen der schwersten Schäden der
„guten alten frommen Zeit" darstellte: „der Muslim soll dem Muslim
kein Leid antun", und das volkstümlich sich so ausdrückt (ich hörte
es mehr als einmal): hende müslim sende müslim elhamdü lillah „wir
sind ja beide Muslime, Gott sei Dank" — es ist das Spießgesellentum
auf religiöser Basis, das da gepredigt wird. Dieses göttliche Gebot
wird erschüttert, wenn die muslimische Regierung gegen Räuber
vorgeht, die den Islam bekennen. Die Schlauheit, mit welcher
Haidar Oghlu die Soldaten des gegen ihn gesandten Ahmed
1 Gelegentlich wurde mir der Gedanke geäußert, Aka Gündüz habe mit qatyrgy oghlu
seinen Nachfolger Ahmed Muchtar verspotten wollen, der in der Tat ein Nachkomme
des Räuberhauptmanns ist (sein Sohn Mahmud Muchtar nennt sich sogar Katirdschoglu
auf dem Titel seines Die Welt des Islam [Deutsche Orientbücherei I, Weimar 191 S]).
Graf Mülinen macht mich aufmerksam auf die Erwähnung des Rebellen Katyrdschy
Oghlu, der unweit von Hannibals Grab den Truppen des Großherrn Awdschi Mehmed
(Sultan Mohammed IV.) eine Schlacht lieferte, bei Hammer.
* So viel mir bekannt, sind bis jetzt die Bildung der Dere-Bej-Herrschaften und die Macht-
gewinnung durch Raubritter in der Türkei noch nicht Gegenstand wissenschaftlicher
Behandlung gewesen. Ich empfehle dieses Problem dringend. Es sind zunächst die
Tatsachen zu sammeln, für welche namentlich die Berichte von Reisenden in Anatolien
und Syrien in Betracht kommen, die das Treiben aus der Nähe beobachteten. Die
Hauptnamen sind bekannt; da ist vor allem der Oberräuber und Patriarch, der Kurde
Bedrchan, aus neuerer Zeit sein Volksgenosse Ibrahim Pascha (Wiranschehir) ; in
Nordsyrien die Rittersippen, die bei Ritter nach zeitgenössischen Quellen ausführlich
geschildert werden u. v. a.
12 2 Hartmann,
OOOO0CX)OOC«XXXJQOO©(XXXXXX)OO(XXX»OOOCXXXXX)OOOOOOOOOOCXXXDOOOOOOCXXXXXXXX)OO
Pascha bearbeiten läßt, ist mit Liebe geschildert: kaum ist der
Verführer zehn Minuten mit einer Wache zusammen gewesen, da
bildet sich am Rande des Lagers eine Gruppe von Soldaten, die
die Mahnung anhören, sie dürfen es nicht mit einer Regierung
halten, die Untergang bringe, während Katyrdschy Oghlu und
Haidar Oghlu in Anatolien ein neues Regiment aufrichten wollen,
und sie dürfen nicht auf Befehl eines „Kerls" wie Ahmed Pascha
gegen die Glaubensbrüder kämpfen: „auch unser Herr Mohammed
hat nur mit den abscheulichen Ungläubigen gekämpft; welcher Abfall
vom Glauben packte euch, daß ihr gegen die islamischen Brüder
ins Feld zieht ?" Das wirkt, und als der Pascha die Soldaten „Verräter"
nennt, schleudern sie ihm das Wort zurück.
Die Parallelen zu anderen Räubergeschichten liegen nahe. Ich
gehe hier der neuesten nach, deren Sammlung und Bearbeitung
wir dem unermüdlichen Fleiße und der bewundernswerten Arbeits-
kraft Enno Littmanns verdanken. Das Lebensbild des Tschakyr-
dschalyi in seinem „Tschak^dschi/ — ßin türJcischer JRäuberhauptniann
der Gegenwart^'' (Berlin 1915) ist einigermaßen vollständig, während
es sich in Aka Gündüz' qatyrgy oghlu nur um Szenen aus dem
Leben des Räubers handelt. Wir gewinnen aber aus dem
Material ein klares Büd von den beiden Männern und können
daraus nicht unwichtige soziale Schlüsse ziehen. Es sind zwei
Typen, die nebeneinander hergehen: da ist der Gewalttäter aus
Neigung, ja, Leidenschaft, der von unersättlicher Machtsucht und
Genußsucht getrieben ist, aus dämonischer Bosheit die Mitmenschen
quält und überall als Geißel empfunden wird; Katyrdschy Oghlu
träumt von nichts Geringerem als ein großes Reich zu gründen;,
er ermangelt nicht einer gewissen Genialität; nur ist der Katyrdschy
Oghlu des Aka Gündüz nicht historisch genug, um darauf eine
Charakteristik zu bauen; wir kenen aber Gestalten, die ihm nahe
stehen: ich nenne nur den Kurdenhäuptling Bedrchan, dessen nichts-
würdiges Treiben Layard beschrieb, und den unseligen Ibrahim
Pascha, den aufzusuchen um die Wende des Jahrhunderts als eine
Art Sport galt. Das sind Männer von ganz anderem Umfange als
der Kleinräuber Tschakydschy, der sein Handwerk eigentlich
nur im Kaza Ödemisch und in dessen nächster Umgegend betrieb.
Wenn die Regierung mit jenen nicht fertig werden konnte, so ist
e§ erklärlich: der Padischah wohnte so weit, so weit! und der
goldene Esel, den sie zuweüen verwandten, war feist und stark.
1 Hauptquelle ist der Tschawusch Ibrahim, über welchen siehe dort S. 24.
] Hehl er der vevcn Türke'. 123
O0<aOOOOOC)0C)0OOO<X>O0CKXXXXXXXX)OaX)OOOO0OOOOO0OOOO0O0OO0OOO^^
Gegen sie ist Tschakydschy ein armer Teufel, der seinen Erfolg
nicht zum wenigsten dem Umstände verdankte, daß er den obersten
Vertreter der Regierung selbst, den Wali von Smyrna, in seinen
Diensten, d, h. als Gesellschafter hatte (siehe Littmann S. 9)1.
Einer so feinen Intrige wie die Verhetzung der Soldaten auf religiöser
Basis (siehe S. 52) -wäre er nicht fähig gewesen. Und doch, gegen
ihn kam die Regierung nicht auf. Hier zeigt sich ein Motiv, das
bei Katyrdsehy Oghlu ausfällt: Tschakydschy genießt Liebe
und Verehrung bei einem Teile der Bevölkerung, denn die Objekte
seiner Gewaltsamkeit sind die Reichen und die Regierungskassen,
mit denen Mitleiden zu haben die große Masse keinen Anlaß hat;
wohl aber erweist er gelegentUch Notleidenden Wohltaten. Kein
Wunder, daß der verfolgte nie zu finden ist. Ein anderes Unter-
scheidendes ist, daß Tschakydschy nach der, den Eindruck der Auf-
richtigkeit machenden Aufzeichnung des Tschawusch Ibrahim nicht
zum wenigsten durch Rache zu seiner Laufbahn getrieben war. Ob die
Annahme des Regierungsdienstes durch Katyrdsehy Oghlu historisch
ist, kann ich nicht sagen; sicher ist das Scheitern des Versuches der
Regierung, Tschakydschy auf solche Weise zu gewinnen 2.
Was beiden Darstellungen, der künstlerisch ausgestalteten bei
Aka Gündüz und der primitiven bei Ibrahim gemeinsam ist, ist
die Beigabe von poetischen Stücken, dort eingewoben in die
Erzählung durch den Dichter, hier auf Verlangen des Europäers ge-
sondert von der Vita niedergeschrieben. Nur bei Ibrahim ist man
sicher, daß die Stücke wirklich im Munde des Volkes umgehen; bei
Aka Gündüz liegen zwei Möglichkeiten vor: er adaptierte Volksgut
dem literarischen Bedürfnis, oder er schuf aus Eigenem, dabei den
ihm wohlbekannten Volkston so treu wie möglich nachahmend.
1 Dazu kommt, daß Raub nicht eigentlich Straftat im Sinne des Schari'at ist; gewöhn-
licher Raub (ghasb) ist nie unter die hudüd — Eingriffe in die Rechte Gottes — ge-
rechnet worden; nur Straßenraub wurde, in der Not der Zeiten, in sie eingeschmuggelt
(die älteren Juristen wissen nur von den bekannten vier hadüd; qaf attarlq ist ein
fünftes hadd, das erst bei den Späteren vorkommt).
' Der Deutsche Hopf erzählt nach dem Berichte eines Engländers, daß dessen in Smyrna
hochangesehener Großvater auf Bitte der Regierung mit Tschakydschy in Unterhandlung
trat: „der Erfolg war, daß T. ein Lehensgut bekam und ein festes Gehalt gegen das
Versprechen, selber das Räuberhandwerk aufzugeben und die ganze Gegend von Räubern zu
säubern" (Littmann S. 8f.). ,, Lehensgüter" gab es um 1900 nicht. Was gemeint
ist, geht hervor aus dem Berichte Ibrahims, daß zwar ein Kaiserliches Irade erging,
das den Räuber verlocken sollte, daß aber Tschakydschy nicht in die Falle ging. Er
wurde ja auch im Kampfe mit Regieruagstruppen getötet.
124 Hartmann,
CO0OGOOOOCXXyX)(X)»X)CXXXXXX>OOOOC)OOCOOOOOOOOOOO<XXXXXyX)O(^
Zunächst ein Wort über die Gruppe, die für den Forscher das
weit höhere Interesse hat: die zwölf Vierzeiler Ibrahims. Litt mann
hat sich mit ihnen viele Mühe gegeben, und durch die Beihilfe
von Kennern (Jacob, Nemeth) ist einiges herausgekommen i. Aber
1 Dieser Teil des Büchleins ist erfreulicher als der andere, die von dem Tschawusch
Ibrahim niedergeschriebene Vita des Räubers und die Bearbeitung dieser. Die sprach-
lichen Einzelheiten dieser verfehlten Arbeit, die den Rest dieser Anmerkung in
MSOS III S. 55 — 57 bilden, teile ich hier nicht mit. Ich gebe aber die allgemeinen
Bemerkungen, die ich für methodisch wichtig halte. Wer mit Orientalen gearbeitet hat,
weiß, wie die Einfacheren unter ihnen, um sich dem schwerhörigen Fremden verständ-
lich zu machen, immerwährend wiederholen, einen Ausdruck durch andere ersetzen,
Worte ah ungehöriger Stelle einschieben zur Erklärung, und wie dann der gutgläubige
eifrige Fremde ein Manuskript mit Unmöglichkeiten erhält. In diesem Falle liegt nach
S. lo eine Originalniederschrift des Ibrahim vor. Es ist aber völlig unmöglich,
daß Ibrahim die soeben in Transkription gegebenen wirren Worte wirklich geschrieben
hat. Die Erklärung gibt Littmann selbst S. lo: Die Niederschrift war so schlecht,
daß Ibrahim sie vielfach selbst nicht '"mehr lesen konnte; „ich habe nun geglaubt, mich
im großen und ganzen an die verbesserte Texlgestalt halten zu sollen, d. h. an das
Diktat (d. h. an die Transkription des Ganzen nach dem Diktat, die Littmann mit dem
türkisch geschriebenen Texte nicht mehr vergleichen konnte und die an vielen
Stellen von dem Original ganz bedeutend abwich, S. lo); wo dies vom Original
abweicht, habe ich meist die diktierten Worte für die Publikation mit türkischen
Buchstaben umschrieben ... So ist ein ,gemischtcr Text' entstanden, der aber
m. E. keine Gefahren der Ungenauigkeit und Unwissenschaftlichkeit in sich birgt". Ich
enthalte mich eines Urteils über diese Art Textbehandlung und bemerke nur, daß die
verachtete Philologie (,,es wäre eine unnötige Arbeit gewesen, philologische Unter-
suchungen über das Verhältnis von Diktat und Original anzustellen" S. lo) hier recht
sehr am Platze gewesen wäre (ich halte daran fest, daß meine Niederlegung des
„Türkischen Textes aus Kasgar" [Keleti Szcmle 1904 und 1905] in sieben Varianten
nicht unnütz war). Diese Verachtung hat sich gerächt. Es gilt nun, den heillos ver-
worrenen Text zurechtzurücken. Das kann nur jemand, der mit dem Osmanisch-
Türkischen vertraut ist; mit ihm vertraut sein, heißt freilich nicht, eine Zeitungsnotiz
mit vieler Mühe und vielen Mißverständnissen und mit Hilfe des Wörterbuches über-
setzen und einige auswendig gelernte Sätze hersagen; von den Schwierigkeiten des
Osmanischen haben die meisten, die sich heute damit zu schaffen machen, nicht einmal
eine Vorstellung; es ist nicht selten schwerer, einen osmanischen Text vollkommen
richtig zu interpretieren, als eine Inschrift in einer bisher unbekannten oder wenig be-
kannten Sprache zu übersetzen, weil hier die Phantasie freies Spiel hat. — An den
Versuch einer Sanierung des verdorbenen Textes von S. i schloß ich MSOS III S. 57
folgende Worte an: ,,Es wird unzweifelhaft möglich sein, einen Aufsatz über den
Räuberhauptmann zu erhalten, der besser unterrichtet, reichhaltiger, sprachlich einfacher
und zugleich korrekter ist als das Stammeln Ibrahims (man täusche sich nicht darüber, daß
die gewaltige Umwälzung mit Riesenschritten vor sich geht: die „gelehrte" Schreiberei
Tbrahims wird bald keinen Vertreter mehr haben; man vergleiche z. B. die Sprache des
hochgebildeten Aka Gündüz: sie ist in den Augen der „Gebildeten" alter Schule q^dba
„roh", und doch ist sie meisterhaft neben den Stilblüten des Tschawusch Ibrahim)."
IHclder der neuen Türkei. 125
OCIOOC)OOC)OOOCXX)©OGOOOOC)<X)OOOCXXXX>OOOOOOOOOC»OOOOOOC)C>C)OOCXXX^
wichtige Punkte sind nicht erkannt, und auch im einzelnen sind
Verbesserungen und Ergänzungen nötig; hier zeigt sich die Un-
bekanntheit mit elementaren Tatsachen der Grammatik und des
Wortschatzes sowie mit dem Bau dieser Art Gedichte; sicherlich
haben die Übersetzungen den trefflichen Kennern wie Jacob und
N6meth nicht vorgelegen. Ich bemerke: 1. Nr. 1, 4 ürküdür
konaklary „zittern die Paläste [vor Furcht]"; in der Anmerkung dazu
wird spekuliert über das Suffix von konaklary, das „vielleicht nur
des Reimes wegen gesetzt" sei; sonst müßte übersetzt werden ,ihre
Paläste', d. i. die Paläste der reichen Leute"; in dem Kommentar
S. 43 wird von einer Parallele des „Zittern der Paläste im Tale zu
dem Schwanken der Pappeln" geredet; das ist alles völlig unnütz,
denn ürküt bedeutet nie „zittern", sondern nur „erzittern lassen",
und es ist zu übersetzen: „wenn du nach Tschakydschy fragst, [so
wisse:] er läßt die Paläste erzittern {y ist natürlich Zeichen des
Akkusativs); aber noch aus besonderem Grunde ist die Übersetzung
„zittern die Paläste"' unmöglich: aus^ der Vergleichung mit Nr. 5
und Nr. 8 (übrigens auch aus der naheliegenden Erwägung einer
gewissen, selbst in den einfachsten Liedchen spontan auftretenden
Gedankenfolge) ergibt sich, daß der Vers nach dem Bedingungs-
satz (Vers 3) eine Beziehung zu Tschakydschy hat (in Nr. 5: „er
trat in sein zwanzigstes Jahr", in Nr. 8: „er ist im Munde der ganzen
Welt"; auch aus diesem Grunde ist ein: „zittern die Paläste" un-
richtig und unmöglich). — 2. Nicht verständlich ist S. 31 n 1 „bak
steht des Reimes wegen für bakyn"; gerade der Reim wäre hier
ein Hindernis gewesen; denn baq auf jog zu reimen ist ein starkes
Stück und wirkt wegen des nebentönenden boq komisch; der Über-
gang von dem pluralen giri7i zum Singular baq war einzig herbei-
geführt durch die Silbenzahl, — 3. Erstaunlich ist, daß die erste
Bedingung wissenschaftlicher Bearbeitung nicht erfüllt wurde: die
Feststellung der metrischen Form, ohne deren Erkenntnis die
Feststellung eines sichern Textes nicht möglich ist; selbstverständ-
lich hat auch die formlose Gestalt solcher Texte, wie sie tatsächlich
im Munde des Volkes umgeht, ihre Bedeutung", und der P^all ist
denkbar, daß die unmetrische Form ein größeres Interesse hat
als die korrekte; es muß aber durchaus der Versuch g^emacht
werden, zu sanieren, schon deshalb, weil dies der einzige Weg ist,
die wahrscheinlich ursprüngliche Form zu erreichen; daß der
erste Sager der Verse sie nach den üblichen Gesetzen gesagt hat,
ist anzunehmen; Strophen bzw. Lieder, die wirklich ins Volk dringen,
126 Hartmann,
OOOOeO00<XXX)O0O<>30<XXXXXKXXXXXXXXXXXXXXX>CXXXX>(XXX>OO<XXX)OO0OCXXX^^
gehen meist, wenn nicht von Künstlern, so doch von Könnern
aus, die das Technische beherrschen; hier liegen noch viele Probleme:
was ist vom alten ^izaninm. erhalten? in welchen Volksklassen ist
die Fähigkeit des Sagens besonders stark? wie ist der Modus der
Tradition? Ich klagte mich selbst an, daß ich diesen Dingen auf
arabischem Gebiet nicht schärfer nachgegangen bin, aber ich habe
in der Einleitung zu meinen „Liedern der Libyschen Wüste'^ einiges
Sichere über die qauwäl Ägyptens beibringen können; so muß es
heute mit den Sängern Anatoliens gemacht werden, und zwar
systematisch; in Stambul selbst bildet jetzt Köprülü eine Schule,
die diesen Fragen mit Verständnis und zielbewußt nachgehen wird;
darum sollen wir nicht erschlaffen: wir werden in gemeinsamer
Arbeit mit berufenen Osmanen und Tataren zu genauer Aufzeichnung
der hauptsächlichen Destan-Stoffe, die heute in Anatolien leben
(später müssen auch die andern Türkländer herangezogen werden),
zu gelangen suchen, und dieses Material ist dann von allen Seiten
zu durchleuchten, unter Heranziehung sämtlicher Nachrichten, auch
der geringfügig scheinenden, die sich bei östlichen und westlichen
Autoren finden, namentlich aber der älteren überlieferten Texte,
unter denen die dem Kaschgari verdankten obenan stehen (es
ist wohl möglich, daß wir trotz des Unverstandes der osmanischen
„Klassiker" hier noch Überraschungen erleben).
Zur vergleichend-literargeschichtlichen Behandlung der Stücke
hat Litt mann einiges beizutragen versucht. Wir kommen mit
dem Heranziehen vereinzelter Parallelen nicht viel weiter. Die
Stücke sind vielmehr in den großen Rahmen einer systematischen
Behandlung zu stellen, die, soziologisch orientiert, diese Betätigung
des Vorstellungslebens mit anderen Vorstellungsäußerungen in einen
historisch begründeten Zusammenhang bringt. Alle Spekulationen
über Stücke solcher Art sind zu orientieren an der Tatsache des
destän. Ausführung dieses Gedankens würde hier zu weit führen.
Ich will nur einige wenige Bemerkungen machen.
1. Bei den Türkvölkern ist seit alters eine Gedichtgattung beliebt,
die ein Ereignis oder einen Zustand in Vierzeilern schildert. Diese
Vierzeiler haben ein eigenes Leben: sie sind Gestaltungen allgemeiner
Natur oder knüpfen sich an eine bestimmte Person oder enthalten
Allgemeines und Bestimmtes zugleich. Zusammengestellt bilden
sie einen destän (pers. däsetän „Erzählung"; der Ursprung des Wortes
ist nicht sicher; Vullers denkt an Ableitung von dänisten; dann
wäre zu vergleichen ar. siS^ von sa^ai^a), eine Ballade.
I
Dichter der neuen Türkei. 127
fioocie)oooc)<x)oc<xxxxx»oooooooooooo<xxx»X)OOOooooociooooexxxxx^
2. Die ältesten zurzeit erreichbaren Proben von Destanen aus
Vierzeilern sind die Stücke, die Mahmud al-Kaschgari in sein
(hnän lughät attnrk, verfaßt 466/1074, aufgenommen hat; die metho-
dische Bearbeitung dieser Stücke durch Köprülüzade Mehmed
Fu'adi in „Der Äschyk ['äsiq]-Stil" in Milli Tetebbü'ler I, 1 ff . führte
zu dem überraschenden Ergebnis, daß wir es da mit den Resten
von vier deutlich unterscheidbaren größeren Heldengedichten zu
tun haben.
3. Die Vierzeiler sind außerordentlich beweglich: der schaffende
Volksgeist formt sie beständig um; sie nehmen Motive aller Art
in sich auf, auch solche höherer Ordnung wie mystische; es ist
dabei zu beachten, daß der Jargon der Mystiker durch die Teil-
nahme auch mittlerer und niederer Leute an den mystischen
Andachten bis zu einem gewissen Grade Volksgut geworden ist;
hier sind mystische Momente unschwer zu erkennen in Nr. 10, sind
auch erkannt von Jacob, siehe S. 48 f.
4. Von der Form der Vierzeiler bei Kaschgari handle ich hier
nicht (einiges in meinem Referat über iniJll, tetebbü'ler 1 — 4 in „Der
Islam"); hier nur so viel, daß am häufigsten vorkommt der Sieben-
silber; heute scheinen am beliebtesten zu sein der Siebensilber mit
4 + 3, der Elfsilber mit 4 + 4 + 3 und der Elfsilber mit 6+5. Ich
glaube die These aufstellen zu dürfen: in den zwölf Stücken
Littmanns sind alle drei Formen vertreten: Nr. 1 — 4 sind
Siebensilber, jedoch, wie heute häufig, nicht mit durchgeführter
Zäsur 2; es wechseln 4+3 und 3 + 4; rein 4+3 ist Nr. 3, rein
3 + 4 ist Nr. 4; zu sanieren sind Nr. 1, 3: lies caqygyjy mit Fort-
lassung von MeJimedi, und Nr. 2, 3 itschijor: lies icer; Nr. 2, 4 fehlt
eine Silbe. — Nr. 5 — 9 sind Elfsilber mit 4 + 4+3, ziemlich rein;
zu sanieren Nr. 5, 1: das nach S. 30 n 2 „im Original stehende
und beim Lesen ausgelassene" su ist in den Text aufzunehmen;
dieses m ist gerade in diesen Gedichten beliebt, vgl. su bozdaghyn
Nr., 7, 1 ; Nr. 5, 3 lies ^aqyrgaly mohammedi sorarsan; die Lesung
1 Er widmete sich in den letzten Jahren ganz der Erforschung der älteren osmanischen
Poesie; vgl. oben S. 94.
2 Es ist unbedenklich, hier den Terminus „Zäsur" anzuwenden für den Einschnitt, der im
Verse regelmäßig an bestimmten Stellen durch Wortende hervorgebracht wird. Wenn
die klassischen Philologen gelegentlich „Zäsur" auf die antike Metrik beschränken wollen,
so ist das Verkennung ihres Wesens, denn sie will nur einen Ruhepunkt schaffen, und
das wird durch den Wortabschluß erreicht, mag es sich um Maßverse oder um Zähl-
verse handeln.
128 Hartmann, Dichter der neuen Türkei.
OO0OO(XXXX)OOOCXXXXXXXXXX)OOOOOOOOOC>3<XXXXXXXXXXXXXX)OOOOCXXXXXXX)OOOOOOOOOOOCXX)OCXXXXD^^
moharnmed ist unbedenklich; sie geht hier neben inehmed her; ich
bemerke, daß die Aussprache Mehmed nicht durchgängig ist, mir
wurden Fälle genannt, in denen historische Mohammeds voU aus-
gesprochen werden, mit dem Bewußtsein, daß es sich hier um eine
Abweichung vom GewöhnHchen handle; Nr. 5, 4 fehlen vier Silben;
vielleicht caqyrgaly girmis usw.; Nr. 6, 3 lies eger ynanmaz ysanyz', die
Zäsur vor maz stimmt mit dem bei strengen Metrikern Beobachteten
überein; das inanmazsynyz des Textes halte ich für verhört; obwohl
Vokalangleichung häufig ist, kann ich nicht annehmen, daß der
Vokal verwischt ist, hier, wo auch das niedere Volk den Sonder-
charakter der Form (des conditionalis) empfindet; Nr. 6, 4 es fehlen
zwei Silben; vielleicht gelin girin usw.; Nr. 7, 2 zwei Silben zuviel;
lies qalem gihi caqyrgynyn gaslaiy; Nr. 8, 3 herzustellen wie 1, 3;
Nr. 8, 4 vielleicht (Caqyrgaly dyr '^alemin dilinde; Nr. 9, 2 hu ist zu
streichen; g, 3 nach dir ist einzufügen hen-, Nr, 9, 4 das zweite aman
und henim sind zu streichen. — Nr. 10 — 12 sind Elfsilber mit 6 + 5;
vollkommen rein ist 12, nur ist in V. 3 gelsün, in V. 4 sen zu streichen;
iri V. 2 ist Zäsur nach otur unbedenklich, vgl. zu Nr. 6, 3 ; Nr. 1 1
möchte ich so lesen: 1. ainajyniy almys efe dizini 2. jmrdemini dökmys
efe jüzüne 3. sen efe uima sen düsmen sözüne 4. sen coguqsun daha aldadyr
seni (kann auch 4 + 4+3 sein); Nr. 10 möchte ich lesen: 1. qafesde
. , . hülbüL dolasyr 2. jüzüne baqanyn gözü qamasyr 3. aman hen sercliosmn
diliin dolasyr 4. sen at martiniji boinumdan asyr.
Ich bin weit abgekommen von Aka Gündüz. Wir befinden uns
hier aber auf einem Boden, auf dem es einer energischen Auf-
klärungsarbeit bedarf, damit die irrigen Vorstellungen, die besonders
gefährlich sind, wenn sie durch große Namen gedeckt sind, nicht
weiter geschleppt werden. Zugleich ist es für die Entwicklung der
Türkischen Moderne nicht ohne Bedeutung, wenn ihre Vertreter
sehen, daß es in Deutschland Männer gibt, die jeden Schritt, der
da getan wird, sorgfältig verfolgen. Manchen, im Osten und im
Westen, wird das unbequem sein, und sie werden sich über diesen
„Philologenkram'', diese kleinliche, pedantische, mechanische Arbeits-
weise spöttisch oder entrüstet äußern. Mich selbst zieht es mehr
zu anders gearteten Aufgaben. Aber diese scheint mir dringend.
Sie ist eine Forderung des Tages.
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